Eine Subprime-Retrospektive und ein Momentum
Cindy Bach in Insider Daily
vom 12. Juni 2008, 10:00 Uhr
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Liebe Leserinnen, liebe Leser,
es geht den Finanzmärkten und somit auch den internationalen Aktienmärkten momentan fast so wie vielen Menschen mit einer Grippe. Zuerst fühlt man sich etwas angeschlagen, dann erwischt es einen so richtig, aber man hat keine Zeit es auszukurieren und dopet sich mit Medikamentencocktails fit. Und schließlich schlägt man sich noch eine geraume Zeit mit den Viren herum, fühlt sich einen Tag mal besser und den anderen wieder schlechter.
Der Virus kam aus den USA
Auch die Finanzmarktkrise hatte sich bereits im vergangenen Frühsommer angekündigt. Der Virus" kam aus den USA. Auslöser waren die kontinuierlich gestiegen Zinsen, während die Immobilienpreise begannen rapide zu stagnieren und teilweise sogar zu fallen. Es kam dazu, dass einige Kreditnehmer ihre Hypothekenkredite nicht mehr bedienen konnten. Zunächst waren davon in erster Linie Subprime-Kredite betroffen, also Kredite, die überwiegend an Kreditnehmer mit geringer Bonität vergeben wurden. Daran war grundsätzlich zunächst noch nichts Besorgniserregendes. Es war, um auf unserem Grippe-Vergleich" zurückzukommen, wie ein kleiner Schnupfen.
Weitreichendere Auswirkungen ergaben sich aber dadurch, dass diese Subprime-Kredite über strukturierte Anlageformen im Kapitalmarkt refinanziert wurden. Das bedeutet, diese Hauskredite wurden als Wertpapiere verbrieft und als so genanntes Forderungsbesichertes Wertpapier (englisch asset-backed security, kurz ABS) verkauft. Doch bei den Aufkäufern handelte es sich längst nicht mehr nur um risikobereite Hedge-Fonds, sondern es waren vielfach auch Fonds, Versicherungen und solide Banken unter den Käufern zu finden. Und damit begann sich der Schnupfen zu einer echten Grippe zu entwickeln. Doch da diese Entwicklung eine völlig neue war, gab es eben auch noch nicht das entsprechende Medikament.
Der Schnupfen wird zur Grippe
Die Folgen: Insbesondere Hedge-Fonds, die sehr stark in risikobehaftetere Wertpapiertranchen investiert hatten, verzeichneten erhebliche Verluste, die teilweise zur Schließung und Abwicklung der Hedge-Fonds führten. Auch Investmentbanken selbst waren betroffen. Das wiederum führte am Kapitalmarkt zu einer augenblicklichen Abnahme der Risikobereitschaft privater und institutioneller Anleger. Diese zogen nun innerhalb kürzester Zeit beträchtliche Beträge aus dem Markt oder hielten sich zumindest mit neuen Investitionen in risikoreiche Anlagen zurück.
Das wiederum hatte zur Folge, dass die Liquidität der beteiligten Institute stark abnahm und die Geldmarktzinsen in die Höhe kletterten. Zu der Grippe kamen also auch noch Kopf- und Gliederschmerzen.
Mittlerweile zog sich diese Grippe schon einige Monate hin und irgendwie erwuchs bei zahlreichen Marktanalysten die Vermutung, dass dieser Virus das Zeug zu einer Krise haben könnte. Doch es ging noch weiter, viel weiter. Das Misstrauen der Banken untereinander nahm immer stärkere Ausmaße an. Plötzlich waren Banken auch untereinander nicht mehr bereit, die vorher im großen Maße ausgereichten Liquiditätslinien an andere Banken zu verlängern beziehungsweise neu auszureichen.
Ben Bernanke als Arzt in der Not"
Als Ärzte in der Not" traten nun die Notenbanken auf den Plan: Sie sahen sich veranlasst, dem Geldmarkt kurzfristig mit Liquidität in einem hohen dreistelligen Milliardenbetrag unter die Arme zu greifen, um zu verhindern, dass die Subprime-Krise eine allgemeine Kreditklemme oder Finanzkrise auslöst. Allein die Europäische Zentralbank hatte in wenigen Tagen über 200 Mrd. Euro durch so genannte Schnelltender zur Verfügung gestellt. Die US-amerikanische Federal Reserve und ihr Chairman Ben Bernanke stellten im November 2007 weitere rund 40 Mrd. US-Dollar zur Verfügung - die größte Geldmarkt-Intervention seit September 2001.
Doch auch dieser Medikamentencocktail" verfehlte seine heilende Wirkung, aber so ist das, wenn die Ursache für eine Infektion fiel tiefer liegt, man eigentlich den ganzen Apparat einmal auf null schalten müsste um zu genesen und ihn dann wieder anfahren. Aber die Fed gab sich so schnell nicht geschlagen. Sie hatte ja noch eine letzte Supermedizin" im Schrank stehen.
Die Grippe erreicht ihren Höhepunkt
Als Anfang dieses Jahres bekannt wurde, dass große amerikanische Investmentbanken im Zuge der Subprimekrise Verluste in Milliardenhöhe in den Büchern haben und entsprechende Abschreibungen vornehmen müssen, lief die Grippe ihrem Höhepunkt zu. Allein die amerikanische Investmentbank Merrill Lynch musste 8,4 Mrd. Dollar an Abschreibungen verbuchen, überwiegend aufgrund von Neubewertungen von Investmentprodukten. Auch die Citigroup meldete Milliardenabschreibungen und den damit verbundenen Rücktritt des Unternehmensvorsitzenden Charles Prince.
Schließlich sah sich die Fed im Zuge einer sich abzeichnenden Rezession am 22. Januar 2008 gezwungen, die Supermedizin aus dem Schrank zu holen: Sie senkte den Leitzinssatz, zu welchem sich Banken bei ihrer Zentral- oder Notenbank gegen Verpfändung notenbankfähiger Sicherheiten oder unter Eingehung eines Wertpapierpensionsgeschäftes Zentralbankgeld beschaffen können, von 4,25% auf 3,50% zu senken. Die Geldschleusen wurden geöffnet, das Liquiditätsproblem wurde beseitig.Bereits am 30. Januar erfolgte eine weitere Zinssenkung um 0,50% auf nunmehr 3,0% und schließlich im März eine Senkung auf 2,25%.
Aber wie es nun mal ist, wenn man die Symptome und nicht die Ursache bekämpft. Es wird zu einem langen Kampf. Am 16. März 2008 unterbreitete JPMorgan mit Unterstützung der US-amerikanischen Notenbank ein Übernahmeangebot für die zu dieser Zeit fünftgrößte US-amerikanische Investmentbank Bear Stearns, welche aufgrund von Liquiditätsproblemen und Gerüchten über diese Probleme in Schieflage geraten war.
Subprime kommt nach Deutschland
Auch deutsche Finanzunternehmen blieben von der Grippe nicht verschont. Die beiden Bankhäuser IKB Deutsche Industriebank und Sachsen LB gerieten sogar in existenzbedrohende Krisen, da sie ihre angekauften Forderungen nicht mehr im Geldmarkt refinanzieren konnten. Auch BayernLB, Deutsche Bank und WestLB, an der das Land Nordrhein-Westfalen beteiligt ist, verbuchten Milliardenverluste und mussten Abschreibungen vornehmen. Das Virus hatte nun mit voller Wucht den deutschen Finanzmarkt erreicht.
Den Aktienmarkt erwischte diese Finanzmarktkrise ebenfalls eiskalt. Der deutsche Leitindex DAX verlor daraufhin von Januar bis März 2008 bis zu 25 Prozent in der Spitze. Die Nebenwerte traf es noch wesentlich schlimmer. Doch mit den zahlreichen Liquiditätsspritzen der amerikanischen Notenbank im Zuge der massiven Leitzinssenkungen wurden sowohl Finanzmarkt als auch Aktienmarkt wieder fit gespritzt. Kurzfristig wurde die Subprimekrise als ausgestanden und auch der Aktienmarkt auf Erholungskurs gesehen.
Doch aktuell zeigt sich mit voller Wucht, dass die Grippe noch längst nicht ausgestanden ist. Gestern verlor der DAX erneut rund 1,8 Prozent, nachdem Spekulationen laut wurden, es gäbe weitere Probleme bei US-Investmentbanken. Dow Jones und Nasdaq belastete dieses Gerücht schwer. Hinzu kommt die Tatsache, dass
die laufende Kapitalerhöhung der angeschlagenen amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers eher schleppend läuft. Dabei benötigt Lehman Brother dringend frisches Kapital. Nach Aussage von Aktienhändlern beziffert die Investmentbank ihren Bedarf auf 6 Mrd. Dollar. Fest steht: Damit bleibt die Finanzbranche weiter im Griff der Kreditkrise. Nach Einschätzung der Bank of America wird die Kreditkrise sogar erst im dritten Quartal 2008 ihren Höhepunkt erreichen.
US-Börsenaufsicht mahnt Ratingagenturen
Schon jetzt den Zeigefinger erhoben hat laut Frankfurter Allgemeine Zeitung" die amerikanische Börsenaufsicht SEC. Sie will in Folge der Hypothekenkrise künftig eindeutig strengere Regeln für Ratingagenturen durchsetzen. Besonders die Bewertungen der Institute im Zusammenhang mit strukturierten Finanzprodukten sollten künftig stärker unter die Lupe genommen werden, teilte die Behörde gestern mit.
Ratingagenturen wie Moody's, Standard & Poor's und Fitch wird von der SEC vorgeworfen, die amerikanischen Hypothekenkreise mit zu hohen Bewertungen für riskante Wertpapiere angeheizt zu haben. Doch schlussendlich bringt diese Erkenntnis jetzt ebenso wenig, wie wenn wir nach einer ausgestandenen Grippe wissen, bei wem oder was wir uns den Virus eingefangen haben. Die nächste Grippe ist uns immer gewiss.
Ich wünsche Ihnen einen guten Börsentag.
Ihre
Cindy Bach