Eine spannende Woche
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 16. Juni 2003 18:00 Uhr
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Am Freitag dieser Woche ist mal wieder "dreifacher Hexensabbat". Ein Tag, an dem die Futures und Optionen verfallen. Im Vorfeld wird es wieder zu interessanten Kursmanipulationen kommen. Ich bin gespannt, ob sie den Dax noch weiter nach oben ziehen oder genau das Gegenteil eintritt. Unter den Daytradern gilt die Devise, am Tag vor dem großen Hexensabbat und an dem Tag selbst gelassen aus dem Markt zu bleiben. Zu leicht gerät man zwischen die Mühlräder der Institutionellen. Ich selbst nutze diese Tage, auch aufgrund des Feiertags, um für ein langes Wochenende nach Paris zu fahren. Dort findet am Wochenende das Fête de la Musique statt. Aber auch an diesen beiden Tagen werden wir Sie nicht alleine lassen: Mein Kollege Michael Vaupel, Chefredakteur vom Optionsschein-Profits, wird mich vertreten.
Heute morgen zeigt sich der Dax wieder einmal überraschend stark. Seit Tagen führe ich Telefonate und versuche immer wieder Trader von ihrer bullishen Haltung abzubringen. Zum Teil erfolglos. Klar, die Europäer haben aktuell noch viel nachzuholen zum Thema "zu bullish" und immer mehr der Bären mutieren zu Bullen. Anders ist der starke Dax auch kaum zu erklären.
Aufgrund der bisher eher bearishen Stimmung gibt es auch noch genug Käufer, die unbedingt aufspringen wollen. Der europäische Markt ist bei weitem noch nicht so überkauft wie der amerikanische. Sie glauben nicht, wie gut es tat, heute morgen mit einem Kollegen zu telefonieren, der ebenso bearish eingestellt ist. Es war ein hoch interessanter und tiefgreifender Gedankenaustausch, der einige meiner Zweifel beseitigte.
Zur Börse: Aber was das eben sollte? Mit Schmunzeln und Kopfschütteln musste ich zusehen, dass die Bullen angesichts fehlender anderer positiver Nachrichten auf einen wirklich kaum beachteten Indikator zurückgegriffen haben, um sich bestätigt zu fühlen. Den US-Empire State-Index für Juni. Dieser war zwar gravierend besser ausgefallen, ist aber ein nur regional begrenzter Index. Trotzdem folgte nach Veröffentlichung ein deutlicher Kursanstieg. Ich bleibe da lieber bei den wirklich wichtigen Indikatoren.
Und die wirklich wichtigen US-Konjunkturdaten werden erst morgen erwartet. Zeit genug für die Börsen mal wieder ein paar Bullen in den Markt zu treiben? Zu nennen ist als erstes die US-Kapazitätsauslastung und die US-Industrieproduktion. Sollte es hier zu Rückgängen kommen, dann dürfte klar sein, dass das Verbrauchervertrauen kein Ausrutscher war und die konjunkturelle Erholung bereits wieder Schwäche zeigt. Zumal schlechtere Werte sich auch direkt wieder negativ auf den Arbeitsmarkt durchschlagen werden.
Aber auch die Verbraucherpreise können erste Hinweise zum Thema Inflation und Deflation geben. Dann werden am Dienstag auch Daten zum US-Immobilienmarkt veröffentlicht. Hier ist zwar nicht mit Besonderheiten zu rechnen, sollte es aber entgegen der Prognosen zu einem Rückgang kommen, wäre auch das sehr bearish zu bewerten. Der morgige Tag wird also mehr als interessant.
Aber auch die gesamte Woche wird spannend. Donnerstag folgen die neuen US-Arbeitsmarktdaten der Philadelphia Fed Index und die US-Frühindikatoren Mai. Freitag, wie gesagt der Hexensabbat. Eine spannende Woche. Eine sehr entscheidende Woche für den weiteren Verlauf der internationalen Indizes.
Zur Politik:
Überaus interessant fand ich einen Interview, dass Hillary Clinton mit der Zeitschrift "Der Spiegel" führte. Auf eine Frage nach den Steuersenkungen der Bush-Regierung sagte Hillary Clinton: "Es geht in Wahrheit auch gar nicht um Steuersenkungen. Diese Regierung versucht doch, das zu erreichen, woran die vorherigen republikanischen Regierungen in den achtziger Jahren gescheitert sind: Sie will erreichen, dass die Regierung in Washington wegen ihrer Überschuldung keine anderen Aufgaben mehr erfüllen kann als die Landesverteidigung. Wer in einem Meer von Haushaltsdefiziten versinkt, kann sich eben nicht um solche sozialen Probleme kümmern, die unser Land weniger fair, weniger gleich und weniger wohlhabend machen, soweit es die Allgemeinheit betrifft. Für die Reichen unter uns sieht das natürlich ganz anders aus. Weiter sagte Hillary Clinton auf die Frage, wie lange denn diese Politik fortgesetzt werden könne: "Trotz aller rhetorischen Bemäntelungsversuche durch das Weiße Haus werden die negativen Auswirkungen dieser Politik allmählich sichtbar. In den vergangenen beiden Jahren sind im Privatsektor mehr als zwei Millionen Arbeitsplätze verloren gegangen. Auf die Dauer wird sich die Realität gegen alle rhetorischen Verschleierungsversuche durchsetzen."
Sicherlich auch bereits Aussagen, die durchaus im Themenkreis "Wahlkampf" anzusiedeln sind. Aber interessant sind sie doch. Natürlich sucht man im Wahlkampf zunächst die offensichtlichsten Schwächen seines politischen Gegners und einer dieser Schwächen ist in diesen beiden Absätzen doch sehr deutlich aufgelistet: "Meer von Haushaltsdefiziten" und "rhetorische Verschleierungsversuche". Und eine andere Aussage fand ich bemerkenswert. Wie Sie wissen, könnte ich mir durchaus vorstellen, dass Amerika weitere Kriegspläne hegt. Gerüchte darüber kursieren bereits. Hillary Clinton hat es indirekter ausgedrückt. Fakt bleibt aber, dass von innenpolitischen Probleme schon immer gerne durch außenpolitische Maßnahmen abgelenkt wurde: "wegen ihrer Überschuldung keine anderen Aufgaben mehr erfüllen kann als die Landesverteidigung". Droht uns also, falls die amerikanische Wirtschaft nicht wieder so schnell auf die Beine kommt, ein weiterer Krieg? Diesmal gegen den Iran oder Korea?
Ich weiß es nicht, aber ich weiß, dass falls die aktuelle Rallye wegbrechen wird und sich die Wirtschaft nicht erholt, die Regierung Bush große Schwierigkeiten bekommen wird, die nächste Wahl zu gewinnen.