Eine Runde Mitleid für Europa...
Miriam Kraus in Rohstoff Daily
vom 18. Juli 2011, 20:30 Uhr
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Ich schwanke mittlerweile von der Frustration ins Mitleid über, wenn ich das hilflose Agieren der Häuptlinge in Europa und den USA beobachte. ;-) Sicher, jetzt muss ich selbst auch lachen, aber, ganz unter uns: so ein ganz kleines bisschen tun sie mir schon leid, die armen Häuptlinge. Es muss ja auch schrecklich frustrierend für sie sein, so ganz ohne einen Schimmer davon, wie sie die jeweilige verfahrene Situation im eigenen Einflussbereich eigentlich ändern sollen.
Festgefahrene Europäer
Nehmen wir zum Beispiel einmal Europa. Dort ist nun die gesamte Verantwortung auf die armen, halbwissenden Politiker über gegangen...obwohl, ganz so allein sind sie ja eigentlich nicht...schließlich steht ihnen die EZB-Bad Bank ja weiterhin mit dem Aufkauf von Staatsanleihen der Länder, deren Staatsanleihen nur noch wenige haben wollen (glücklicherweise gehören noch die Chinesen dazu), zur Seite...nur Anleihen eines Staates, die tatsächlich mit Default bewertet werden, mag die EZB dann doch nicht mehr haben. Also sollen die Polit-Häuptlinge, nach dem Willen der EZB, jetzt dafür sorgen, dass es nicht zu einem Default kommt (namentlich zum Default der Griechen).
Nur leider sind sich die EU-Häuptlinge alle nicht einig. Frau Deutschen-Häuptling hat offenbar kein ganz so großes Problem mit einer Griechen-Umschuldung, was allerdings ein gewisses Maß an Realismus bezeugt. Doch die EZB-Häuptlinge sind strikt dagegen, haben Angst vor einer noch größeren Krise, was ebenfalls nicht von der Hand zu weisen ist. Andere bringen die Euro-Bonds ins Spiel, was die Bundesbank aber kategorisch ablehnt. Medienberichten zufolge, wird aber derzeit gerade über Variante 3 diskutiert, nach der dem EFSF der Aufkauf der Griechen-Anleihen (und später auch anderer Anleihen) überlassen werden soll, gerne auch irgendwie mit Beteiligung der Privaten.
Es hat sich also in Euroland nicht viel geändert. Die Situation bleibt festgefahren, aber zumindest sind sich mal alle einig darüber, dass sie mit der Gesamtsituation unzufrieden sind.
Warum die Europäer festgefahren sind
Allerdings fehlt es den Europäern keineswegs an Handlungsalternativen. Viel mehr ist es wohl so, dass deren zu viele vorhanden sind. Woran es dagegen mangelt, ist eine klare gemeinsame Richtung. Oder um es anders zu sagen: nach wie vor versucht Europa der alles entscheidenden Gretchen-Frage, nach dem unbedingten Für oder Gegen die Zone, aus dem Weg zu gehen. Verstehen Sie mich nicht falsch: ich sage nicht, dass diese Frage einfach zu beantworten ist und ich sage auch nicht, dass die Antwort (wie immer sie auch ausfällt) keine Konsequenzen nach sich zieht. Ich sage nur, dass die Märkte Europa so lange nicht in Ruhe lassen werden, bis sie ihre Antwort bekommen haben.
Denn am Ende kann es nur heißen: entweder wird der Anfang vom Ende der Eurozone billigend in Kauf genommen oder die Eurozone wird zur Transferunion!
Wenn Sie mich fragen, für welche Lösung ich mich entscheiden würde, dann müsste ich ganz ehrlich sagen: am liebsten für keine der beiden. Das ist allerdings wenig hilfreich, denn das entspricht der gleichen Antwort, welche die Politik derzeit von sich gibt.
Und derzeit sieht es nicht danach aus, als würden die Häuptlinge bald Farbe bekennen. (obgleich sie ihre zögerlichen Schritte bislang stärker in Richtung der Transferunion gebracht haben und sich erst seit kurzem stärkerer Widerwille gegen das unbedingte Dafür regt...).
Doch das wahre Mitleid gebührt dem europäischen Bürger
Mein Vorschlag wäre demnach, die Gesamtheit der Eurozonen-Bürger entscheiden zu lassen....
(Kurze Anmerkung: wenn Sie schon länger Rohstoff-Daily lesen, haben Sie sicher schon festgestellt, dass ich der plebiszitären Demokratie so einiges abgewinnen kann. Warum? Nun, angesichts dessen, dass es auf diesem ganzen Planeten wohl weder eine Einzelperson, noch ein Gremium geben kann, dessen oder deren Weitsicht klar genug ist, um die Entscheidungshoheit über die Zukunft von Millionen Menschen zu tragen, kann diese Entscheidungskraft schlussendlich nur von der Gesamtheit Aller getragen werden. Nicht nur, weil dabei meistens sogar die besseren Ergebnisse erzielt werden, sondern auch, weil die Gesamtheit Aller die Konsequenzen ihrer Entscheidung tragen wird.)
...denn diese (also wir alle) sind es, welche die Konsequenzen jeglicher Entscheidungen in der Politik tragen müssen.
Transferunion? Wir alle bezahlen füreinander. Der EFSF kauft Griechen-Anleihen? Wir alle stellen dem EFSF das Grundkapital zur Verfügung. Die EZB kauft Anleihen? Nun, wenn das schief geht, dann müssen wir alle die EZB rekapitalisieren.
Aber auch: wir lassen die Griechen umschulden? Nun, die Rating-Heinis stufen den Default ein, unser Banken-System bekommt erneut ernsthafte Probleme (übrigens, auch der letzte Banken-Stresstest, bei dem immerhin 8 Banken durchgefallen sind, hat die Möglichkeit einer Staatspleite nicht einmal mit einbezogen...ist dementsprechend nach wie vor nur wenig aussagekräftig.) und wir müssen erneute Banken- und Finanzsystem-Rettungen bezahlen oder zumindest verbürgen. Wir lassen die Eurozone auseinander fallen? Auch dann müssen wir alle extremen Konsequenzen hin nehmen. Die können von Verwerfungen, über Crashs, Wachstumseinbußen der exportorientierten Länder und dem Verlust des politischen Gewichts auf internationaler Ebene, bis hin zu Währungsab- und aufwertungen, aber auch der Möglichkeit einer positiven Neuorientierung reichen. Das Spektrum ist hier jedenfalls weit und die Auswirkungen mehr als unsicher, weshalb man seitens der Politik dieses Szenario gar nicht ins Auge fassen mag.
Der springende Punkt ist jedoch: egal welchen Weg wir wählen, es ist nicht zwangsläufig der Richtige. Wenn wir jedoch selbst wählen dürften, dann wüssten wir wenigstens, dass wir nicht die Konsequenzen der Entscheidungen bemitleidenswerter Polit-Häuptlinge tragen müssen, wie wir es jetzt tun. Denn die Hauptschuld an der aktuellen Misere trägt (meiner Meinung nach) die Politik, die in der Vergangenheit die Eurozone (und ich spreche hier ganz bewusst nur von der Eurozone, denn vom Gedanken an einen gemeinsamen Wirtschaftsraum, der freien Handel ermöglicht, bin ich nach wie vor positiv überzeugt) in Lichtgeschwindigkeit auf- und ausgebaut hat. Ein Fehler, den die Mehrheit der europäischen Bürger, davon bin ich jedenfalls überzeugt, nicht begangen hätte.
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Landmann (18.07. 2011 22:07 Uhr):
Zum letzten Absatz - richtig war die alte Währungsunion mit begrenzt flexiblen Paritäten, die den Entwicklungs- und (Stück-)kosten, Fiskal- und sonstigen nationalen Eigenheiten angepaßt werden konnten - als sogar Aufwertungen (Zähne-knirschend) akzeptiert und gegen gesteuert wurden. Die Alternative, zentrale Gleichmacherei, ist undemokratisch, antieuropäisch - davon haben wir schon jetzt Mise genug. Also, Schluß mit lustig, let's opt out and forfeit our stake - besser ein Ende mit Schrecken à 40?Mrd als Schrecken mit DEN Politikern ohne Ende.
Antworten - Kommentar von KH (19.07. 2011 00:22 Uhr):
Woher nimmt jahrzehntlang die Politik sich das Recht, mit dem Geld das Ihnen nicht persönlich gehört, so undiszipliniert umzugehen, dass sie sich jedes Jahr sich neu verschuldet. Kein normaler Mensch oder Privatfirma würde dies so praktizieren oder er wäre bankrott. Hier müsste doch angesetzt werden, dass immer ein ausgeglichener Haushalt vorgelegt werden muss und wer dies nicht schafft gehört wie in der Wirtschaft ausgewechselt, weil es sonst zum schleichenden Bankrott führt. Notprogramme müssten aus Rücklagen oder von Steuern bezahlt werden. Also sprich Gelddisziplin.
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