Eine Normalkorrektur?
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 20. November 2006 18:00 Uhr
ENL5454
Der Dax eröffnete heute mit einem Gap Down (Kurslücke nach unten) und erfüllte anschließend zunächst einmal eine Normalkorrektur in Form eine „abc“-Korrektur
Die erste Abwärtsbewegung (a) wurde von einer kleinen aufwärtsgerichteten Gegenbewegung (b) abgelöst, anschließend kam es zu einer weiteren Abwärtsbewegung (c), welche genau die gleiche Länge wie die erste Abwärtsbewegung (a) hatte. Damit ist die „Mindestanforderung“ an eine Konsolidierung zunächst einmal erfüllt. Im Prinzip kann es das schon gewesen sein.
Topformation Island Reversal?
Mit der (c) wurde nun auch das Gap vom 15.11.2006 endgültig geschlossen. Allerdings gibt es hier eine Besonderheit: Denn es kam, wie oben bereits geschrieben, zu einem Gap Down. Interessanterweise genau an der gleichen Stelle, wie das Gap up zuvor. Damit bildet sich eine Art Kursinsel im bisherigen Top, also ein Kursverlauf, der komplett vom anderen Kursverlauf getrennt ist. Solche Inseln nennt man Islands-Reversal und diese tauchen gerne an oder in der Nähe von Böden oder Tops auf.
Hinweis: Wir sehen diese Gaps aber hier nur im Minuten-Chart bis Stundencharts. Im Dax-Tagesschart ist dieses Island Gap nicht zu erkennen. Würde man ein solches im Tageschart erkennen, hätte es eine wesentlich höhere Relevanz!
Nachdem der Dax heute im weiteren Verlauf bis an die wichtige Unterstützung bei der 6366 Punkte Marke gefallen ist, stieg er anschließend wieder an, um auch das heutige Gap Down wieder zu schließen.
Zwei Möglichkeiten
Jetzt, zu diesem Zeitpunkt, den ich hier dargestellt habe, gibt es also zwei Möglichkeiten: Erstens, der Dax steigt nachhaltig wieder über das lezte Hoch bei 6452 Punkten, das wäre im Prinzip bullish. Oder aber er fällt zweitens unter die 6366 Punkte Marke und damit wäre dieses Island Gap insoweit ein Hinweis auf ein zumindest kurzfristiges Top.
Und nun sind wir bei den Wahrscheinlichkeiten: Obwohl Islandreversals eine hohe Zuverlässigkeit haben, was das Erreichen des Kursziels anbetrifft (ca 70-85 %), liegt die Wahrscheinlichkeit, dass es ein Island Reversal ein Top oder Boden anzeigt, niedriger.
Eigenartiges Islandgaps
Bei diesem hier vorgestellten Island Gap handelt es sich eher um ein Gap mit niedriger Wahrscheinlichkeit, aus folgendem Grund: Das Kursziel aus einem Islandgap ist der Anfang der dynamischen Aufwärtsbewegung vor dem ersten Gap. Anders ausgedrückt: Die Minor-Bewegung vor dem ersten Gap sollte im Anschluss an das zweite Gab nach unten abgearbeitet werden.
Schaut man sich den Chart an, dann bedeutet das in unserem Fall, dass lediglich die 6366 Punkte Marke das Kurziel der Abwärtsbewegung und damit des Island-Reversals war, mehr ist es in diesem Fall nicht. Diese Besonderheit liegt daran, dass zuvor das Gapniveau des ersten Gaps schon einmal erreicht wurde. Das erste Gap ist also nicht im Anschluss an eine steile Aufwärtsbewegung entstanden, sondern im Anschluss an eine kleine Seitwärtsbewegung (siehe Chart).
Und es besteht keine Frage, dass die Relevanz eines Island Reversals als Top wesentlich höher ist, wenn es zuvor eine lange dynamische Bewegung an das erste Gap gegen hat und diese auch wieder vollkommen abgearbeitet wird.
Das eigentlich Kursziel des Island Reversals ist also bereits abgearbeitet. Trotzdem ist das Auftauchen des Island-Reversals interessant, da diese, wie oben bereits angedeutet, nicht nur selber Tops darstellen sondern gerne auch in der Nähe von Tops (oder Zwischentops) auftauchen. Selbst wenn der Dax das Hoch also überwinden würde, bleibt das Auftauchen solcher Inseln ein Warnzeichen – mehr aber dann nicht.
Es ist, wie es ist: Am Hoch oder in der Nähe des Hochs gibt es kaum Möglichkeiten eine einigermaßen verlässliche Prognose abzugeben, wie weit eine Konsolidierung gehen wird. Erst wenn die Konsolidierung etwas länger im Gange ist, steigt die Prognosewahrscheinlichkeit an. Dazu passen auch meine fundamentalen Überlegungen.
Sorgen um den US-Häusermarkt
Einige Analysten machen sich seit Freitag zunehmend Sorgen darum, dass sich der Einbruch des US-Immobilienmarkt negativ auf den Konsum in den USA im vierten Quartal auswirken wird (am Freitag kam es zu einem Einbruch der US-Baubeginne um 14,8 %). Wir wissen, der US-Binnenkonsum ist einer der Hauptantriebsmotoren für die US-Wirtschaft.
Es ist aber nicht gesagt, dass der Einbruch des Häusermarktes tatsächlich einen derart starken Einfluss auf den Konsum haben wird. Denn dem kann man nun entgegen halten, dass die Real-Einkommen (siehe Donnerstag) deutlich um 1,3 % angestiegen sind. Es kann also sein, dass hier Effekte kompensiert werden. Natürlich wirken sich auch die gesunkenen Energie- und Rohstoffpreise fördernd auf den Konsum aus. Für die Börse könnte der Einbruch sogar bullish sein, da ein weiter einbrechender Häusermarkt die Fed dazu veranlassen wird, die Zinsen zu senken (sofern die Inflation nicht wieder anzieht).
Die Inflationssorgen werden jedoch so lange nicht weiter zunehmen, wie der Ölpreis nicht ansteigt. Aus meiner Sicht der Dinge, hat jedoch der Ölpreis seine Abwärtsbewegung nun nahezu abgeschlossen. Es steht eine Gegenbewegung zu der starken Abwärtsbewegung an, die den Ölpreis wieder auf 65 Dollar oder höher treiben kann. Gerade der Sell Off am Donnerstag kann ein Hinweis auf einen Boden sein. Sollte der Ölpreis nun wieder anziehen, werden im Markt schnell Sorgen auftauchen, denn erneut zunehmende Inflationssorgen könnten die Fed davon abhalten, die Zinsen zu senken.
Der Markt darf nicht zu sehr fallen!
Für die Märkte ist eine zu starke Konsolidierung zu dem aktuellen Zeitpunkt gefährlich. Es gibt bei weiter fallenden Kursen irgendwann einen Punkt, an dem immer mehr institutionelle Anleger aussteigen müssen/werden, um sich ihre Jahresperformance nicht zu versauen. Besonders diejenigen, die in den letzten Wochen auf dem falschen Fuß erwischt wurden und erst nach und nach in den Markt eingestiegen sind.
Wir haben zudem alle noch den scharfen Einbruch vom Mai in Erinnerung und ich kann mir vorstellen, dass diese Erinnerung viele dazu verleiten wird, lieber zu schnell als zu langsam auf den „Verkaufen-Button“ zu drücken.
Ein letzter Punkt ist der ZEW Index. Die meisten Analysten gehen offenbar davon aus, dass in Deutschland aufgrund der Mehrwertsteuererhöhung 2007 ein wirtschaftlich schlechtes Jahr zu erwarten ist. Die meisten dieser Analysten sehen eine viel zu enge Verbindung zwischen Wirtschaft und Börse und haben sicherlich somit Sorge, dass sich eine nachlassende Wirtschaftskraft negativ auf die Börse auswirken wird (Sie wissen, dass ich diese Meinung so nicht teile!). Auch dieser Umstand kann dazu führen, dass hier eine höhere Verkaufsbereitschaft entsteht.
Fasst man diese Punkte zusammen, kommt man zu dem Schluss, dass es für den Markt besser wäre, er würde sehr schnell wieder nach oben drehen. Andernfalls besteht die Gefahr, dass es zu einem Überschießen nach unten kommt, also eine kleine „Panikreaktion“, die wir schon im Mai gesehen haben und die uns, wie am Freitag schon beschrieben, bis auf die 6000 Punkten führen könnte.
Es bleibt dabei: Im Moment ist noch nicht abzusehen, ob dieser Konsolidierung sich auswächst oder nur eine kleine Bereinigung der aktuell überkauften Situation darstellt. Wie ich schon am Donnerstag schrieb: Erhöhte Vorsicht ist angesagt. Noch ist der Trend aber unser Freund.
Zum Abschluss möchte ich Ihnen noch für die vielen Mails im Zusammenhang mit der bildlichen Darstellung der US-Konjunkturdaten danken! Um die 90 % aller Antworten war positiv, lediglich einige wenige Leser konnten der grafischen Darstellung nichts abgewinnen. Das ein ein eindeutiges Ergebnis, ich werde also diese Form der Aufarbeitung der Konjunkturdaten weiterführen! Anregungen, die in Ihren Mails enthalten waren, habe ich gelesen, und werde sie einfließen lassen.
Darüber hinaus möchte ich mich aber auch noch für die vielen lobenden Worte über den Investor´s Daily bedanken, die Sie Ihren Mails angefügt haben. Glauben Sie mir, so etwas motiviert, auch weiterhin mein Herzblut in diesen Newsletter zu stecken – Danke!
