Eine kleine Geschichte aus Pakistan
Michael Vaupel in Traders Daily
vom 30. Juli 2008, 12:00 Uhr
ENL5454
So kann man es auch machen!
Um was es geht:
Eine kleine Geschichte aus Pakistan. Von der pakistanischen Börse.
Bis zum April ging dort alles gut...die pakistanische Börse stürmte nach oben, mit den Kursen ging es BERGAUF, der KSI 100 (pakistanischer Leitindex) erreichte ein neues Allzeithoch. Zufriedene Gesichter, Spekulationsgewinne flossen, die Rupie rollte.
Doch danach ging es BERGAB: Der KSI 100 verlor in den nächsten 3 Monaten rund 35%.
Das ist nichts Besonderes, bekanntlich schwächelten dieses Jahr die Aktienbörsen weltweit, von Seoul bis New York.
Besonders ist aber die Art und Weise, wie die pakistanischen Anleger auf den Kursrückgang reagierten:
Sie stümten die Börse und wollten alles kurz und klein schlagen. Dazu gibt es auch ein Video:
Tumult an der pakistanischen Börse
Diese Aktion der wütenden Anleger hatte auf bestimmte Weise Erfolg:
Die Regierung kündigte offensichtlich erschrocken an, einen „Hilfsfonds" einzurichten und mit bis zu umgerechnet 450 Mio. Euro auszustatten. Dieser Fonds soll pakistanische Aktien kaufen - und diese zusätzliche Nachfrage soll die Kurse wieder steigen lassen.
Ende der Unruhen.
Und Ende dieser kleinen Geschichte.
Die Wahrscheinlichkeit, dass die Anleger in Frankfurt, Zürich oder Wien auch auf solche Gedanken wie die pakistanischen Anleger kommen, dürfte wohl eher gering sein.
Oder?
Nun, in dieser Form (gewalttätige Ausschreitunten) wird so etwas in Mitteleuropa wohl nicht vorkommen.
Aber auch hier gibt es Aktionäre, die für ihre eigenen Verluste immer versuchen, Sündenböcke zu finden.
Erinnert mich zum Beispiel an die Klage von Aktionären gegen die Deutsche Telekom. Da ging es bekanntlich darum, dass einige Immobilien in der Bilanz falsch bewertet gewesen sein sollen. Tenor der Klage der Aktionäre: Wenn sie das gewusst hätten, hätten sie die Aktie nicht gekauft.
Wer soll das glauben? Ich jedenfalls nicht. Wie viele von diesen Aktionären hatten sich vorher überhaupt die Bilanz angesehen?
Von wegen...wenn sie das gewusst hätten, hätten sie nicht gekauft. Ich bin davon überzeugt: Mindestens 95% der Klagenden hätten auch dann gekauft.
Und versuchen nachträglich aber, ihr eigenes fahrlässiges Verhalten (unterlassene Analyse) durch Schuldzuweisung an andere zu vertuschen. Auch vor sich selbst.
So anders als die pakistanischen Anleger sind diese Anleger gar nicht. Auch die pakistanischen Aktienkäufer hätten in den ersten Monaten des Jahres wissen sollen, was sie taten: Sie stiegen zu Höchstkursen ein, obwohl die Bewertungen viel zu hoch waren, die Inflationsrate explodierte und die pakistanischen Devisenreserven schmolzen wie Schnee in der Sonne. Da sollten die Kurse weiter steigen?
Auch diese Anleger suchten danach die Schuld bei anderen, „steinigten" lieber die Börse und forderten ein Eingreifen des Staates. Ist doch gar nicht so anders als das Verhalten der besagten Telekom-Aktionäre, oder?
Mit herzlichem Gruß,
Ihr
Michael Vaupel