Eine kleine Episode
Bill Bonner in Investors Daily
vom 16. November 2005 18:00 Uhr
ENL5454
Diese kleine Episode stammt aus der Zeit vor der Erfindung von Klimaanlagen und Reality-TV ... aus dem späten 19. Jahrhundert. In 'Grant's Interest Rate Observer" steht die Geschichte von der großen Blase der Immobilienpreise im Westen des Mississippi. Der Preis für Farmland stieg zwischen 1881 und 1887 in Kansas um das vier- bis sechsfache, schreiben die Wissenschaftler, die sich mit der Sache befasst haben. Der Preis stieg auf 200 Dollar pro Morgen.
Die Quelle dieser heißen Luft war eine Kombination verschiedener Aspekte. Die Natur war diesen weiten Ebenen nur selten freundlicher gesonnen, als in den Jahren nach dem Sezessionskrieg. Es regnete so in den Prärien so viel, dass Ernten eingefahren wurden, die viele nicht für möglich gehalten hätten. Und dann kam die Eisenbahn. Zwischen 1880 und 1887 verdoppelte Kansas das Streckennetz. Im gleichen Jahrzehnt vervierfachte sich das Netz in Nebraska und wurde im Gebiet von Dakota um das Elffache erweitert. Jetzt hatten die Bauern nicht nur Rekordernten, sondern auch die Möglichkeit, diese zu den Märkten zu bringen. Konnte es noch irgendeinen Zweifel geben, dass das keine zyklischer Boom, sondern eine echte neue Ära war?
Die Anleger glaubten daran. Sie sind nicht nur losgeeilt, um Land in der Gegend hinter dem Missouri zu kaufen, sie sind auch hinausgefahren und haben den Bauern Geld geliehen. Hypotheken auf diese Höfe im Westen hielt man für sicherer, als im Osten – teilweise bestimmt in Erwartung guter Erträge – aber noch mehr, weil eine Blasenmentalität eingesetzt hatte. Das westliche Farmland sah nach einer absolut sicheren Geschichte aus, jeder wollte ein Stück davon abbekommen ... entweder etwas Land oder eine Derivat davon, wie z.B. eine Hypothek.
Typisch für eine Spekulationsblase begann auch das hier im Kleinen, und endete im Übermaß. Es dauerte nicht lange und die Anleger hatten zu viel Land gekauft und die Bauern hatten zu viel Getreide produziert, um damit ihre Hypotheken zu decken. Man konnte einen Scheffel Korn 1881 für 63 Cent kaufen. Als zehn Jahre vergangen waren, bekam man nur noch die Hälfte. Dann endete im Jahr 1887 das ungewöhnlich gute Wetter und wurde von einer Phase des ungewöhnlich schlechten Wetters abgelöst. Eine zehnjährige Dürre begann, in der die Ernten fast jedes zweite Jahr ausblieben.
So war es letzten Endes doch keine "Neue Ära". Als die Ernte verdorrte, verdorrte auch der Hypothekenmarkt. Die Preise für Land fielen. Landwirte machten Pleite und mussten ihr Land den Hypothekenausstellern übertragen, die sich darüber auch nicht mehr freuten. Die Bauern selbst verließen die Ebene, entweder in Richtung Westen, nach Kalifornien oder zurück in das Tal des Mississippi.
Die Bauern und die Anleger hätten vielleicht eine Lektion lernen können. Oder auch nicht. Aus der Erfahrung – und aus den fallenden Preisen bei der Landwirtschaft – erhob sich ein Schrei, der bei der Regierung deutlich vernommen wurde. Man solle die Schuldner (die Bauern, die ihr Land mit Hypotheken belastet hatten) nicht einem "Kreuz aus Gold" opfern, sagte William Jennings Bryan. Man solle der "Stirn der Arbeit" keine Dornenkrone aufsetzen, fuhr er mit seinem glorreichen Unsinn fort.
Es machte Jennings Byran und den anderen Populisten viel aus, dass die Leute ihre Kredite in einer Währung zurückzahlen sollten, die so viel wert war, – oder sogar noch mehr wert war – als das Zeug, dass sie geliehen hatten. Sie verlangten ein "flexibleres" gesetzliches Zahlungsmittel. Und irgendwann folgte diesem Ruf die Tat; die Federal Reserve wurde gegründet, um sicher zu stellen, dass in Zukunft kein Kreditnehmer seine Schulden würde zurückzahlen müssen. Seit der Gründung hat der Papiergelddollar 95 % seines Wertes verloren ... 50 % davon allein in der Zeit, in der Alan Greenspan das Zepter führte.
Diejenigen, die glauben, Immobilien würden immer weiter im Preis steigen, wollen sich an dieser Stelle vielleicht eine kleine Notiz machen. Heute, nach gewaltigem Bevölkerungswachstum und fast 35 Jahre seit der letzte Schuldner an einem Kreuz gekreuzigt wurde, dass wenigstens noch eine Spur von Gold in sich hatte, wird Farmland in Kansas für durchschnittlich 800 Dollar pro Morgen verkauft. Angepasst an die Preise von 1880 sind das nur knappe 20 Dollar oder knapp 10 % der Höchstpreise von vor 120 Jahren.