Eine deflationäre Geschichte - Teil 2
Bill Bonner in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 16. Oktober 2009, 07:30 Uhr
ENL5454
Privathaushalte kaufen Anleihen für den Ruhestand. Die Banken kaufen sie als risikoarme Profte. Die Spekulanten kaufen sie in Erwartung einer Deflation.
David Rosenberg:
Die große Geschichte der vergangenen Woche war ein weiterer gewaltiger Rückgang der ausstehenden Verbraucherschulden von 12 Milliarden Dollar im August - allgemein hatte man mit einer Schrumpfung um 8 Milliarden Dollar gerechnet. Das ist der siebte Monat der Sparpolitik in Folge. Mit anderen Worten, die Flutwelle der Krediteinbrüche hält unvermindert an, und das ist der Hauptgrund, warum die Anleihenerträge immer noch auf einem grundlegenden Abwärtstrend sind."
Im Laufe des vergangenen Jahres haben die Verbraucher ihre Schulden um einen Rekordwert von 113 Milliarden Dollar reduziert. (Und darin sind die Hypotheken nicht erfassst.) Das ist eine gewaltige Verlagerung der Einstellung der Haushalte gegenüber Ausgaben und Krediten.
Die Amerikaner sparen und sie kaufen amerikanische Schatzanleihen. Aber wie sicher ist ihr Geld? Ist es eine gute Idee, heute amerikanische Schuldtitel zu kaufen?
Am Mittwoch hat Lettland versucht, einen trivialen Geldbetrag aufzubringen. Das Land hat 17 Millionen Dollar in Anleihen über sechs Monate angeboten. Wie wahrscheinlich ist es, dass Litauen noch vor Ostern nächsten Jahres zahlungsunfähig wird? Ich weiß es nicht, aber die Anleger gingen davon aus, dass es das Risiko nicht wert sei. Diese Anleihenauktion hat nicht nur nicht ihr Ziel erreicht, es sind gar keine Gebote eingegangen.
Das passiert, wenn die Kreditgeber das Vertrauen in eine Regierung verlieren. Sie lehnen es ab, weiter ihr Geld zu verleihen, es sei denn, zu höheren Zinssätzen. Aber die hohen Zinssätze haben die gleiche Wirkung wie eine Schlinge um den Hals eines Viehdiebs. Sie blockieren die notwendige Sauerstoffzufuhr - ganz zu schweigen davon, dass sie ihm das Genick brechen.
Bedenken Sie, dass die amerikanische Bundesregierung immer noch wie ein Imperium am Gipfel seiner Macht funktioniert. Das Pentagon treibt immer noch Schwierigkeiten überall auf der Welt an - mit Kosten in Millionenhöhe. Die amerikanischen Regierungsangestellten werden immer zahlreicher und reicher - mit dem doppelten Jahreseinkommen gegenüber dem Privatsektor. Und die Regierung unter Obama versucht weiterhin - offenkundig ist sie sich nicht bewusst, dass der Gesamtbetrag der Schulden und Verpflichtungen der Bundesregierung auf fast 120 Billionen Dollar gestiegen ist - das Geld loszuwerden.
Da ist es ganz erstaunlich, dass die Anleger der amerikanischen Regierung immer noch ihr Geld leihen - und dafür nur Erträge von 4% im Jahr auf Kredite mit einer Laufzeit von 30 Jahren haben wollen. Was das Geld über 91 Tage anbelangt, geben sie es der Regierung im Grunde genommen ohne Gegenleistung. Hier bringen sie es lediglich auf Erträge von 0,066%.
Das wird sicher ein Anlass für Verwirrung unter den Finanzhistorikern des nächsten Jahrhunderts sein. Mich verwirrt es in jedem Fall.
Gold hat in der vergangenen Woche mit 1057 Dollar einen neuen Rekord erreicht. Steigt Gold nicht immer dann, wenn die Inflationsraten steigen? Und brechen Anleihen nicht ein, wenn die Inflation zunimmt?
Warum kaufen die Leute dann noch Anleihen, obwohl diese nur so mickrige Ergebnisse erzielen?
Am Markt wird viel gemunkelt. Gold versucht uns etwas zu sagen. Die Anleihen versuchen auch, uns etwas mitzuteilen. Der Dollar scheint auch etwas im Schilde zu führen. Die Aktien schwatzen nur.
Wenn Gold versuchte zu signalisieren, dass eine Inflation ins Haus steht, dann hört der Anleihenmarkt nicht aufmerksam zu. Die Anleihen scheinen sagen zu wollen, dass es eine Deflation ist, um die man sich Gedanken machen sollte, aber der Aktienmarkt scheint nicht zuzuhören.
Und dann ist da auch noch der Dollar. Die grünen Scheinchen scheinen im gleichen Chor zu singen wie die Aktien und Gold, soweit ich es sagen kann. Sie alle scheinen davon zu erzählen, dass die Inflation auf dem Weg zurück ist.
Aber was wäre, wenn sie alle falsch liegen würden.
Sehen Sie sich doch einmal an, was in Washington los ist, wenn sie das ertragen können.
Die Regierung hat eine Bilanz, die von Inflation und Wachstum auszugehen scheint. Die Ausgaben sollen bis 2013 flach verlaufen. Die Steuereinnahmen, die heute nicht höher sind als vor zehn Jahren, sollen steigen, und nach und nach den Grand Canyon der Defizite auffüllen. Die Zahlendreher denken, dass wir auf dem Weg in die Reagan-Jahre sind - als die liebevolle Strenge eine Volcker die Inflation aus der Zentralbank quetschte und einen echten Boom hervorbrachte. Damals sind die Steuereinnahmen zwischen 1984 und 1989 um 9% jährlich gestiegen.
Wie wahrscheinlich ist es, dass das auch heute passieren wird? Nicht sehr wahrscheinlich. Stattdessen ist es wahrscheinlich, dass sich eine Deflationsgeschichte entwickelt. Anstatt flach zu verkaufen, werden die Bundesausgaben vermutlich stark ansteigen, wenn ein gescheitertes Konjunkturprogramm vom nächsten abgelöst wird. Anstatt zu steigen, werden die Steuereinnahmen dabei einbrechen... und den Grand Canyon zwischen den Ausgaben und den Einnahmen noch tiefer werden lassen.
Und dann wird man panikartig aus Anleihen, dem Dollar und den Aktien fliehen - aus praktisch allem. Und dann wird alles einbrechen.
Wiederholt sich Roms Schicksal?
An diesem Punkt werden die Vereinigten Staaten ungefähr in der gleichen Situation sein, wie das Römische Reich als es dem Ruhestand entgegen rückte. Die Ausgaben sind immer weiter gestiegen. Rom musste die Auftragnehmer des Militärs von der Art Blackwaters bezahlen... hinzu kam, dass man die römischen Massen mit Lebensmittelmarken und Arbeitslosenhilfen versorgen musste... während die Steuerbasis eingebrochen ist. Nach und nach hat das Imperium die Fähigkeit verloren, sich selbst zu verteidigen.
Als Edward Gibbon seine Geschichte des Untergangs Roms begann, da befanden sich die römischen Immobilien seit vielleicht 1300 Jahren in einem Bärenmarkt. Roms Bevölkerungszahlen sind von mehr als einer Million auf 20.000 eingebrochen. Politisch war Italien schon mehr als 1000 Jahre zuvor auseinandergebrochen und es würde auch nach Gibbons Tod noch fast 100 Jahre dauern, ehe es wieder repariert sein würde.
Es ist noch viel zu früh, die Geschichte des amerikanischen Niedergangs zu fallen. Diese Arbeit obliegt einem zukünftigen Geschichtswissenschaftler, der dann vielleicht in den Ruinen des Lincoln Memorial sitzt, und sich fragt, wie es den Menschen gelingen konnte, die Sache so zu verkorksen.
Ich gehe davon aus, dass er zum gleichen Schluss kommen wird wie ich: Aktien? Anleihen? Der Dollar? Die Anleger hätten alles verkaufen sollen.
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Elly (16.10. 2009 12:43 Uhr):
Die Anleger hätten alles verkaufen sollen? Doch wohin mit dem Geld?
Antworten - Kommentar von gerd barbknecht (16.10. 2009 19:14 Uhr):
informativ und vor allem:der schreib-stil ist einmalig,es macht echt spaß das zu lesen.lang lebe und schreibe der bonner (sonst lese ich nix gern)g.b.
Antworten - Kommentar von Chillante (16.10. 2009 19:53 Uhr):
Hallo Bill Bonner Seit einigen Monaten geniesse ich eure Texte, mal in Frankreich, mal in der Schweiz. Besonders Ihre Schreibe hat es mir dabei angetan. Sie ist sehr unterhaltend, auch wenn sie Dinge anspricht, die eigentlich zum Heulen wären. Was bleibt dem Rufer in der Wüste anderes, als in Ironie zu fallen? Vermutlich ist das die einzige Möglichkeit, um in dieser Welt nicht depressiv zu werden. Mich beruhigt es insofern, als ich nicht ganz allein auf dieser Erde bin, der die aktuelle Lage so einschätzt, wie ihr es tut. Trotz der nervenden Schönrederei all der "Experten", die noch immer hoffen, nur mit einem blauen Auge aus dieser Kriese heraus zu kommen. Zu gerne wüsste ich, wieviele auf ein Steigen ihrer WertPAPIERE warten, um sie dann schleunigst los zu werden. Aber dann - davon muss man leider ausgehen - wird sie die Gier von neuem umfangen! Es ist doch so wie im Casino: Man kommt in die Bedrouille und schwört sich aufzuhören, wenn man den Verlust wieder wett gemacht hat. Ist es dann aber soweit, sind alle Vorsätze schnell vergessen. Macht also weiter so. Mich als Leser habt Ihr auf sicher. Liebe Grüsse aus dem französischen Jura. Angelo Chillante
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