Eine auf Schulden gebaute Nation
Dan Denning in Investors Daily
vom 21. Februar 2005 18:00 Uhr
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"Amerika mag die führende Kraft der Weltwirtschaft sein, weil wir eine Nation der irgendwie verrückten Geschäftsleute sind, die genetisch dazu vorherbestimmt sind, die großen Risiken auf sich zu nehmen", sagt Daniel Gross in seiner Besprechung eines neuen Buchs 'The Hypomanic Edge: The Link Between (a Little) Craziness and (a Lot) of Success in America'.
Gross schreibt eine großartige Besprechung über etwas, das nach einem interessanten Buch klingt. Aber heute fragen wir uns, ob die Amerikaner nicht vielleicht ein bisschen zu verrückt nach ihren eigenen Geschäften sind. Das Buch von John D. Gartner schließt damit, dass "viele der Komponenten des archetypischen amerikanischen Charakters – Optimismus, unternehmerische Energie, religiöser Eifer – auf das Profil des Besessenen passen." Gartner schreibt, dass dadurch, dass Amerika als eine Nation der Immigranten begann, die Amerikaner "kulturell und genetisch zum ökonomischen Risiko neigen".
Ob es nun genetisch ist oder nicht, die Amerikaner riskieren mehr als je zuvor. Hier ein Risiko, da ein Risiko, überall wohin wir sehen, finden wir eine Nation, die dabei ist, ein Risiko einzugehen. Investoren, neue Hausbesitzer, und solche die besser im Ruhestand wären, nehmen große Risiken mit puritanischer Hingabe auf sich.
Was für einen Moment der finanziellen Geschichte beobachten wir gerade, liebe(r) Leser(in)? Ein kurzer Überblick über die heutigen Schlagzeilen zeigt, dass all die großen Themen der Globalisierung und der Geschichte Fahrt aufnehmen und aufeinander zulaufen. Die Amerikaner werden älter und stellen fest, dass sie für die steigenden Kosten für die Gesundheitsvorsorge nicht aufkommen können, oder für den komfortablen Ruhestand der Baby Boomer (die das amerikanische Pendant zu den deutschen 68ern sind).
China hat die Vereinigten Staaten im Verbrauch der grundlegenden landwirtschaftlichen und industriellen Güter überrundet. Es drängt die OPEC, ihre Produktion zu maximieren. Der Wettbewerb um das Öl der Welt wird mit jedem Tag, der vergeht, heftiger. Aber auch China selbst muss mit Indien und Japan um das Öl konkurrieren. Dieser gesamte Wettbewerb ist ein Grund, warum der Kauf von langfristigen Öl-Calls so viel versprechend ist.
Aber die Kehrseite dieses Wettbewerbs um die Energie-Ressourcen der Erde ist die bevorstehende Krise in Amerikas Rücklagen für die Altersvorsorge. Amerikas politische Entscheidungsträger finden gerade heraus, dass die vom Staat unterstützte Altersversorgung schlicht nicht aufrecht zu erhalten ist. Alan Greenspan hat es gestern in vorbereiteten Bemerkungen gegenüber dem "Senate Banking Committee" ausgesprochen. Der Vorsitzende tendiert zu privaten Altersvorsorgekonten. Er erzählte den Senatoren, dass "die bestehende Struktur nicht funktioniert" und dass private Konten "auf lange Sicht eine gute Sache sind".
Worum es eigentlich geht, ist, dass es in der nahen Zukunft zu wenig Arbeiter geben wird, die für zu viele Ruheständler zu viel Geld bezahlen müssten. Oder, falls Sie die Sprache der Zentralbank vorziehen: "Die Versicherungsleistungen, die der wachsenden Bevölkerungsschicht im rentenfähigen Alter im Rahmen von obligatorischen Anspruchsprogrammen zugesagt wurden, hier insbesondere Sozialhilfe und die Alterskrankenversicherung Medicare, drohen in den folgenden Jahren die Kapazitäten der Bevölkerungsschicht im arbeitsfähigen Alter zu überlasten. Die demographischen Daten sind unerbittlich und rufen zum Handeln auf!
Greenspan warnte auch, dass, wenn das Problem nicht jetzt angegangen würde, dies die Zinserträge langfristiger Anleihen in die Höhe treiben könnte. Kurzfristige Zinsen sind angestiegen, langfristige aber nicht, sogar nachdem Amerika ein $600-Milliarden-Handelsdefizit erzielte. Selbst Greenspan ist verwirrt. "Im Moment bleibt das allgemein unerwartete Verhalten des weltweiten Anleihenmarktes ein Rätsel. Anleihenkursbewegungen mögen eine kurzfristige Abweichung darstellen, aber es wird noch eine Weile vergehen, bevor wir die Kräfte, die den jüngsten Erfahrungen zugrunde liegen, bewerten können."
In alarmierendem Ausmaße ist es noch nicht einmal die Sozialhilfe, die die schlimmsten Probleme bereiten wird. Es ist die Alterskrankenversicherung. Eine aktuelle Studie aus Harvard berichtet, dass seit 1990 die Ausgaben für medizinische Leistungen in Amerika von 696 Milliarden Dollar auf 1,7 Billionen Dollar angestiegen sind, beziehungsweise auf 15 % des Bruttoinlandsprodukts. Die Beihilfen der Bush-Regierung zu verschreibungspflichtigen Medikamenten werden der Belastung von Medicare innerhalb der nächsten 10 Jahren noch eine weitere Billion hinzufügen.
Medicare wird die Sozialhilfe nicht nur in Sachen öffentliche Ausgaben in den Schatten stellen, Medicare wird auch schneller in Konkurs gehen. Die Studie aus Harvard sagt genau das voraus für den Fall, dass der Medicare-Treuhandfond 2019, noch deutlich vor den öffentlichen Mitteln für Sozialhilfe, ausläuft.
Wie reagieren die Aktien auf solche düsteren Prognosen für die Sozialpolitik? Sie gehen natürlich rauf. Eine neue Merrill-Lynch-Untersuchung zeigt, dass die weltweiten Fondsmanager auf Aktien zunehmend bullisher werden und mehr Geld fließen lassen. Eine Befragung von 320 Fondsmanagern fand heraus, dass die durchschnittliche Aktienquote bei 55 % lag.
Dennoch haben – den Zahlen, die das Finanzministerium gestern veröffentlichte, zufolge – ausländische Anleger im November 27,8 Milliarden Dollar weniger in U.S.-Vermögenswerten angelegt. Sie haben immer noch mehr als 61,3 Milliarden Dollar in finanziellen Vermögenswerten. Aber der Analyst Peter Frank von ABN Amro sagt: "Es war ein steiler Fall, aber der Markt hatte schon eine noch kleinere Zahl erwartet. Wenn das der Anfang eines Musters ist, dann ist das eine schlechte Nachricht für den Dollar."
Das klingt bekannt. Schlechte Nachrichten für den Dollar. Schlechte Nachrichten für Zinssätze, schließlich. Und schlechte Nachrichten für jeden, dessen wirtschaftliches Wachstum vom amerikanischen Verbraucher abhängt.
China hat, laut einer Untersuchung des so genannten "Earth Policy Instituts", die USA im Verbrauch der grundlegenden landwirtschaftlichen und industriellen Produkte eingeholt. Laut dieser Untersuchung hat China 2004 64 Millionen Tonnen Fleisch konsumiert, im Vergleich zu den 38 Millionen Tonnen roten Fleischs, an denen die McDonald's-verschlingenden Amerikaner erstickten. China verbrauchte 258 Millionen Tonnen Stahl, im Vergleich zu 104 Millionen Tonnen in Amerika. Und China verbrannte 40 % mehr Kohle als Amerika.
Das alles unter der Annahme, dass auf Pro-Kopf-Basis die Amerikaner weder am Abendbrottisch (noch beim Frühstück, am Mittagsbuffet oder in der Snack-Bar oder beim Nachtisch) zurückstecken wollen. Und setzen wir voraus, dass China mehr Energie aus Kohle gewinnt als Amerika, weil China sehr viel Kohle besitzt. Mit Ölpreisen über 45 Dollar ist es billiger, etwas zu verbrennen, das man besitzt, als etwas zu kaufen, das man nicht besitzt.
Aber glauben Sie nicht, dass China sich zurückhält bei der Zuteilung des Öls. Die OPEC teilte gestern mit, dass die steigende Nachfrage Chinas das Kartell zwingen würde, den weltweiten Output auf 30,1 Millionen Barrel pro Tag anzukurbeln. Die Kapazitäten der OPEC liegen, nebenbei bemerkt, laut der OECD bei 31,5 Millionen Barrel pro Tag. Da bleibt nicht viel Spiel?
An zwei Geschichten sehen wir den Beweis der gleichen Idee. Jeder weiß, dass die Sozialhilfe Pleite machen wird, und schützt etwas anderes vor. Jeder weiß, dass immer mehr um das Öl kämpfen, dass bereits auf maximaler Leistungsfähigkeit gepumpt wird. Die Preise sind gestiegen, aber die weltpolitische Temperatur ist es – bis jetzt – noch nicht.
Hier ist die Frage: An welchem Punkt wird die Zukunft unvermeidbar deutlich werden und dadurch Gewalt über die Kurse der Vermögensanlagen bekommen? Wann wird das lauernde Wissen, das die amerikanische Regierung Versprechen gemacht hat, die sie nicht halten kann (und die sie auch nie die Absicht hatte zu halten), die Zinsen für US-Schuldverschreibungen in die zweistelligen Bereiche treiben? Und wann wird das nervöse Streben nach dem Öl der Welt, höflich und mit falschem Lächeln ausgeführt und mit Zugangsabmachungen hinter den Kulissen, sich in ein hässliches, öffentliches Spektakel verwandeln? Oder beobachten wir bereits die Eröffnungsszene?
Das erinnert einen doch irgendwie an die Schlussszene von Hamlet, wenn alle Hauptcharaktere tot auf der Bühne liegen. Fortinbras, der König von Norwegen, erreicht die Szene und spricht die letzte Zeile des Stücks:
"Nehmt auf die Leichen! Solch ein Blick wie der gehört aufs Schlachtfeld; hier empört er sehr. Geht, heißt die Soldaten schießen."
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