Eine allgemeine Theorie der Dummheit
Bill Bonner in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 14. Februar 2007 07:30 Uhr
ENL5454
„Zwei Dinge sind unendlich: Das Universum und die Dummheit der Menschen, beim Universum bin ich mir jedoch nicht sicher.“
- Albert Einstein
Die große Nachricht dieser Woche … zumindest vor dem vorzeitigen Ende von Anna Nicole Smith … war der jüngste amerikanische Haushaltsantrag. Die Bushregierung erwies sich – wieder einmal – als das ausgabenbegierigste Regime aller Zeiten. Keine öffentlich gewählte Regierung hat je so viel vom Geld ihrer Bürger ausgegeben oder so viel Geld, das die Bürger nicht haben. Auch hat noch keine Regierung vorher so viel Geld umverteilt – von den Steuerzahlern an die Auftragnehmer der Verteidigung, von der Mittelschicht in die Finanzklassen – und (am wichtigsten) – von den zukünftigen Generationen auf die Leute, die hier und heute leben.
Dieses gesamte Spektakel ist atemberaubend … und wie alle öffentlichen Spektakel ist es absurd.
Fast die Hälfe einer Billion wird im Laufe der nächsten beiden Jahren laut eines Bush-Plans hinzukommen. Doch dann, 2012, versprechen die Regierungsvertreter einen bescheidenen Überschuss zu liefern – von knapp über 60 Milliarden. Das wird natürlich nur dann passieren, wenn im Irak oder in Afghanistan nichts schief läuft (und warum sollte das passieren?) und wenn man bereit ist, Buchhalter einzustellen, die unverbesserliche Lügner sind.
Selbst im besten Falle gibt es keine plausible Möglichkeit, die es den Amerikanern erlaubt, ihre Schulden abzuzahlen – weder die öffentlichen noch die privaten. Die öffentliche Verschuldung liegt allein bei mehr als 100.000 Dollar pro vierköpfiger Familie. Die Zinsen dafür lägen bei ungefähr 5.000 Dollar. Wie viele Familien sind in der Lage, das zu ihrem Budget hinzuzufügen? Und was wären das für Politiker, die es von ihnen verlangten? Gegenwärtig kommen die Regierungsvertreter nicht einmal ihren Zinszahlungen nach. Also füttern sich die Schulden selbst ... und die ganze Sache wird zunehmend größer. Mehr Geld. Mehr Kredite. Mehr Schulden.
Ich habe über all das vergangene Nacht nachgedacht … und diesmal weder für Gebete noch für Alkohol eine Pause eingelegt. Ich habe nach einer Antwort auf zwei verwandte Fragen gesucht: Wie groß kann diese Kreditblase werden? Und noch wichtiger: Wie dumm können die Leute sein? Diese Fragen kommen auf wenn ich fernsehe oder die Nachrichten anhöre, wenn ich die Finanzberichte lese, wenn ich Berichte über den amerikanischen Haushalt lese. Diese Ansichten ... die Preise ... die Zahlen – reichen aus, einen Hirnlosen zum Nachdenken zu bringen ... und einen Abstinenzler an die Flasche.
Und doch scheinen alle Menschen, die ich treffe, verantwortungsbewusst … und sogar intelligent zu sein. Sie fahren Autos, sie haben einen Arbeitsplatz, sie verwalten ihre eigenen Sparbücher. Wie ist es möglich, dass sie die Zahlen des amerikanischen Budgets lesen können, ohne in Angst und Schrecken zu verfallen? Wie kann es sein, dass sie ihre Lebensersparnisse in Vermögenswerte stecken, die auf den Dollar ausgezeichnet sind ... oder noch mehr Geld an den größten Schuldner der Welt verleihen, für Erträge von weniger als 5%?
Und plötzlich fand ich die Antwort … oder zumindest eine Theorie. Und was ist das nur für eine erstaunliche Theorie. Sie, liebe Leser, sind die Ersten, die sie erfahren.
Jeder große Denker steht auf den Schultern des Riesen, der ihm voranging. Ich will nicht behaupten, auf Darwins Schultern zu stehen, oder auf Newtons, aber ich gehe doch davon aus, dass ich ihnen auf die Zehen getreten bin.
Newtons reziprokes Quadratgesetz besagt, dass die Erdanziehungskraft – genauso viele andere Dinge – im Quadrat zu ihrer Entfernung von der Quelle abnimmt. Und mit einem Geistesblitz fiel mir auf, dass das auch für die Anlageintelligenz gilt, auf die die Leute zurückgreifen können. Je weiter man sich von den Tatsachen entfernt, desto weniger weiß man, was wirklich vor sich geht.
Ich habe das Phänomen schon in der vergangenen Woche beschrieben.
Wenn jemand zu viele Schuldscheine ausstellt, dann kommen die Kreditgeber schnell dahinter und drehen ihm den Hahn zu. Wenn Banken zu viele Banknoten herausgeben, dann entstehen Gerüchte. Die Sparer werden unruhig. Dann holen sie ihr gesamtes Geld ab und die Bank macht Pleite. Das passierte immer wieder, ehe das Federal Reserve System das Bankgeschäft in die Enge getrieben hat.
Und wenn ein Land mehr ausgab als es sich leisten konnte, dann kamen diejenigen, die die Währung des Landes besaßen nach und nach – wenn nicht sogar sofort – ins Schwitzen. Dann fingen sie an, die Währung zu verkaufen, um andere Währungen oder Gold zu kaufen. Die Zinssätze sind daraufhin gestiegen ... und das Problem korrigierte sich irgendwann von selbst – entweder in Würde oder mit einer Katastrophe.
Doch heute leben wir in einer Welt der globalisierten, auf Vertrauen aufbauenden, vergällten Währungen. Die USA geben Dollar heraus, die die Form von Schuldscheinen haben. Niemand weiß genau, was der Dollar wert ist ... aber das hält die anderen Zentralbanken nicht davon ab zu versuchen, sich am Dollar zu messen. Sie geben auch mehr Geld heraus. Und dann stellen die Finanzgenies in London und New York ihre eigenen Kredite aus – Schuldscheine über Schuldscheine – die von Schulden gedeckt sind, die von Schulden gedeckt sind, die von noch mehr Schulden gedeckt sind. Und damit befindet sich der arme Anleger – Profi oder Amateur – Lichtjahre von den Tatsachen entfernt. Er weiß nicht mehr wirklich, was er davon zu halten hat. Er fragt sich, ob die USA Konkurs machen können. Und warum es, wenn es möglich ist, noch nicht passiert ist? Niemand von uns weiß es genau. Wir wissen nicht, wie viele Dollar auf Erden unterwegs sind ... wann sie die Erde verlassen werden ... und wie viel jeder davon wert sein sollte.
Ganze Vermögen werden in Gefahr gebracht. Milliarden-Dollar-Wetten werden platziert. Billionen von Dollar fließen im Meer der Liquidität obenauf. Und niemand weiß sicher, wie viel das alles wert ist ... oder wann es aufhört, überhaupt etwas wert zu sein.
Wie ist das möglich?
Und hier wende ich mich an Darwin und an meine Mitmenschen am Abendbrottisch, damit man mir auf die Sprünge hilft.
“Es ergibt doch Sinn, dass manche Gruppen von Menschen klüger sind als andere”, behauptete meine Frau, “unterschiedliche Umfelder fordern die Menschen auf unterschiedliche Weise heraus. Eine unwirtliche Umwelt verlangt höhere Intelligenz, um überleben zu können. Mit der Zeit werden die dümmeren Mitglieder der Gruppe aussortiert. Die Folge ist eine höhere Intelligenz der gesamten Gruppe.“
Mir ist noch nicht aufgefallen, dass die Leute aus Regionen, in denen das Wetter ganz besonders miserabel ist, besonders klug sind. Weder die Eskimos, noch die Indianer der Tierra Fuego, noch die schottischen Highlander gewinnen regelmäßig bei Schachmeisterschaften oder den Nobelpreis. Aber die Idee war attraktiv. Höhere Intelligenz wäre von Vorteil. Also sollte man davon ausgehen, dass alle Tiere, egal wo, mit der Zeit schlauer werden. Aber wo ist das Schwein mit einem IQ von über 140? Wo ist der Papagei, der lateinische Verben deklinieren kann? Oder der Wal, der Sonette schreibt?
Sie existieren nicht. Vielleicht fehlt es ihnen an der grauen Materie. Doch Killerwale haben Gehirne von der siebenfachen Größe des menschlichen Gehirns. Offensichtlich muss ich davon ausgehen, dass ein größeres Gehirn allein noch keine höhere Intelligenz bedeutet. Sie verfügen über genau so viel Intelligenz, wie die Umstände, in denen sie sich entwickelten, erforderten ... mehr wäre nur verschwendet, es wäre unproduktiv, würde das arme Schwein zwingen, sich in Existenzangst zu wälzen, während es sich eigentlich am Schlamm erfreuen sollte.
Genauso können wir davon ausgehen, dass auch die menschliche Intelligenz auf das Leben zugeschnitten ist, das die Menschen führten, als sie einen Großteil ihrer Entwicklung abschlossen – d.h. vor hunderttausenden Jahren. Damals lebten die Leute in kleinen Gruppen in den Wäldern, kratzten Larven aus toten Baumstümpfen. Sie lebten nicht in Gebäuden mit Klimaanlage in Manhattan und verdienten ihr Geld nicht, indem sie Swaps an Hedgefonds verkauften. D.h. sie entwickelten sich für einen vollständig anderen Lebensstil ... vor der Erfindung des Celebrity-TV oder des Zentralbankwesens.
In diesen Tagen ergaben Dinge auf andere Weise Sinn. Ein Mensch konnte seine Feinde sehen und er wusste, was passieren würde, wenn er sie nicht bekämpfte. Er musste zu seinen Kameraden halten ... und bis zum Tode kämpfen, wenn es nötig sein würde... um seinen Stamm, seine Familie und seinen kleinen Clan zu schützen. Heute, wo er zu den Heiden geschickt wird, um ihnen die Demokratie zu bringen, nimmt er diese Herausforderung fast klaglos an. Aber immer noch kämpft er so, als würde seine kleine Gruppe von Wölfen oder Untermenschen angriffen. Er kämpft, um seine Kameraden zu schützen ... und seine Kumpel ... nicht jedoch die „Demokratie“ oder das „göttliche Recht der Könige.“ Jede Studie unter Soldaten weist darauf hin und er kommt immer noch als Held nach Hause, selbst wenn er nur die Colamaschinen im Basislager aufgefüllt hat oder Bomben auf Leute geworfen hat, die keinen Luftschutz haben.
Die Menschen entwickelten sich in kleinen Gruppen ... wo sie die wesentlichen Dinge wissen konnten. Sie verstanden die Bedrohungen, denen sie gegenüberstanden ... und sie wussten, was wertvoll war. Aber als das Ausmaß und die Bildung der menschlichen Zivilisation zunahmen, fand sich der Mensch in einer Situation wieder, auf die sein Gehirn nicht vorbereitet war. Er verfügte nicht mehr über die präzise, spezifische, direkte Information, die er brauchte. Stattdessen musste er sich auf die Sorte von Wissen verlassen, das aus Abstraktionen, Generalisierungen und Slogans besteht. Dieses neue Wissen, welches Nietzsche als „Wissen“ bezeichnete und so von der älteren Form des erfahrungsbasierten Wissens, genannt „Erfahrung“, unterscheiden konnte, brachte die Menschen zu Fall. Denn es hatte sich zu weit von den Fakten entfernt. Das reziproke Quadratgesetz und Darwins Gesetz arbeiteten beide gegen ihn.
Unsere haarigen Vorfahren mussten nicht die Fragen beantworten, die uns heute verwirren: Wie viel ist der Dollar wert? Wie viel Kredit kann die Welt verdauen, ehe ihr übel wird? Oder wird eine Truppe, die am anderen Ende der Welt aufgestellt wird, von Vorteil sein? Also sind unsere Gehirne heute ganz einfach nicht dafür geeignet. Sie sind nicht groß genug.
Heute kann der Durchschnittsmensch kaum den Unterschied von Tatsache und Wahlkampagnenspruch erfassen. Und das neue Ersatzwissen lässt ihn Fehler machen. Die moderne Politik verwandelt den Wähler in einen Dummkopf ... macht den Amateur-Anleger zu einem Trottel der Wall Street ... und schickt den armen, ahnungslosen Fußsoldaten zu einem närrischen Botengang, bei dem er nur sein Leben verlieren kann.
Die Zivilisation, das Zentralbankwesen und die Politik machen uns alle zu Affen. Wir sind nicht so ausgestattet, dass wir mit ihnen umgehen können. Wie der Friseur, der bei der Arbeit mit einem Schraubenschlüssel und fuseligem Atem erscheint, sind wir dazu auserkoren, die Sache zu verderben.