Eindrücke aus Madrid – in New Mexico
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 11. August 2004 18:00 Uhr
ENL5454
Zwischen unserem Trip zum Grand Canyon und dem Aufenthalt in Santa Fe lag ein Zwischenstopp in Madrid – nicht dem spanischen Madrid, sondern dem Madrid in New Mexico. Das ist eine Kleinstadt, für die es nur ein passendes Wort gibt. Irre. Kein Wort beschreibt sie besser.
Madrid ist eine alte Bergbau-Stadt, die Mitte des 19. Jahrhunderts zu einer Geisterstadt verfiel. In den 1960er Jahren wurde sie von den Hippies wieder entdeckt. Ihnen gefiel die Abgelegenheit und Einsamkeit des Ortes. Was immer sie tun und lassen wollten, konnten sie hier machen. Niemanden schien es zu stören. Sie lebten in alten Schulbussen, Zelten oder in verlassenen Abbau-Schächten. Sie bepflanzten die umliegenden Hügel mit Marihuana, verkauften Batik-T-Shirts an Touristen, sammelten Müll ... und beobachteten Steppenläufer auf dem Weg durch die Stadt.
In Madrid gibt es keine Geradlinigkeit – im wahrsten Sinne des Wortes. Die Häuser neigen zur Seite, die Fußböden senken sich und die Menschen treiben ab.
Die Häuser und kleinen Geschäfte verdienen es, etwas genauer beschrieben zu werden. In ihrer augenscheinlichen Vernachlässigung, Erniedrigung, erbärmlichen Baufälligkeit, ihrem Zerfall und ihrer Altersschwäche könnten sie jedem Lexikon als Demonstrandum dienen. Eines dieser Häuser faszinierte uns ganz besonders. Es war zweifellos ein Haus, das für die Minenarbeiter gebaut worden war. Aber seit der Coolidge-Regierung (1923–29) hat niemand mehr einen Handschlag an diesem Haus getan. Zerbrochene Fenster und überall Pappe und Sperrholz. Und das Vordach war so zerstört, dass der durchsickernde Regen den Fußboden langsam vermodern ließ. Einige Häuser schienen sogar trotz Trockenheit zu vermodern. Andere wiederum verrotteten aus Feuchtigkeit. Und noch andere verrotten aus Gründen, die bisher noch nicht katalogisiert wurden.
Die Madrilenen wirkten ebenfalls leicht angemodert. Die alten Hippies hassen immer noch alle Art von Kapitalismus, aber ihr Haar ist in der Zwischenzeit grau geworden, ihre Bärte sind weiß und ihre Prinzipien, falls sie jemals welche hatten, sind längst in Vergessenheit geraten. Was immer Touristen haben möchten, verkaufen sie ... wobei ihr Hauptprodukt eigentlich immer noch die eigene Antikultur ist. Beispielsweise verkaufen sie T-Shirts mit dem Aufdruck "Heimatland-Sicherheit ... seit 1492 bekämpfen wir den Terror". Darunter ist Geronimo mit einer Gruppe bewaffneter Appatschen zu sehen.
Der Saloon für die Minenarbeiter ist auch heutzutage noch ein Ort zum Abhängen. Es ist eine gemütliche Kneipe mit einer breiten Theke und an die Wand geklebten Dollar-Scheinen ... jeder trägt einen Namen. Dazu gibt es laute Country-Musik.
Einige Cowboys saßen auf den Barhockern, als wir den Laden betraten. Die Barfrau wirkte dermaßen beschäftigt, die Bierversorgung zu gewährleisten wie ein Feuerwehrmann bei der Arbeit. Cowboys und Touristen saßen durstig an ihren Tischen. Ein Mann mit Hut nahm seine Gehhilfe hinzu, als er die Toilette aufsuchte.
Ein durchschnittlicher, nicht erinnerungswürdiger Kerl Mann lehnte in Jeans und T-Shirt an der Theke. Ein anderer war ein seltsamer Typ mit Bierbauch und Augen, die mit Sicherheit seit Jahren nicht geradeaus geguckt hatten. Was unsere Aufmerksamkeit aber am meisten auf sich zog, war die Frau, die sich zwischen den beiden Männern hin- und herbewegte. Sie flirtete mit dem ersten ... und nachdem er sie ignoriert hatte, wandte sie sich dem zweiten zu. Sie versuchte die beiden Männer gegenseitig eifersüchtig zu machen, irgendwie wirkte sie fehl am Platz. Überhaupt wirkte alles an ihr falsch: Sie hatte die Arme voller Tätowierungen ... und trug ein Kleid, das so schlabberig war, das man ihren Körper darunter nicht einmal erahnen konnte. Diese Tatsache wiederum lenkte die Aufmerksamkeit des Betrachters auf ihre scheußlichen Tattoos ... und ihr ebensolches Gesicht.
Die arme Frau war keine Schönheit. Auch war sie keine rassige Stute. Nicht dass sie zu alt gewesen wäre, sie sah einfach so aus, als wäre das Leben hart zu ihr gewesen. Sie hatte schwarzes Haar, das eine ungesunde Gesichtsfarbe und einen fehlenden Zahn einrahmte.
Nach ein paar Minuten bekam sie Gesellschaft von einer anderen Frau in ihrem Alter. Dieses Exemplar kann gerade von draußen rein, wo sie von einen Gewitter überrascht worden war. Sie trug einen Overall, dessen Beine abgeschnitten worden waren ... und ein Paar Biker-Stiefel. Ihr regennasses Haar klebte an ihrem Kopf ... ihre Kleidung hatte das Wasser förmlich aufgesogen ... es lief an ihren nackten Beinen herunter. Die glänzenden, nassen Beine waren hübsch und wohlgeformt. Es kann sein, dass sie wirklich einmal hübsch war, aber sie sah aus, als ob sie einen Urlaub bräuchte ... und einen neuen Zahn.