Eindrücke aus Buenos Aires
Traders Daily
vom 04. Oktober 2005 12:00 Uhr
ENL5454
Meine letzte Reise nach Buenos Aires brachte alles, was ich erwartet hatte – und vieles, was ich nicht erwartet hatte.
Ich habe z.B. nicht erwartet, dass ich mich in einer überfüllten Bar umdrehen würde, und dort eine Freundin erblicken würde, der gerade übers ganze Gesicht geschleckt wird – wie einem Katzenjungen, dass von seiner Mutter geputzt wird – von einem großen Argentinier um die Dreißig. Der Typ behauptet, dass sei die Art, wie leidenschaftliche Argentinier heute ihre Damen küssen.
Meine Freundin war, unglücklicherweise, nicht sehr erfreut weil sie nach dieser Leidenschaft einen Mopp, brauchte und wir sind aus der Bar geflohen.
Ich hatte auch nicht erwartet, auf nahezu jedem männlichen Kopf den gleichen Haarschnitt zu finden. Ich hatte auch nicht erwartet, dass es an jeder Straßenecke einen Irish Pub geben würde. Ich hatte auch nicht erwartet, dass ich eine nie enden wollende Parade der neugierigen Blicke wegen meiner blonden Haare und meiner amerikanischen Kleidung auf mich ziehen würde. Ich hatte auch nicht erwartet, dass ich mich den ganzen Tag über relativ sicher vor Dieben, Kidnappern und Betrügern fühlen würde.
Und trotz allem was ich gelesen hatte, hatte ich nicht erwartet, ein Land zu finden, dass so fest auf dem Pfad zur Stabilität ist, und das nur drei Jahre nach einem wirtschaftlichen Zusammenbruch.
Sicher, ich habe alles bekommen, was ich erwartet hatte – die verführerischen Tangotänzer hinter jeder Straßenecke, die charmanten Straßenmärkte, die europäische Architektur und die Straßen mit Kopfsteinpflaster, das unglaublich zarte Rindfleisch und die phänomenal günstigen Preise. Aber das, was ich nicht erwartet hatte, hat mich wirklich mehr erstaunt.
Stellen Sie sich vor, Sie wachen eines hellen Morgens auf, beeilen sich, die Schuhe zuzubinden und machen sich früh auf den Weg. Sie gehen zügig zu Ihrem ersten Ziel, einer Bank. Es ist Ende des Monats und Sie müssen viel Geld abheben, um die Miete, die Strom- und die Telefonrechnung zu bezahlen und ein bisschen, um Lebensmittel einzukaufen.
Sie kommen an einigen seltsamen Protesten in den Straßen vorbei, und Sie trifft eine Realität, als Sie die Bank betreten, die ihr Leben verändern wird. Ihr Kontostand ist um ein Drittel weniger wert, und Sie kommen an die verbleibenden zwei Drittel nicht ran, weil die Regierung alle Bankkonten 90 Tage lang eingefroren hat. Und wir reden hier nicht von riskanten Investitionen – wir reden hier von gusseisernen Sparkonten.
Sie können ihre Miete nicht bezahlen, Sie können auch kein Geld abheben, um für Ihr Mittagessen zu bezahlen oder die Schulgebühren für die Kinder, Sie kommen noch nicht einmal an das wenige Geld, das Sie bräuchten, um den Bus nach Hause zu nehmen.
Obwohl dieses Szenario für uns eher nach einem schlechten Traum klingt, ist es den Leuten in Argentinien vor nur drei Jahren genau so ergangen.
Viele von Ihnen werden sich vielleicht erinnern, dass Argentinien in den späten Neunzigern ein Liebling an der Wall Street war. Die amerikanischen Anleger liebten dieses Land so sehr, wie dicke Kinder Kuchen mögen. Aber Argentinien hat riesige Mengen an Geld geliehen, und 2001 ist der Hosenbund geplatzt und ein katastrophaler wirtschaftlicher Zusammenbruch war die Folge. Vermögen haben sich über Nacht in Luft aufgelöst. Auf den Straßen kam es zu Unruhen. Und der um sich schlagenden Regierung gelang es nicht im Ansatz, die Kredite beim Internationalen Währungsfonds zurückzuzahlen. Das Land fand sich selbst mit einer Verschuldung wieder, die sich auf insgesamt mehr als 102 Milliarden US-Dollar belief.
Argentinien bewertete den Peso neu, der zuvor künstlich an den amerikanischen Dollar gebunden war. Der Wechselkurs war jetzt variable und der amerikanische Dollar sprang anfänglich auf 1,80 Pesos, dann auf zwei und mehr. "Stagflation" – eine Verbindung aus hoher Inflation bei wirtschaftlicher Stagnation – setzte ein. Und, um die Zukunft fürchtend, strömten die verzweifelten argentinischen Bürger an die Aktienmärkte und kauften Dollar, selbst wenn es nur zehn oder hundert waren, von jedem bisschen Geld, dass sie zusammenkratzen konnten. Die Bankkonten waren eingefroren durch die von der Regierung verordneten "Corralito", wodurch man eine Kapitalflucht verhindern wollte. Der Wechselkurs sprang auf 2.50 und dann auf drei Pesos pro Dollar.
Aber jetzt, nur drei Jahre, nachdem man den Zahlungsverpflichtungen für den größten Schuldenberg der Geschichte nicht nachkam, ist Argentinien wieder ein guter Kauf. Ich kann der Feststellung, Buenos Aires sei eine Stadt von Weltklasse in einem aufstrebenden Land, nur zustimmen. Tatsächlich glaube ich, dass Argentinien das absolut billigste Land in der westlichen Welt ist.
Argentinien hat wirklich westliche Kultur. Mehr als 95 Prozent der Einwohner können ihre Wurzeln bis nach Europa verfolgen. Buenos Aires ist eine europäische Stadt und wird oft als das "Paris Südamerikas" bezeichnet. Zuletzt habe ich aber auch einen Artikel gelesen, in dem Paris als das "Buenos Aires Europas" bezeichnet wurde.
Dieses westliche Gefühl ist besonders attraktiv für Anleger, die hinsichtlich der politisch wilden Karten im Süden Amerikas eher zögerlich sind. Argentinien profitiert von einer sehr liberalen Bevölkerung und viele ausländische Unternehmen fangen gerade an, ihre Outsourcingzentren von Indien nach Argentinien zu verlegen, weil das Land viele gut ausgebildete und billige Arbeitskräfte zu bieten hat, ebenso wie eine günstigere Zeitverschiebung.