Ein wesentliches Problem – Alan Greenspan
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 26. April 2004 18:00 Uhr
ENL5454
Im Jahr 2000 war es soweit, dass Alan Greenspan nicht mehr merkte, dass er selbst ein wesentlicher Teil des Problems geworden war. Irrationaler Überschwang – das galt inzwischen auch für ihn. Märkte machen Meinungen, so ein geflügeltes Wall Street-Wort. Die Meinung des Fed-Vorsitzenden und der Bullenmarkt im Technologie-Sektor – das war inzwischen so etwa das Gleiche. Benjamin Graham hatte über die Bullenphase der Jahre 1949 bis 1966 einst geschrieben: "Es verursachte an der Wall Street eine geradezu natürliche Befriedigung, ausgefeilte wie unlogische und gefährliche Überzeugungen zu pflegen, dass sogar von gewöhnlichsten Aktien für die Zukunft noch die wunderlichsten Ergebnisse zu erwarten waren."
Was sagt Warren Buffet dazu? "Aktien steigen erst aus den richtigen Gründen und dann aus den falschen." 1982 waren Aktien noch billig. Der Dow stieg im Verlauf der darauf folgenden 14 Jahre um 550 %. Zu dem Zeitpunkt, als Greenspan vor irrationalen Übertreibungen warnte, waren Aktien nicht mehr billig. Aber das interessierte überhaupt niemand mehr. An der Wall Street, die Benjamin Graham als "große Wahlmaschine" bezeichnete, bestand eben zeitweilig einmal die Bereitschaft, selbst Stimmen für Aktien mit fragwürdiger Technologie und zweifelhaftem Management abgegeben. Also stiegen die Aktienkurse weiter – und alle wurden sich immer sicherer, dass die Kurse noch weiter steigen würden.
"Greenspan wird es nie zulassen, dass die Wirtschaft in eine Rezession abrutscht", war gängige Analystenmeinung. "Die Fed wird immer zum Einschreiten bereit sein, wenn es gilt, einen wirklichen Bärenmarkt zu verhindern", so die Investoren. Also schien das langfristige Risiko, Aktien zu halten, gegen Null zu tendieren. Daran schien sogar Greenspan selbst zu glauben. Und wenn der Vorsitzende der Fed das glaubte, wer konnte dann noch an dieser Wahrheit zweifeln? Je wahrer alles erschien, desto irrationaler wurde natürlich das Verhalten der Leute.
Robert Shiller, Autor von "Irrational Exuberance" schrieb: "In den 1990ern glaubten die Menschen wirklich daran, dass ein neues Zeitalter angebrochen war. Dadurch waren sie bereit, Risiken auf sich zu nehmen, die ein normaler Mensch nie auf sich nehmen würde ... Die Leute hatten überhaupt nicht den Eindruck, dass es Sinn machen würde zu sparen. Sie warfen mit dem Geld um sich, weil sie ihre Zukunft für völlig risikolos hielten."
Genauso wie "Wert" hat aber auch das Risiko die Eigenschaft, sich völlig unerwartet zu zeigen. Je unfehlbarer Alan Greenspan erschien, umso stärker und ungerechtfertigter wurde die Eskalation der Vermögenswerte. Mit seiner zaghaften Warnung vor der "irrationalen Übertreibung" hatte der Maestro also nichts anderes getan, als eine noch größere Übertreibung zu schaffen.
"Greenspan verhindert Wall Street-Kollaps" lautete eine Schlagzeile in der französischen Finanzzeitung "La Tribune" im Dezember 2000. Das hatte Greenspan tatsächlich getan und damit den Tag gerettet.
Aber Greenspan hatte bis dahin eigentlich noch gar nichts getan. Und was konnte er denn schon tun? Etwa die Leitzinsen senken? Ob das wohl funktionieren würde? Warum sollten Konsumenten und Unternehmen, die alle bereits hoch verschuldet waren, sich noch mehr Geld ausleihen?
Vielleicht würde eine Verbilligung von Krediten genauso wenig zur Verbesserung der Kreditproblematik beitragen, wie eine Preissenkung von Jim Beam helfen würde, die Trunksucht zu kurieren. In beiden Fällen war nicht der Preis des Suchtmittels das Problem, sondern der exzessive Gebrauch, der davon gemacht worden war.