Ein wenig zu viel Abkühlung, um erfreulich zu sein
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 20. September 2006 07:30 Uhr
ENL5454
Guten Morgen, sehr geehrte Leserinnen und Leser!
Noch vor wenigen Wochen begann das große Heulen und Zähneklappern, wenn eine Konjunkturzahl die ungebrochene Stärke der US-Wirtschaft andeutete. Zinssteigerungen bis zum Abwürgen des Konjunkturmotors bei zugleich außer Kontrolle geratender Inflation waren ein Szenario, das den Akteuren am Aktienmarkt den Schlaf raubte. Zu recht ... und ich will mich da nicht ausschließen. So hätte es nicht weiter gehen können. Nur:
Es ging ja auch nicht so weiter. Aktuell zementieren die einlaufenden Daten ein ums andere Mal den nach unten weisenden Trend der US-Wirtschaft. Und zumindest die Stimmung ist hierzulande davon ebenfalls angesteckt worden. Gleich zu den hochinteressanten Daten des gestrigen Tages, bevor ich meine Befürchtungen hierzu weiter ausbreite:
ZEW-Index zeigt: Stimmung im Keller
Der schwächste Stand seit 1999 und der achte Rückgang in Folge, das war das Fazit des gestern vormittag veröffentlichten deutschen ZEW-Index der Konjunkturerwartungen im September. Der Index der Erwartung rutschte weiter auf nur noch –22 ab, nachdem der Wert im Mai noch bei +50 notierte. Zwar konnte sich der Index der aktuellen Lagebeurteilung von 33,6 auf 38,9 verbessern, aber die Börse handelt nun einmal die Zukunft ... und die scheint langsam immer düsterer zu werden. Aber:
Diese dunklen Wolken am Horizont werden bis jetzt nur von den Finanzexperten erspäht. Zumindest bis August schien sich davon bei den Unternehmen selbst noch nichts anzukündigen. Der ifo-Index, der in der kommenden Woche folgen wird, befragt ja mehrere tausend Unternehmen nach ihrer Lagebeurteilung ... und hier ist das Niveau der guten Laune bislang immer noch außerordentlich hoch geblieben. Die zeitweise negative Reaktion des Dax auf diese Daten wird daher erst dann nachhaltig werden, wenn auch der ifo die massiv eingetrübten Aussichten des ZEW-Index wirklich nachvollziehen wird.
US-Baubeginne und Baugenehmigungen erneut deutlich eingebrochen
Einen scharfen Rückgang gab es gestern auch bei den um 14:30 Uhr veröffentlichten Neubaubeginnen im August. Die „housing starts“ sackten um ganze sechs Prozent weg ... und das auch nur, weil die Juli-Zahl im nachhinein um 1,5% nach unten korrigiert wurde, sonst wären es entsprechend –7,5% gewesen. Der absolute Wert lag bei 1,665 Millionen. Gegenüber dem Rekordniveau vom Februar 2005 also ein Einbruch um ein Viertel in nur eineinhalb Jahren! Das ist ein ungesund schneller Abstieg, der nicht ohne Folgen bleiben kann.
Bei den Baugenehmigungen fiel der Rückgang etwas moderater aus. Hier ging es um 2,3% auf 1,722 Millionen nach unten ... aber der Trend ist hier ebenfalls scharf nach unten gerichtet. Und das Problem der Kettenreaktion macht diese Tendenz kurzfristig unumkehrbar:
Dieser Abschwung entsprang ja einem dramatischen Überangebot, das aus der Spekulationswelle der Investoren in Immobilien einerseits und der vermeintlich spottbilligen Hypotheken für Hauskäufer anderseits resultierte. Nun sind aber die Hypothekenzinsen markant gestiegen und die Nachfrage daher deutlich zurückhaltender. Zahllose auf Halde „vorgebaute“ Immobilien blockieren den Markt und drücken massiv auf die Preise ... es kann nicht verwundern, dass diese Situation des Überangebots zu einer schlagartigen Zurückhaltung bei Bauherren wie Käufern führt. Und zugleich verstopfen viele Spekulanten den Markt noch weiter, indem sie versuchen, ihre vermeintlichen Schlüssel zum Reichtum wenigstens mit nur geringen Verlusten loszuschlagen.
Erzeugerpreise erneut gefallen!
Da konnten auch die zeitgleich veröffentlichten US-Erzeugerpreise für August keine fröhliche Stimmung an Wall Street verbreiten. Diese waren in der Gesamtrate wie schon im Juli um nur 0,1% gestiegen und unterboten damit die Prognosen, welche von einem Anstieg um 0,2-0,3% ausgegangen waren.
In der Kernrate, also ohne die volatilen Energiepreise, wurde erneut ein deutliches Minus verzeichnet. Die Rate fiel um 0,4% nach einem Minus von 0,3% im Vormonat. Hier lagen die Erwartungen bei einem Anstieg von 0,2%. Grundsätzlich gute Nachrichten, aber:
Die „moderate Abschwächung“ scheint zu einer Rosskur zu werden
In ihrer Gesamtheit deuten die Daten der letzten Wochen an, dass die auch und vor allem von der US-Notenbank erhoffte weiche Landung der US-Wirtschaft zu einer harten Bruchlandung auf dem Hosenboden werden, sprich die Konjunktur in eine Rezession laufen kann. Das muss nicht so kommen, aber die Hinweise mehren sich. Das Gedankenmodell ist recht simpel:
Die gestiegenen Zinsen haben ihre volle Wirkung noch nicht entfaltet. Doch schon jetzt schlucken zahllose Eigenheimbesitzer mit variablen Hypotheken-Zinssätzen über die massiv steigenden Kreditkosten, während ihre noch nicht einmal bezahlte Immobilie zeitgleich immer weniger wert wird. Das ist fatal genug.
Hinzu kommt aber der Einbruch im Bausektor, der den betroffenen Unternehmen auf die Taschen drückt und in den kommenden Monaten eine Vielzahl an Arbeitslosen produzieren wird, die dem Konsumsektor als Stütze wegfallen werden. Und gerade dort hofft man darauf, dass ein ungebrochenes Konsumieren der US-Bürger eine durch den Immobilienmarkt verursachte Rezession verhindern wird. Doch die zunächst noch langsame Verunsicherung der Bürger, die sich in geringen Wachstumsraten im Einzelhandel ebenso niederschlägt wie in einigen Stimmungsindikatoren, deutet auf eine gestiegene Zurückhaltung angesichts der unsicheren Lage hin.
Da helfen auch fallende Produzentenpreise nicht, so lange diese Entlastung nicht an die Verbraucher weitergegeben wird ... und dies deuten die Verbraucherpreise der vergangenen zwei Monate zumindest bis jetzt noch nicht an. Das ist zwar gut für die Unternehmen und damit primär auch für die Aktienkurse, da die Firmen damit ihre Gewinnspannen ausweiten können. Doch wenn sich dieser durch die Immobilienblase verursachte Kreislauf fortsetzt – und davon gehe ich aus – wird die Freude der Aktienmärkte nur von kurzer Dauer sein. Denn rückläufige Umsätze und in deren Folge die Notwendigkeit zu Preissenkungen oder zumindest Preisstabilität werden über kurz oder lang auch in den Bilanzen spürbar.
Die Kommentare der Notenbank werden für Bewegung sorgen
Fazit: Auch, wenn die Zahl der „wenns“ sehr hoch liegt, fängt man nun langsam an den Märkten an, nicht mehr vor möglichen Zinserhöhungen, sondern vor Zinssenkungen zu zittern. Denn diese wären die Manifestation einer auch von der Notenbank erkannten Rezessionsgefahr. Und so dürfte es heute abend, auch, wenn die Fed die Leitzinsen nicht verändern dürfte, mal wieder höchst spannend werden. Denn man wird jetzt peinlich genau nach Hinweisen im Notenbank-Kommentar suchen, die auf die Risiken einer zu starken Abschwächung hindeuten könnten. Es wird also kommen wie immer: Ab 20:15 Uhr geht es rund an Wall Street!
Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag – bis morgen!
Ronald Gehrt
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