Ein vernünftiges Ziel
J. Christoph Amberger in Baltimore in Traders Daily
vom 14. März 2005 12:00 Uhr
ENL5454
*** Ein Blick nach draußen bestätigt das Offensichtliche: Draußen ist es kalt! Obwohl es hier an der amerikanischen Ostküste wenig Schnee gibt, sind die meisten Straßenschilder doch zur Hälfte mit Schnee und Eis bedeckt. Derselbe eisige Wind, der blaue Einkaufstüten und alte Zeitungen herumwirbelt, wirbelt auch abgebrochene Äste durch die Luft.
Es mag zwar März sein, aber die arktische Front, die gerade an Baltimore vorbeizieht, mag der Vorbote von noch weiter anziehenden Ölpreisen sein. "Angst vor Winterwetter" wird von der Mainstream-Finanzpresse immer und immer wieder zitiert. Laut dieser Weisheit werden wir sofort einen Rückgang der Ölpreise sehen, wenn die Krokusse durchbrechen.
Die Wahrheit ist: Der Markt bewegt sich in einer entscheidenden Phase. Immer und immer wieder haben die US-Aktienbörsen versucht, erhebliche Widerstände zu überwinden. Während bis jetzt jeder Versuch scheiterte, wird der aber nach wie vor vorherrschende Aufwärtstrend immer offensichtlicher.
Harry S. Dent sieht beim Dow Jones kurzfristiges Potenzial bis in den Bereich 11.300 bis 11.770 Punkte hinein, und kurzfristigem Risiko von 3 % bis 5 %. Er schreibt:
"Wenn der Markt 3 bis 5 % fällt, wenn der Ölpreis auf neue Hochs steigt und der Dollar auf neue Tiefs fällt, dann wäre das das finale Kaufsignal für Investoren, die immer noch mit Geld in den Taschen abseits stehen."
*** Da die Wall Street es immer noch nicht schafft, die Investoren dazu zu bringen, mit beiden Füßen in den Markt zu springen, werden Öl, Gold und Devisen weiter ziemlich volatile Spekulationsobjekte bleiben. Das wird sich wohl erst ändern, wenn sich die Aktienkurse deutlich über ihren Highs von 2000/2001 etabliert haben.
Ich glaube, dass ein Schlüssel bei dieser Trendumkehr aus Brüssel kommen könnte. Denn dort haben sich die EU-Finanzminister nicht darauf einigen können, wie stark sie den Maastricht-Stabilitätspakt ändern sollen. Frankreich und Deutschland (die in besseren Zeiten darauf bestanden, dass der Pakt rigoros eingehalten werden müsste) versuchen jetzt, eine "Sie kommen aus dem Gefängis frei"-Karte zu erhalten, damit sie wiederholt die Verschuldungsgrenzen überschreiten können.
"Wir sind jetzt an der Grenze. Wenn wir weiter gehen würden, dann würde das nicht nur den Stabilitätspakt in Frage stellen, sondern auch die Stabilität der gesamten Eurozone und die Glaubwürdigkeit des Euro", zitierte BBC den belgischen Finanzminister Didier Reynders.
Noch akzeptieren die Amerikaner die "twin deficits"-Begründung für den immer tiefer fallenden Dollar, und gleichzeitig ignorieren sie die wirtschaftliche Niedergeschlagenheit der EU und des Euros.
Aber ich habe so ein Gefühl, dass sich das noch ändern wird, bevor der Sommer vorbei ist.
*** Während für die Eurozone die Wachstumsprognosen nach unten revidiert werden, hat eine Untersuchung von Bloomberg herausgefunden, dass für die USA die Wachstumsprognosen fürs erste Quartal erhöht werden.
Die Konsensschätzung für das US-Wirtschaftswachstum im ersten Quartal liegt bei 4,0 %. Morgan Stanley hat die eigene Prognose auf 4,4 % erhöht, nach 3,2 % im letzten Quartal.
Die US-Konsumausgaben sollen für das gesamte Jahr 2005 um 3,5 % steigen, und die Konsumentenpreise sollen demnach um 2,5 % zulegen. Wenn man noch Wachstum bei den Bauausgaben und eine Rekordnachfrage nach günstigen US-Exportgütern unterstellt, dann glaube ich, dass ein Wachstum von 4 % ein vernünftiges Ziel ist.