Ein Vergleich mit Ikarus
unserem Korrespondenten Eric Fry in New York in Investors Daily
vom 04. Dezember 2002 18:00 Uhr
ENL5454
Die ersten Tage des neuen Monats haben an den Börsen ernüchternd begonnen. Insbesondere der jüngste ISM-Report fiel nicht so positiv aus, wie viele Analysten erhofft hatten. Dann gab es im High Tech-Sektor noch zwei unterschiedliche Meinungen von Wall Street-Analysten. Es ging um die Gesundheit der Halbleiterindustrie. Es gibt natürlich keine Debatte über die Gesundheit der Halbleiter-AKTIEN. Diese sind seit Wochen auf dem Weg nach oben.
Aber das Umfeld für die Halbleiterindustrie ist nicht so rosig, außer man glaubt Dan Niles, dem Halbleiter-Analysten von Lehman Brothers. Gestern erhöhte Niles seine Ratings (Bewertungen) für Intel und AMD. Der Grund: Eine von Niles antizipierte Erholung bei den Technologieausgaben der Unternehmen. "Wenn man nach vorne schaut, dann gehe ich davon aus, dass sich die Profitabilität der Unternehmen verbessern wird, und es gibt versteckte Zeichen für einen neuen PC-Erneuerungs-Zyklus des amerikanischen Unternehmenssektors."
Wenn Niles Recht hat, dann sind diese Zeichen so versteckt, dass selbst die PC-Hersteller sie noch nicht gesehen haben. Währenddessen hat Joe Osha von Merrill Lynch seine Verkaufs-Empfehlung für Intel gestern bestätigt. Er sagte, dass die Aktie zu weit nach oben geschossen sei. "Wir denken, dass jede Verbesserung der Geschäftszahlen oder im Geschäftsumfeld bereits mehr als drin ist im Aktienkurs", so Osha gegenüber Kunden.
Osha könnte Recht haben, und was er sagt, könnte man auch für den gesamten Aktienmarkt anführen: Sogar wenn die Wirtschaft eine markante Erholung hinlegen sollte, dann ist der Aktienmarkt schon zu weit vorgeschossen. Eine starke wirtschaftliche Erholung ist, wie Osha sagen würde, "in den Kursen drin". Also was passiert, wenn die wirtschaftliche Entwicklung nicht den Erwartungen entsprechen wird? Wir alle kennen die Antwort, und sie ist nicht schön. Und der Aktienmarkt könnte sich sogar dann, wenn sich die Wirtschaft wie erhofft erholt, nicht so schön entwickeln.
Deshalb erinnert mich die derzeitige Rallye mehr an Ikarus als an Apoll. Nur weil die Kurse derzeit gen Himmel streben, bedeutet das noch nicht, dass sie auch in den Himmel GEHÖREN.
Erinnern Sie sich, letztes Jahr stiegen die Kurse nach dem Selloff vom 11. September noch weiter nach oben – nur um wenige Monate später wieder zu fallen, sogar unter die zuvor gesehenen Tiefststände. Jetzt haben einige hoffnungsvolle Investoren dem Markt Wachsflügel aufgesetzt (wie Ikarus) und ihn aufgefordert, mit diesen Flügeln gen Sonne zu fliegen. Bis jetzt verlief der Flug vielversprechend. Und um fair zu sein: Die Flügel bestehen nicht aus Wachs; es handelt sich um ein Material der neuen Ära, das man "Nasdaq" nennt.
Dieses neue, aerodynamische Material verdankt seine Flugfähigkeit einem spezialen Zusatz, den man Technologieaktien nennt. Leider ist die Zusammensetzung instabil, und ich fürchte, dass Aktien wie Novellus die Integrität der Flügel des Marktes beeinträchtigen werden. Novellus, der Hersteller von Halbleiterzubehör, wird dezeit mit einem KGV '03 von satten 84 bewertet. Und das trotz schwacher Nachfrage nach den eigenen Produkten, wie die Gesellschaft selbst einräumte. Wer kauft denn diese Aktie trotzdem, und was denken sich die Käufer? Denken sie überhaupt?
In einem seltenen Anflug von Klugheit hat Bill Meade von RBC Capital Markets gesagt, dass ein Kauf von Novellus angesichts dieser Bewertung "fundamental falsch ist". Das nächste Mal wenn wir den Markt sehen, könnte er gerade ins Meer abstürzen.
Währenddessen sind die Anleihenkurse zurückgekommen. Sie kennen das Spiel: Wenn die Aktien stiegen, fallen die Bonds – und umgekehrt. Während der S&P 500 in den letzten 2 Monaten über 20 % zugelegt hat, sind die Preise der 10jährigen Anleihen eingebrochen, so dass die Rendite für diese Papiere vom Oktobertief bei 3,58 % auf aktuell rund 4,2 % gestiegen ist