Ein ungewöhnliches Szenario, mit dem keiner rechnet
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 12. November 2004 18:00 Uhr
ENL5454
Na, nun ist der Dax wieder an der oberen Linie seiner Seitwärtsbewegung bei 4175 Punkten angekommen. Damit ist der erste Teil meiner Prognose eingetroffen, die ich in der Jahresmitte, als die Seitwärtsbewegung nach unten gebrochen wurde, abgegeben habe. Nun fragt es sich, ob die Kurse bis zum Jahresende, wie von mir ebenfalls prognostiziert, weiter steigen. Leider ist dieses Szenario im Moment etwas unwahrscheinlicher geworden, denn überall wird von der Jahresendrallye geredet.
Ich habe heute den ganzen Morgen mit verschiedenen Tradern den Markt diskutiert. Eins ist sicher, die nächsten Tage werden den Fortgang bis zum Ende des Jahres entscheiden. Wie immer gibt es an den Börsen nur drei Möglichkeiten: Es geht rauf, es geht runter, oder es bleibt wie es ist. Da diese Aussage wenig befriedigend ist, gehe ich einmal ganz strukturiert vor. Folgende Ausgangspositionen sind aktuell zu beobachten:
1. Überall wird von einer Jahresendrallye geredet.
Wie Sie wissen, wenn die Masse von einem Ereignis an den Börsen redet, ist es höchst unwahrscheinlich (allerdings nicht ganz unmöglich), dass es eintreten wird.
2. Mehrere internationale Indizes stehen an wichtigen Marken.
Diese Marken sind fast schon zu offensichtlich. In den letzten drei Monaten wurden an wichtigen Marken immer wieder Fehlsignale ausgebildet.
3. Die Anleger warten auf eine Konsolidierung und trauen sich deswegen noch nicht voll in den Markt.
4. Der Dax zeigt, dass die Stimmung noch nicht euphorisch ist (0,33 % im Plus).
Wie Sie wissen, ist einer meiner erfolgreichsten Ansätze, um den Verlauf der Börse zu prognostizieren, die Erkenntnis, dass die Börse immer versucht, den Weg des größten Schmerzes zu gehen.
Ausgehend von den oben genannten Punkten würde das bedeuten:
1. Es kommt nicht zu einer Jahresendrallye.
2. Der Markt wird die wichtigen Marken nach oben brechen.
3. Die Konsolidierung wird entweder gar nicht oder nur sehr gering ausfallen.
Nun ist nur noch die Frage, wie das alles zusammenkommen soll. Folgendes Szenario wäre denkbar:
Die Märkte steigen einfach weiter an, immer mehr Menschen drängen in den Markt, weil sie mit einer Jahresendrallye rechnen. Wenn die Marken nach oben brechen, werden noch mehr folgen, so dass die Konsolidierung ausfällt (schmerzhafte Erkenntnis für viele Marktteilnehmer, die genau darauf warten, um einzusteigen). Das wiederum würde dazu führen, dass die Märkte explosionsartig ansteigen (schmerzhaft für alle, die nicht voll investiert sind).
Das geht bis Anfang Dezember. Zu diesem Zeitpunkt sind sich alle sicher, die Jahresendrallye wird sie reich machen. Und dann, im Dezember passiert das, womit keiner rechnet: Die Rallye bricht plötzlich in sich zusammen(das wäre dann das Schmerzhafteste, was passieren kann). Nun fehlt nur noch ein Grund, warum das ausgerechnet im Dezember passieren sollte.
Doch der ist auch einfach gefunden: Die ersten Institutionellen erkennen die euphorische Übertreibung und verkaufen, um die Performance zu sichern. Bei fallenden Kursen werden dann immer mehr institutionelle Anleger gezwungen, auch zu verkaufen, um ihre Performance zu sichern. Das löst eine Kettenreaktion aus, die zu starken Einbrüchen bis zum Jahreswechsel führt.
Noch ist es etwas zu früh, auf dieses Szenario zu setzen. Aber sollten die Marken ohne größere Konsolidierung weiter ansteigen und dabei die Dynamik in den nächsten Wochen dramatisch zunehmen, dann sollten Sie dieses Szenario in Betracht ziehen.
Sollte es jedoch jetzt zu der allgemein erwarteten Konsolidierung kommen, dann kann auch die Jahresendrallye starten. Nicht ganz aus den Augen verlieren sollten Sie: Es ist auch immer noch möglich, dass der Dax einfach in seiner Seitwärtsbewegung bleibt und nun bis 3700 Punkte abwärts läuft.
Wie gesagt, da wo der Dax gerade steht, kurz vor seinem Jahreshoch, ist eine Prognose kaum möglich.
Ich bin nach wie vor bullish. Aber erst heute im weiteren Verlauf, beziehungsweise in der nächsten Woche, wird sich abzeichnen, welche der drei Möglichkeiten eingeschlagen wird. Deswegen: Verpassen Sie nicht die nächsten Ausgaben des Investor's Daily!