Ein Stück Heimat
J. Christoph Amberger in Baltimore in Traders Daily
vom 02. Dezember 2004 12:00 Uhr
ENL5454
Zur Mittagszeit (ich hatte einem chinesischen Freund nördlich der Stadt bei der Verständlichmachung deutscher Export-Konditionen geholfen) überfiel mich auf dem Weg ins Büro ein Heißhunger, der nur durch einen Angus Steak Burger mit Käse und Speck bei Burger King gestillt werden konnte. Entsprechend stellte ich meinen fahrbaren Untersatz auf dem Parkplatz einer gehobenen Shopping Mall ab und mich selber in eine sich mit peristaltischer Langsamkeit fortbewegende Schlange von Krankenschwestern und schlüsselbundbehangenen Innenklimatechnologen.
Da fiel er mir auf: Wie ein Blick durchs geschlossene Fenster auf einen spätnachmittaglichen Berliner Novemberhimmel stand dort eine anthropomorphe Form aus flüssigem Grau, mittenmang den ebenso ausladenden wie buntbekittelten irischen Oberweiten und den Klempnermonturen. Graumelierter Hanseatenbart, graudurchschossene, nach hinten gepattete Haare. Grau-beige Haut. Zähne wie aus antikem Elfenbein. Graue "Stoffhose" mit Bügelfalte. Graue wattierte Windjacke mit pseudo-englischem Label. Graue Strickweste. Darunter ein weinrotes Hemd und ein vorwitziges Stück Unterhemd.
Ein Blick auf die Schuhe ... bequem-groteske Gesundheitstreter ... verfestigte das schon bei Kierkegaard thematisierte Wiedererkennen: Hier, im Burger King unserer wohlhabenden mitt-atlantischen Vorstadt, stand ein Stück Heimat! Ein Mitdeutscher aus der Generation meines Vaters. Ein Norddeutscher noch dazu ... vielleicht ein evangelischer Pfarrer, pensionierter Sozialkundelehrer oder anderer Stammleser der Zeit oder des Investor's Daily?
Die Bestellung bestätigte den Eindruck. In flüssigem wenn auch stark akzentuiertem Oberlehrerenglisch der 50er Jahre bestellte der Mann eine Grilled Chicken Sandwich-Combo, für welche er den exakten Betrag aus Dollarscheinen und Münzen aus der Kleingeldtasche seines Portemonnaies auf den Tresen pusselte.
Aus diskreter Entfernung sah ich ihm dann beim beidhändigen Manövrieren seines Sandwichs zu. Plopp, machte die Tomatenscheibe. Yup, das kam mir bekannt vor! Eindeutig ein archetypischer deutscher Verwandtenbesuch beim Zelebrieren des stammesüblichen Rituals des "Einlebens".
Ich musste grinsen: War auch er Großvater amerikanisch aufwachsender Enkel ("Nu' könntense aber ma'n bisschen Deutsch lernen ..."), der sich über die Feiertage ("Na denn komm ich doch einfach schonmal zu Thanksgiving ...") bei den Kindern aufhielt, und für vier lange Wochen ("Damit sich's denn auch lohnt ...") ein Spektrum aus dezenten Grautönen und Familientratsch ins amerikanische Familienleben einbrachte?
Das Konzept des sich-Einlebens ist (wie auch die Gesundheitstreter) ein exklusives Charakteristikum bundesdeutscher Reisekultur. Diese gebietet bekanntlich dem seriösen Reisenden, das erste Drittel seines Aufenthalts damit zu verbringen, sich emotional als Bestandteil des jeweiligen Lokalkolorits zu identifizieren. Dazu gehört bei Amerikareisen der obligatorische Immersionsbesuch bei Burger King ... komplett mit halbliterweiser Einverleibung der in der kalten Heimat an und für sich als "zu amerikanisch" verabscheuten "Coca".
(Nicht, dass es Burger King nicht in dreifacher Ausfertigung in Reichweite der heimatlichen Eigentumswohnung gäbe. Die sind aber nicht "authentisch"!)
Natürlich enthielt ich mich jeder Kontaktaufnahme: Das sich-Einleben des Deutschen im Ausland ist eine höchst zerbrechliche Angelegenheit! Ein einziges deutsches Wort hätte die Illusion chamäleonhafter kultureller Anpassung platzen lassen. Denn nichts ist so abträglich für's reisende Insider-Selbstwertgefühl wie die öffentliche Demaskierung als Landsmann.
Und für so traumatische Erfahrungen, lieber Leser, möchte ich nun wirklich nicht verantwortlich gemacht werden.
Ich sah ihm nach, wie er in Richtung Mall abstiefelte: Nächster Stop Rite Aid, für die Großpackung Aspirin und die Icy-Hot Arthritispflaster?