Ein strukturelles Problem
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 18. August 2003 18:00 Uhr
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Der größte Stromausfall in der Geschichte der USA ist ein deutliches Anzeichen eines viel tiefer liegenden, strukturellen Problems unserer westlichen Gesellschaft. Zwischen den Zeilen verschiedener Kommentare ist zu lesen, dass reine Profitgier einiger US-Stromversorger zu diesem Desaster geführt haben könnte. Notwendige Investitionen blieben aus, das Stromnetz veraltete. Ob es wirklich so war oder ob, beziehungsweise in welchem Maße auch politische Fehlentscheidungen eine Rolle spielten, vermag ich dabei nicht zu beurteilen. Jedoch erscheint mir dieser Stromausfall geradezu typisch für eine Entwicklung, die unsere Wirtschaft seit geraumer Zeit fest im Griff hat. Unsere Gesellschaft hat ein strukturelles Problem: Blinde Profitgier verbunden mit einer Art egozentrischem Narzismus führt zu einer unglaublichen Kurzsichtigkeit innerhalb der Wirtschaft.
Es hat sich, sicherlich auch bedingt durch den Boom der letzten Jahre, diese gefährliche Mentalität eingeschlichen: Managern, Firmeninhabern aber auch Mitarbeitern scheint es ausschließlich nur noch darum zu gehen, möglichst schnell, ohne Rücksicht auf Verluste, das eigene Vorankommen, den eigenen Reichtum voranzutreiben. Eine "Ich-Gesellschaft" entstand. Daraus resultierte eben diese unverständliche Kurzsichtigkeit. Denn eins sollten die letzten drei Jahre doch gezeigt haben: Diesem schnellen Reichtum, dem schnellen Geld fehlt das Fundament. Viele dieser Manager und Firmengründer sind dahin abgestürzt, wo sie her kamen. Im Sturz versuchten sie noch, durch alle möglichen legalen/illegalen Tricks, z.B. Bilanzfälschungen und anderen Betrügereien, ihre Haut zu retten.
Gerade dieser Stromausfall in Amerika offenbart wieder, wie schnell diese Kurzsichtigkeit sich gegen einen selbst wenden kann – Schadensersatzforderungen werden folgen, vielleicht die ein oder andere Firmenpleite. Nur – wer ist denn heute noch bereit, weitsichtig zu handeln, den eigenen Profit zu Gunsten einer langfristigen umsichtigen Entwicklung oder Unternehmensführung zurückzustellen? Wer ist den bereit, Umwege zu gehen, gerade dann, wenn das schnelle Geld lockt? Wo sind die Unternehmer, deren Leben die Firma war und nicht der eigene Profit? Es ist, als wolle man ein Haus bauen und beginnt mit dem Bau des Daches. Hastig wird ein Holzgestell zusammengehämmert, dann ein wunderschönes Dach entworfen. Kein Wunder, dass beim nächsten Sturm alles zusammenbricht.
Doch was kann diese Entwicklung der kurzsichtigen "Ich-Gesellschaft" aufhalten? Mich hat die Flutkatastrophe im letzten Jahr beeindruckt. Aus einer Krise entstand ein neues "Wir-Gefühl". Die Einzelkämpfer stellten ihr Wohl in den Dienst der Gesellschaft. Wen wundert es, nahezu Unglaubliches wurde geleistet und erreicht. Dieser alte Satz: "Geht es allen anderen gut, dann geht es auch mir gut", hat sich wiedereinmal bewahrheitet. Es gibt unzählige Beispiele in unserer Geschichte dafür, dass Krisen die Menschen zusammengeschweißt haben – dass Krisen positive Kräfte freisetzten.
Unsere Wirtschaft braucht mehr den je dieses Gewitter einer Rezession, dass die Luft, den Markt reinigt. Wir sind zu faul, zu dekadent und zu selbstbezogen geworden. Bei den Firmen müssen Überproduktionen abgebaut werden. Es muss Platz geschaffen werden, für neue Ideen – für neue Unternehmen. Alte verstaubte Strukturen müssen über Board geworfen, neue, produktivere entwickelt werden. Alles sollte auf den Prüfstand der Rezession. Das ist der Sinn einer Krise. Doch Alan Greenspan versucht genau diesen Gesundungsprozess zu verhindern. Er wird ihn damit jedoch nur quälend verlängern. So sehr der Mensch auch Veränderungen ängstlich ablehnt, den immerwährenden Zyklus des Seins können wir nicht aufhalten. Wir brauchen diese Krise, damit wir uns wieder auf das größte Potential besinnen, das wir haben: Uns!
Wochenanfang, Sommer, Urlaubszeit, da bleibt noch ein bisschen Zeit über den Irak zu schreiben:
Aufgrund der gravierenden Probleme im Irak steigt der Ölpreis wieder. Das wirkt sich natürlich dämpfend auf die Welt-Konjunktur aus. Die Lage im Irak spitzt sich von Tag zu Tag zu – eine Entspannung ist nicht in Sicht. Angesichts zunehmender Sabotageakte und weiterer Anschläge, werden die eigenen Soldaten ängstlich und nervös. Anders ist der Tod eines Reuters-Journalisten nicht zu erklären. Er filmte in der Nähe eines Gefängnisses einen amerikanischen Panzer. Dessen Besatzung interpretierte die geschulterte Kamera offensichtlich als Granatwerfer und feuerte.
Wie lange werden die Amerikaner im Irak bleiben können? Innerhalb der Bevölkerung macht sich ein ausufernder Antiamerikanismus breit. Die Situation droht zu eskalieren. Zwar langsam schleichend, dafür jedoch um so nachhaltiger. Keine Arme der Welt kann ein Land besetzt halten, dessen Bevölkerung den eigenen Tod, der Besatzung vorzieht und einen Guerilla-Krieg mit Sabotage und Selbstmordanschlägen anfacht. Es macht keinen Sinn. Ich bin mehr als gespannt, wie es im Irak weiter gehen wird.