Ein Sicherheitsnetz aus Plastik?
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 12. Dezember 2005 18:00 Uhr
ENL5454
Ich frage mich, wie lange das noch so weiter gehen kann. Wann werden die durchschnittlichen Amerikaner aufhören, die Reichen zu beneiden und sich entschließen, sie zu essen ("Eat the Rich")?
Dann, wenn es wirklich anfängt, weh zu tun.
Sie werden sich erinnern, dass man sagt, die amerikanische Wirtschaft wachse in einem vernünftigen Rahmen. Aber die durchschnittliche Familie verliert den Boden unter den Füßen. Das reale Haushaltseinkommen ist jetzt schon das sechste Jahr in Folge gesunken. Die Stundenlöhne sind – berücksichtigt man die Inflation – schon seit drei Jahrzehnten nicht mehr gestiegen, und doch erzählt man uns, es sei die dynamischste Wirtschaft der Welt.
Wo soll ich anfangen, dieses Bild zu erklären? Die Zahlen lügen – sie werden schon furchtbar lange von den Statistikern der Regierung gedreht und gestreckt. Aber selbst wenn man sie in Ordnung brächte, würde es der amerikanischen Mittelklasse nicht helfen. Das Bruttoinlandsprodukt steigt nicht wirklich so schnell wie berichtet wird. Die meisten Familien werden gerade wirklich ärmer. Z.B. hat sich die Zahl der Konkurse seit der ersten Regierungszeit von Clinton mehr als verdoppelt.
Die Löhne werden globalisiert – gut und gründlich. Das macht die Geschäfte profitabler. Die Konzerne waren in der Lage, einen Vorteil aus den geringeren Löhnen in Asien zu ziehen. Aber dadurch kann die Arbeit in der Heimat kaum noch finanziert werden. Die einzige Möglichkeit, die Sache in den USA noch in den Griff zu bekommen, lief über Verschuldungen. Es gibt in Amerikas Mittel- und Unterschicht ein "Sicherheitsnetz aus Plastik", sagen die Ökonomen. Wenn diese Leute tief in die Tasche greifen und dort weder Münzen noch Scheine finden, dann greifen sie zum Plastik. Die durchschnittlichen Kreditkartenschulden liegen bei 8.650 Dollar pro Familie, hieß es in den letzten Untersuchungen.
Vier Aspekte haben diesen Anstieg der Verbraucherschulden begünstigt. Die asiatischen Kreditgeber, die niedrigen Zinssätze der Fed, die erfinderischen Schuldenmacher und die Immobilienblase. Nichts davon wird einem durch die Verfassung fest zugesagt. Aber diese Dinge haben es den Verbrauchern ermöglicht, allein in diesem Jahr mehr als 160 Milliarden Dollar Schulden auf ihre Häuser zu laden, sagt Merrill Lynch. Ohne diesen einfachen Profit, den leicht verfügbaren Kredit und die Hypotheken mit negativer Amortisierung würden viele Menschen heute schon tiefer in der Krise stecken.
"Obwohl es bei der Wirtschaft besser aussah als erwartet", schreibt James Welsh, "wird schon jetzt alles dafür vorbereitet, die Verbraucher in der ersten Hälfte von 2006 im Stich zu lassen. Die Verbraucher müssen sich auf Anstiege bei den regulierbaren Hypothekenzahlungen einstellen, auf höhere Mindestbeträge für die Kreditkartenzahlungen, auf gesteigerte Heizkosten – besonders im Nordosten, auf weniger Möglichkeiten, Eigenkapital aus den Häusern abzuziehen und auf geringere Preise bei der Schätzung ihrer Häuser einstellen."
Mit anderen Worten, bald wird es mehr wehtun. Und das ist das Problem mit diesem "Sicherheitsnetz aus Plastik". Es funktioniert nur, wenn man schnell genug zurückfedert. Aber je mehr man darauf herumspringt, desto weniger elastisch wird es und um so tiefer sinkt man, und es wird immer schwieriger, wieder herauszuklettern, weil einem jedes Mal auch noch ein schwereres Gewicht auf den Schultern lastet.
"Es gibt Risiken, wenn man versucht, eine Krise mit Plastik und Hypotheken zu umgehen", schreibt Thomas G. Donlan im Barron's Magazin. "Die größte Gefahr ist, dass die Zeiten noch schlechter werden und nicht wieder gut. Selbst die lockersten Kreditgeber für weniger zahlungskräftige Kreditnehmer werden irgendwann einen Punkt machen müssen und die natürliche Folge daraus lässt sich an den 1,8 Millionen Familien sehen, die 2004 Pleite gingen. Die zweite große Gefahr droht, wenn die allgegenwärtige Überzeugung, dass Hauspreise immer weiter steigen, bald nicht mehr ausreichen wird, um endlose Auszahlungen aufgrund des ewig steigenden Eigenkapitals in den Häusern zu ermöglichen.
Und was dann? Ich weiß es nicht, aber ich habe einige Ahnungen.