Ein Rätsel
Michael Vaupel in Traders Daily
vom 10. November 2005 12:00 Uhr
ENL5454
Ich stehe vor einem Rätsel. Wieso wird ein gesundes, Gewinn bringendes Unternehmen mutwillig "dicht" gemacht, und jeder Rettungsversuch wird vom Hauptaktionär blockiert? Dieser nimmt lieber Kosten für die Schließung auf sich, als dieses Unternehmen zu verkaufen. Konkret: Dicht gemacht wird zum 31.12. das HAW – das Hamburger Aluminium Werk. Hauptaktionär ist Norsk Hydro. Kein schönes Weihnachtsgeschenk für die derzeit rund 450 Mitarbeiter.
Mir war das aufgefallen, als ich eine Tickermeldung gelesen hatte: "Hamburger Aluminium-Werk HAW wird nun doch geschlossen." Kurz vorher hatte ich mir noch einen Aluminiumpreis-Chart angesehen. Und der stand praktisch auf 5-Jahres-Hoch. Deshalb stellte ich mir die Frage: Wieso geht ein Aluminium-Produzent Pleite, wenn der Aluminiumpreis so hoch ist?
Tja, das ist es ja eben: HAW ist gar nicht Pleite. HAW hat seit Gründung noch nie rote Zahlen geschrieben. Laut "Spiegel" hat HAW in den letzten 30 Jahren insgesamt rund eine Milliarde Gewinn erwirtschaftet.
Als Grund für die Schließung gibt Norsk Hydro an: Die Energiekosten werden ab dem nächsten Jahr deutlich steigen. Denn der Liefervertrag mit dem Stromlieferanten Vattenfall hat nur eine Festpreisgarantie bis zum 31.12.2005, danach wird der Preis dem mittlerweile höheren Marktpreis angepasst. Es droht also ein Kostenanstieg.
Das stimmt schon, aber: Der Preis für das hergestellte Produkt – Aluminium – ist ja ebenfalls deutlich gestiegen. Die Stahlunternehmen machen ja auch glänzende Gewinne, obwohl die Preise für Kokskohle und Eisenerz deutlich gestiegen sind. Dass dies nicht der entscheidende Grund sein kann, zeigt sich am Beispiel von Alcoa. Dazu schreibt die "Financial Times Deutschland (FTD)": "Der weltgrößte Aluminiumerzeuger Alcoa hat im dritten Quartal trotz deutlich höherer Energiekosten seinen Gewinn leicht gesteigert."
Übrigens zeigte Vattenfall auch Gesprächsbereitschaft: Man sei bereit, den alten Vertrag um 6 Monate zu verlängern. Aber Norsk Hydro ging da gar nicht darauf ein. Es drängt sich der Verdacht auf, dass das Energiekosten-Argument nur vorgeschoben ist.
Aber was ist dann der Grund für die Schließung der profitablen Hamburger Aluminium Werke?
Norsk Hydro hat auch Übernahmeangebote für die HAW abgelehnt. Denn davon gab es einige – schließlich sind die HAW ein Gewinn einbringendes Unternehmen, das im Boommarkt Aluminium-Produktion tätig ist (profitiert von China-Nachfrage). Doch nein, jeglicher Verkauf wird abgelehnt – wie zuletzt das Angebot des Stahlherstellers Georgsmarienhütte.
Die FTD schreibt zu dieser Ablehnung: "Die Gesellschafter hätten große Zweifel gehabt, dass das Konzept der Georgsmarienhütte nachhaltig Wirkung gezeigt hätte. Der Prozess der Schließung werde daher fortgesetzt. Bis zum Jahresende werde er abgeschlossen sein."
Was für ein Hohn! Norsk Hydro hat Zweifel am Konzept des potenziellen Käufers ... deshalb wird das HAW also lieber dicht gemacht. Anstatt die HAW zu verkaufen, dafür einen Erlös zu erzielen und auch noch die Arbeitsplätze zu erhalten – will Norsk Hydro die HAW also lieber "dicht" machen, obwohl die Abwicklung Kosten in Millionenhöhe verursacht. Wieso nimmt Norsk Hydro das auf sich, anstatt die HAW zu verkaufen? Als Arbeiter bei HAW käme ich mir jedenfalls reichlich verschaukelt vor (siehe dazu der heutige Liedtext des Tages).
Wie gesagt, ich stehe vor einem Rätsel. Falls da jemand mehr als ich wissen sollte, freue ich mich über eine Email an info@investor-verlag.de
Viele Grüße,
Michael Vaupel