Ein Nachtrag zum letzten Mittwoch
Alexander Hahn in Investoren Wissen
vom 17. Mai 2010, 16:00 Uhr
ENL5454
eine kleine Anmerkung meinerseits in einem Artikel von mir letzte Woche („Was passiert jetzt am Freitag, Herr Gysi?") sorgte offenbar für einige Missverständnisse.
Wie Sie alle wissen dürften, kritisiere ich das aktuelle System und die wirtschaftlichen Entwicklungen in den westlichen Ländern schon seit langem sehr deutlich. Auch wies ich in diesen zahlreichen Monaten und meinen Artikeln immer wieder explizit darauf hin, was ein freier Markt überhaupt ist und was nicht.
Offenbar hat der ein oder andere von Ihnen diese Artikel nicht gelesen und nach meinen Anmerkungen vom letzten Mittwoch zum Thema „ohne freie Märkte keine Demokratie", dies so interpretiert, als ob ich der (m.E. übrigens sehr schwachsinnigen) Überzeugung wäre, dass der ganze Moral Hazard und das aktuelle, hochkorrupte System nötig seien, um eine Demokratie zu haben.
Das ist natürlich völlig an der Sache vorbei und ein derartiges Statement meinerseits war zu keinem Zeitpunkt beabsichtigt.
Viel mehr bezog sich meine Randbemerkung darauf, dass ein tatsächlicher, freier Markt (als Gegenstück zur zunehmenden Überbürokratisierung und angeblich „systemrelevanten" Bailouts am Fließband) nötig ist, um dauerhaft Demokratie zu erhalten (und das ist eben etwas, was es nicht nur m.E. bei Herrn Gysi und Co sicher nicht in der Form geben wird; das meinte ich).
Zu diesem freien Markt zähle ich besonders, dass die unsägliche Kommandowirtschaft im Bereich des Geldpreises (=Zinsen), welche die gesamte Wirtschaftsstruktur verzerrt, immer wieder zu Fehlinvestitionen führt und führte und eine erhebliche Schuld an dieser Krise trägt, ein Ende haben muss und Kartelle wie die FED oder Zentralbanken, welche sich der Geldverschwendungssucht diverser Politiker unterordnen, zugunsten einer soliden und vertrauenswürdigen Währung ohne Geldhoheit bei der Bankenlobby beendet werden müssen.
Das mag in gewissen Kreisen nicht populär sein, aber hier sehe ich u.a. eines der Hauptprobleme.
Fakt ist:
Wir haben doch schon seit einigen Jahrzehnten überhaupt gar keinen freien Markt mehr und den Leuten wird etwas als freier Markt vorgemacht, was damit eigentlich kaum etwas zu tun hat, denn dieser ist, wenn er zum Wohle aller innerhalb ein paar grundsätzlicher Regeln spielt, durchaus etwas sehr positives. Das denke ich mir auch nicht aus, sondern dafür reicht ein Blick in die Geschichte. Aktuell wird jedoch der freie Markt dämonisiert, anstatt das tatsächliche System, was uns in diese Situation hier gebracht hat, beim wirklichen Namen zu nennen. Salopp formuliert: Es wird den Massen ein X für ein O vorgemacht.
Und das ist m.E. auch mit einer der wichtigsten Faktoren, warum es überhaupt so weit kommen konnte und wir uns immer weiter von einem System, in dem der angebliche Souverän etwas zu sagen hat, auch politisch entfernen.
Solange Geschäftsbanken und ein privates Bankenkartell wie das FED eine wesentliche Hochheit über das Geld bzw. über die Geldschöpfung in der Hand halten, kann sich an der jetzigen Situation nichts ändern, denn das Hauptproblem liegt im Geldsystem, nicht primär im „bösen Kapitalismus".
Stattdessen findet die eigentlich wichtige Diskussion wieder mal nur auf der Ebene der Symptome statt und die Meinungskontrahenten zerfleischen sich zunehmend gegenseitig, indem die Schuld auf „die Spekulanten" (welche übrigens nur Ist-Zustände, wie vorhandene übermäßige Staatschulden, ausnützen können und diese nicht selbst erzeugt haben, aber so weit denken leider zahlreiche Zeitgenossen nicht) und andere Ablenkungssündenböcke wie etwa „die faulen Griechen" wunderbar pauschalisierend geschoben wird, woran sich viele Medien natürlich fleißig beteiligen.
Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich erteile hier niemandem die Absolution. Meiner Ansicht nach gehen aber die ganzen bisher geführten Debatten zum Großteil einfach nur am Ziel vorbei, da nicht über die Wurzel des Übels gesprochen wird.
Damit wird letztlich aber nur denen in die Hände gespielt, die ein Interesse daran haben, dass dieses System auf diese Weise weiter besteht (koste es, was es wolle) und es wird sich so auch in Zukunft nichts ändern. Divide et impera. Ein bewährter Grundsatz. Und die Masse fällt wieder einmal voll darauf hinein.
Eine wirklich geschlossene und ernsthafte Problembekämpfung sieht anders aus als das, was wir bisher gesehen haben, ist mit Sicherheit unpopulär, bedeutet zunächst einmal ein wirkliches Verständnis des Geldsystems, dann Einschnitte und Entbehrungen und erfordert ein ziemliches Umdenken und eine Resistenz gegen die Versuche derer, die uns dies eingebrockt haben, wieder einmal die Leute in alt bewährter Manier zunehmend gegeneinander aufzuhetzen, um von sich selbst abzulenken.
Doch das hier alles auszuführen würde wohl den Rahmen völlig sprengen.
Beste Grüße
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Eberhard Schulzke (17.05. 2010 21:02 Uhr):
Sehr geehrter Herr Hahn, zuerst einen grossen Dank für die komplexe Information/Darstellung der wirtschaftlichen u. gesellschaftlichen Situation. Für mich sind Ihre Ausführungen klar, verständlich und vor allem notwendig, um richtige Entscheidungen zu treffen. Ihr Eintreten für einen freien Markt ist folgerichtig und ist auch für mich der einzige Weg zum Wohlstand. Freier Markt ist aber untrennbar mit einer demokratischen Struktur verbunden. Die fehlt heute. Das Pateiensystem ist faul (vereinfacht ausgedrückt). Leitung/Regierung sollte von den besten Leuten ausgeübt werden. und da ist eine best. Pateienzugehörigkeit egal. Kein Unternehmen kann es sich leisten so ineffizent mit Menschen, Geld und Material umzugehen. Ein Unternehmer, der seinen Mittelstand aufgebaut hat, dort alles was möglich ist investiert hat, ist bei einem Fehler Pleite. Ein Beamter hat Bestandsgarantie. Er ist eine gegen die Natur gerichtete Spezie. Wohingegen die Dummheit, die Fehlerhaftigkeit natürlich sind. In der Natur wird der Ausgleich durch Auslese ohne Denken hergestellt. Wir müssen uns informieren, denken, entscheiden und handeln. Das ist für leider viele Menschen kein Genuss, sondern mühsam. Und so gehen sie den hohlen Sprüchklopfern (letzte Bundestagswahl) auf den Leim. Tragen Sie weiter zur Aufkärung bei. In diesem nochmals Dank und alles Gute. Ihr treuer Leser Eberhard Schulzke P.S. Leider konnte ich ihren Dienst nicht weiter bestellen. Ich bin viel unterwegs und nicht immer erreichbar. Aber die Vorbereitung war exellent. Auch dafür Dank.
Antworten - Kommentar von Rey S (17.05. 2010 22:44 Uhr):
Hallo Herr Hahn, bitte lassen Sie sich auf keinen Fall verunsichern und davon abhalten, Wahrheiten auszusprechen, die die wenigsten kennen und noch weniger auch aussprechen. Danke! Rey S.
Antworten - Kommentar von Dr Michael Güterbock (17.05. 2010 23:49 Uhr):
Leider ist dem Verf. ein kleiner Formalfehler unterlaufen, der aber insoweit auch berichttigt werden sollte, da der Hintergrund dazu in gewisser Weise ein Stück Finanzgeschichte darstellt: Es heißt nämlich nicht "ein X für ein O" (so im Artikel), sondern "ein X für ein U" vormachen. Die Erklärung dazu: Bis ins 17. Jahrhundert war die Verwendung der römischen Zahlzeichen weit verbreitet, obwohl die uns vertrauten arabischen Ziffern längst bekannt waren. Ein V war dabei das Zeichen für fünf, ein X stand für zehn. Daß man ein V durch Verlängerung der Linien zu einem X umgestalten kann, nutzten gierige Geschäftleute zu ihrem Vorteil. Insbesondere Wirtsleute, die die Zeche ihrer Gäste mit Kreide an eine Tafel schrieben, wurden oft dieses Betruges bezichtigt. Da die Römer zwar die Laute /u/ und /v/ unterschiedenm dafür aber nur ein Zeichen, nämlich das V, kannten (Kleinbuchstaben kamen erst später auf), konnte man umgekehrt, als auch das Zeichen U geschaffen worden war, umgekehrt dieses für V verwenden, wie das z. B. bis ins 20.Jahrhundert hinein noch in Ausgaben lateinischer Texte üblich war. Zu dem sachlichen Anliegen des Aufsatzes: Machen Sie weiter so!
Antworten- Antwort von Alexander Hahn (18.05. 2010 11:57 Uhr):
Sehr geehrter Herr Dr. Güterbock, da haben Sie natürlich vollkommen Recht (schlichtweg gedanklich woanders gewesen und anschließend überlesen). Herzlichen Dank daher für die Ihre gute Anmerkung! Beste Grüße Alexander Hahn
- Antwort von Alexander Hahn (18.05. 2010 11:57 Uhr):
- Kommentar von Frank (19.05. 2010 00:17 Uhr):
Herr Hahn, wie sagte Henry Ford:"wenn die Leute das heutige Finanzsystem kennen würden, hätten wir morgen eine Revolution. (sinngemäß)
Antworten - Kommentar von Oliver (24.05. 2010 15:42 Uhr):
"Doch das hier alles auszuführen würde wohl den Rahmen völlig sprengen." Sprengen Sie ruhig den Rahmen und führen Sie detaillierter aus. Ich bin mir sicher, nicht nur ich würde mich darüber freuen...
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- Kommentar von wowi (24.05. 2010 15:53 Uhr):
Sehr geehrter Hr. Hahn Welche Freiheit ist die richtige? Ist es die Kant'sche Freiheit der Gruppe = "entwickelte Meinung", oder ist es die "Freiheit des Individuums" der englischen Schule des 18.Jahrhunderts? Ich komme zu meiner schon einmal, in einer anderen mail, erwähnten natur-bedingten Schlussfolgerung zurück. Beide Richtungen sind meiner Meinung, allein betrachtet "Irrläufer". Sie können nur funktional bestehen, wenn immer wieder die, sich ergänzenden, Bezie-hungen zwischen beiden Denkrichtungen hergestellt werden. Mir ist sehr wohl bewusst, dass dies ein verdammt schwerer Weg ist. Wir sind alle nur Menschen, mit Schwä-chen und Stärken, und wer ohne Schuld, der werfe den ersten Stein! ps. Demokratie und Volksdemokratie(Pleonasmus - weißer Schimmel, z.Bsp.) sind, ohne ideologischem Hintergrund, ein und dasselbe. Ferner sollte man mit dem Begriff "Demo-kratie" sehr vorsichtig umgehen. Demo-kratie und Diktatur liegen nahe beieinan-der, und in Krisenzeiten ist "Volkes Stim-me"immer eine Gefahr für demokratische Svsteme! Dies ist eine bittere Wahrheit, und darum sollte man nicht alle Entschei-dungen auf der politischen Ebene verdam-men. Politik reagiert. Jedes Staatswesen, sogar Demokratien, braucht ein Ordnungssystem, braucht Ordnungskräfte, und es muss deshalb noch lange kein Polizeistaat sein. das Gleiche gilt auf allen Ebenen. m.f.G.
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