Ein Mord in einer französischen Straße – Teil 2 von 2
Bill Bonner in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 6. Oktober 2010, 07:30 Uhr
ENL5454
Gestern schrieb ich über eine Straße in der Nähe meines Pariser Büros:
Nachts wurden des öfteren Soldaten zur Räumung der Strassen eingesetzt, weil die Spekulanten sich weigerten, den Ort zu verlassen. Hier beschlossen Graf d'Horn und einige Komplizen durch den Überfall auf einen Aktienhändler am helllichten Tage reich zu werden."
Diese Episode wird in Charles Mckay's "Extraordinary Popular Delusions" wiedergegeben:
Der Graf d'Horn, welcher der jüngere Bruder des Prinzen d'Horn war und mit den Adelsfamilien d'Aremburg, de Ligne und de Montmorency verwandt war, war ein junger Mann von zügellosem Charakter, zu einem gewissen Grade extravagant und im gleichen Maße ohne Prinzipien. Mit zwei anderen jungen Männern, die ebenso ruchlos waren wie er selbst - Mille ein piemontesischer Kapitän und ein Flame namens Destampes -, schmiedete er den Plan, einen schwerreichen Aktienhändler zu berauben.
Dieser Aktienhändler war zu seinem Unglück dafür bekannt, große Summen Geld bei sich zu tragen. Der Graf gab vor, von ihm eine gewisse Anzahl von Aktien der Indienkompanie kaufen zu wollen und verabredete sich mit ihm zu diesem Zwecke in einem Kabarett. Der nichtsahnende Aktienhändler kam pünktlich zu seiner Verabredung. Graf d'Horn und seine zwei Komplizen waren ebenfalls pünktlich...
Nach einem kurzen Gespräch sprang Graf d'Horn plötzlich auf sein Opfer zu und stach ihn mit einem Dolch dreimal in die Brust. Der Mann fiel schwer zu Boden. Während der Graf damit beschäftigt war, die Aktentasche mit Wertpapieren der Indienkompanie im Wert von 100.000 Kronen zu plündern, stach der Piemontese Mille wieder und wieder auf den unglücklichen Aktienhändler ein, um sicherzugehen, dass er tot war.
Jedoch starb der Mann nicht, ohne sich zu wehren, und seine Schreie alarmierten die Menschen im Kabarett, die ihm zur Hilfe eilten. Destampes, der dritte Attentäter, der an der Treppe Wache stand, sprang aus einem Fenster und entkam; Mille und der Graf d'Horn wurden jedoch noch am Tatort festgenommen.
Dieses Verbrechen erlangte in ganz Frankreich Berühmtheit. Grund hierfür war nicht die Grausamkeit der Tat, sondern vielmehr die noble Herkunft der Attentäter. Aus heutiger, distanzierter Sicht, könnte man sich fragen, was um alles in der Welt der Graf, ein Mann von hoher Geburt und Position, sich bei dieser Tat gedacht haben mag. Vielleicht hielt er sein Handeln für absolut rational. Der Broker besaß die Papiere; d'Horn und seine Komplizen wollten sie haben - Warum sollten sie sie nicht einfach an sich nehmen?
Es genügt zu sagen, dass der Graf das bekommen hat, was er verdient hat und nicht das, was er erwartet hatte. Trotz der persönlichen Intervention von John Law wurde d'Horn zum Tode durch das Rad" verurteilt. Normalerweise wurde diese Strafe nur bei den niedersten Verbrechern angewandt und bildete deshalb einen Schandfleck in der Familiengeschichte.
Das Rad war zu jener Zeit in Frankreich und Deutschland ein geläufiges Folterinstrument. Das Opfer wurde der Länge nach auf ein schweres Rad gebunden, welches sich dann zu drehen begann und das Opfer solange zermalmte, bis es dem Tode nahe war. Dann wurde das Rad vom Henker hochgezogen, so dass die Zuschauer dem Todeskampf des Opfers beiwohnen konnten. Wenn der Tod nicht schnell genug eintrat und das Publikum sich zu langweilen begann, wurde das Opfer solange geschlagen, bis es starb.
Die Geschichte des Graf d'Horn soll hier jedoch nur als ein Beispiel für einen der Charaktere dienen, die sich in der Legende um John Law und seinen Mississippi Plan finden. Eine Geschichte von Mördern, Ränkeschmiedern, Königen und Politikern.
Wir betrachten diese Episode heute wie Schaulustige einen Autounfall betrachten. Zum einen, weil schon die damalige Spekulationsblase der Mississippianleihen ein berühmtes Beispiel für das immerwiederkehrende Muster der Manie auf den Finanzmärkten ist. Zum anderen ist sie auch als der erste Flirt" einer modernen" Regierung mit Papiergeld in die Analen der Wirtschaftsgeschichte eingegangen.
Und der Mord an dem Aktienhändler ganz in der Nähe meines Pariser Büros war für mich der Anlass, darüber zu schreiben.