Ein letzter Warnschuss vor den Bug?
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 20. April 2007 07:30 Uhr
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Guten Morgen, sehr geehrte Leserinnen und Leser!
Na, man kann sich doch mal vertun. Ein Ausrutscher war es, mehr nicht, so sagt man. Kann jedem mal passieren, auch den Akteuren an den europäischen Aktienmärkten, allen voran – weil immer bei den ersten – im Dax. Da ging es gestern zu Handelsbeginn recht zackig bergab, weil China Wachstumsraten bekannt gegeben hatte, die mit gut 11% über den Erwartungen lagen und sogar den Chinesen selbst ob dieses Tempos angst und bange wird. Eilends begannen die Analysten Vermutungen anzustellen, dass die chinesische Regierung nun deutlich auf die Bremse treten werde, um das explosive Wachstum zu moderieren und dies letztlich dämpfend auf die gesamte Weltwirtschaft wirken würde. Konsequenz:
Man erinnerte sich, dass beim Kursrutsch am 27. Februar auch China als Auslöser identifiziert wurde und schon setzten Verkäufe ein. Jedoch, siehe da: Als erkennbar wurde, dass sich die US-Börsen um diesen Aspekt nicht mehr scherten, als wäre dort (in China) ein Sack Reis umgefallen, machten die Kurse auf dem Absatz kehrt und holten die Verluste – ein Gutteil davon im nachbörslichen Handel nach 17:30 Uhr – wieder auf. Flugs holte man in den Medien die bullishen Analysten aus dem Schrank und steckte die Bären wieder hinein. Nun wurde dargelegt, dass diese Wachstumsraten durchaus noch im Rahmen für solche Emerging Markets sei und selbst eine Verlangsamung dieses Wachstums keine Auswirkungen auf Europa und die USA haben werde.
Dass damit am Morgen Hü und ab Nachmittag Hott gebrüllt wurde, fiel nicht wirklich auf. Entscheidend war, dass der Dax den kurzfristigen Aufwärtstrend verteidigt hat, was sich ja im Zuge einer Hausse auch so gehört. Man ist bullish, man bleibt bullish, basta. Für einfache Gemüter ist die Angelegenheit damit erledigt und die Perspektiven wieder wie gewohnt rosig. Aber:
Vorsicht, bissige Indikatoren
Einfache Gemüter lesen den Daily Observer nicht. Somit ist für mich das Thema Dax noch lange nicht durch. Im Gegenteil: Ich denke, so leicht kommen wir nicht davon ... und gestern war ein Weckruf für alle, die sich überhaupt noch aus ihren Hausseträumen vom neuen Allzeithoch wecken lassen können.
Ich habe in diesen Tagen zwar – noch - kein vergleichbares Gefühl unmittelbar bevorstehenden Unheils wie am 27. Februar, als ich noch vor Börsenbeginn meine letzte Alarm-Meldung versendete, bevor der Kursrutsch zwei Stunden später begann. Aber wenn ich mal die vergangenen 18 Jahre Revue passieren lasse, würde ich meinem Bauchgefühl allemal den Status eines einigermaßen brauchbaren Kontraindikators zumessen. Denn Gründe dafür, dass dem Dax schon bald die Luft ausgehen wird und die Bären ihre Kräfte messen dürfen, gibt es schließlich reichlich. Sehen wir uns doch mal den Dax im kurzfristigen Bild an:
Gegenüber dem Hoch vor Beginn der kurzen und doch heftigen Korrektur ab dem 27. Februar hatten wir in dieser Woche 330 Punkte aufgesattelt. Das neue Jahreshoch lag am Dienstag bei 7.370 Punkten. Wäre diese Korrektur nicht gewesen, es wäre ein geordneter, normaler Kursanstieg von 4,5% in sieben Wochen. Aber so sieht es eben anders aus:
Der Index hat binnen nur fünf Wochen 930 Punkte oder 14,5% zugelegt. Das klingt schön, ist aber so extrem, dass ein immens überhitztes Niveau entstanden ist. Im ganz kurzfristigen Chart sehen Sie, dass die Stochastik klar in der Überhitzungszone angekommen ist. Gleichwohl: Nachdem der Dax den Juli 2006-Trendkanal zurückerobern konnte, stellt sich nun dessen obere Begrenzung als Kursziel, und diese liegt per heute bei 7.480. Das wäre also rein charttechnisch auch schnell erreichbar. Aber bitte ordnen Sie ein:
Wenn alle etwas erwarten, kommt es meistens anders
„Wäre“ heißt nicht „wird“. Das ist ein Niveau, auf dem man spätestens daran denken sollte, das Bullenfell gegen einen Sturzhelm einzutauschen. Aber es gäbe hinreichend Aspekte, die dagegen sprechen, dass dieses Niveau überhaupt erreicht wird. Nicht zuletzt der Umstand, dass sehr viele Akteure von einem Erreichen eben dieser Marke ausgehen und längst investiert sind. Bleibt daher die Frage, ob sich noch genug Käufer finden, um den Dax auch wirklich dorthin zu bringen, wo so viele Akteure planen, erst einmal auszusteigen ... meistens haut das nicht hin. Entweder, man schießt gleich über dieses Niveau hinaus – oder es wird gar nicht erst erreicht, weil viele nervöse Anleger schon vorher aussteigen.
Nehmen wir uns nun eine etwas längere Darstellung vor: Sie erkennen, dass es eine solche Rallye wie in den letzten fünf Wochen seit Jahren nicht mehr gegeben hat. MACD und Momentum hatten am Dienstag Niveaus erreicht, die sie seit 2002 (MACD) bzw. 2003 (Momentum) nicht mehr gesehen hatten. Dass es nach einem solchen extremen Anstieg, der letzten Endes völlig ohne wirklich greifbar bullishe Ereignisse basierte, nicht zu einem kräftigen Rücksetzer kommt, ist beinahe auszuschließen. Dabei sticht klar das Niveau von 7.040 als erstes Etappenziel heraus, wo das Februar-Hoch zusammen mit dem 20 Tage-Durchschnitt eine wichtige Kreuzunterstützung bildet.
Bleibt nur die Frage – was eigentlich nur ganz kurzfristig agierende Akteure interessieren muss – ob der Dax vorher eben diese 7.480 schafft oder nicht?
Der langfristige Trendkanal als höchste Instanz
Natürlich ist das nie sicher im Voraus prognostizierbar. Aber ich meine, das dürfte sich schon in der kommenden Woche, ja eventuell schon heute entscheiden. Der Grund findet sich im langfristigen Chart auf Basis der Wochenkurse, in dem Sie den seit 2003 gültigen, langfristigen Aufwärtstrend sehen:
Der Index hat in dieser Woche versucht, aus diesem Trendkanal nach oben auszubrechen. Wenn der Dax nun heute nicht markant zulegt, wäre dieser Versuch erst mal gescheitert. Natürlich ist denkbar, dass wir kommende Woche den nächsten Anlauf starten. Aber sie sehen: Es sind nicht nur die Indikatoren, die „oben“ sind ... auch der Dax selbst ist auf längerfristiger Perspektive an einem ganz massiven Widerstand angelangt. Mag ja sein, dass dieses Niveau kurzzeitig überboten wird. sprich die 7.480 erreicht wird – aber dass es danach einfach genauso weiter nach oben geht wie zuletzt, sprich der Dax die Schwerkraft aufhebt ... glaubt das wirklich jemand ernstlich?
Es gibt nichts instabileres als Börsenstimmungen!
Die fast hysterische Art und Weise, wie gestern auf die vermeintlich schlimmen Daten aus China reagiert wurde unterstreicht, dass viele Akteure nervös sind und dass, einerseits wegen des immensen Anstiegs zuvor, andererseits wegen der immer schneller steigenden Bedeutung der viel schneller reagierenden Futures für den Gesamtmarkt, gerade der Dax nach wie vor imstande ist, mal schnell ein paar hundert Punkte im Vorbeigehen abzugeben. Ich hatte es in der Vorwoche ja schon angesprochen, möchte es aber unbedingt noch mal unterstreichen:
Je extremer die Sorglosigkeit der Marktteilnehmer wird – und die ist aktuell besonders hoch, weil viele glauben, das Thema Korrektur wäre nach dem jüngsten Rücksetzer Ende Februar für die nächsten Monate erledigt – desto extremer fallen die Stimmungswechsel und in deren logischer folge die Kursausschläge aus. In den letzten Monaten sehen wir - und das habe ich so krass noch nie zuvor beobachtet – entweder alles und jeden himmelhoch jauchzend kaufen, was nicht bei „drei“ auf dem Baum ist oder voll panischer Angst verkaufen, was das Depot hergibt.
Gut, der gestrige Tag hat sich letztlich als auf den ersten Blick harmlos erwiesen. Denn die Basis der Verkäufe, die überraschend hohen Wachstumsraten in China, sind, um die vernünftige, in der Mitte der Medien-Extreme liegende Wahrheit zu nennen, letztlich ein Grund, sich über die Gesamtlage der Weltwirtschaft und vor allem über deren Fragilität Gedanken zu machen – mehr aber auch nicht.
Die Kurse steigen ... die Problemfaktoren auch
Doch vergessen Sie nicht, liebe Leser, dass wir mit Euro/Dollar, Öl- und anderen Rohstoffpreisen, US-Konjunktur, US-Quartalsbilanzen und US-Inflationsentwicklung noch genug andere „Baustellen“ haben, die momentan im Zuge allgemeiner Euphorie einfach nicht registriert werden wollen. Das sind durchaus handfeste Argumente, die allesamt an diesem steilen Ast gestiegener Kurse des Dax sägen können – und werden.
Und vor allem eines ist entscheidend, wenn man über die kommenden Wochen nachdenkt: Diese Rahmenbedingungen sind in dieser Zeit nicht besser geworden. Außer dem Yen, dessen vorübergehender Anstieg sich vorerst erledigt hat und so das Thema Auflösung von Carry-Trades erst mal vom Tisch ist, haben sich diese Einflussfaktoren seit Ende Februar sogar fast alle weiter eingetrübt. Das heißt, die Schere zwischen der Kursentwicklung des Dax und den Rahmenbedingungen klafft immer weiter auseinander.
Ein letzter Schuss vor den Bug?
Angesichts der logischen Überlegung, dass sich diese negativen Elemente zwar nicht schnell verbessern können, dafür der Dax aber schnell wieder auf Korrektur umschalten kann (wie wir gestern angedeutet bekommen haben), denke ich, dass wir an diesem Donnerstag einen letzten Schuss vor den Bug gesehen haben. Eine letzte Warnung, die dem besonnenen Anleger die immens gestiegenen Rückschlagsrisiken aufzeigt.
Dabei ist die nächste Unterstützung bei 7.040 eben nicht mehr als das: Die nächstgelegene Haltelinie, keinesfalls aber die unbedingte Untergrenze. Es muss nur der Euro/Dollar-Kurs über 1,3660 laufen, das Öl wieder deutlich anziehen, eine richtig miese US-Konjunkturzahl kommen und/oder die ohnehin wenig dynamischen US-Börsen auf aktuellem Niveau nach unten drehen, dann kann der Dax auch deutlich weiter abwärts laufen. Dorthin, wo ein langfristiger Investor lächelnd Kauforders erteilt: An den langfristigen Aufwärtstrend bei aktuell 6.150 Punkten.
Überlegen wir doch mal: Alle Welt proklamiert, dass uns nichts passieren kann, schließlich sei der langfristige – wenngleich schon vier Jahre alte – Aufwärtstrend voll intakt. Zu intakten Trends gehört aber nun mal, dass die obere ebenso wie die untere Begrenzung ab und an gestestet werden. Was in aller Welt wäre also daran so abwegig – angesichts des letztlich problematischen Umfeldes? Ein Dax um 6.150 wäre nichts anderes als ein ganz normales Kursverhalten.
Ich weiß nicht, ob sich das auch wirklich so bewahrheitet. Es ist eine Möglichkeit, mehr nicht. Aber ich würde denen, die nicht ausdrücklich langfristig investieren wollen, dennoch raten, bei einem Rutsch des Dax unter 7.040 höchste Vorsicht walten zu lassen und sukzessive auszusteigen.
Ich wünsche Ihnen ein angenehmes Wochenende – bis Montag!
Ronald Gehrt
The Daily Observer


