Ein kurzer Blick auf den Markt (Teil 1 von 2)
Alexander Hahn in Investoren Wissen
vom 12. Dezember 2008, 16:00 Uhr
ENL5454
Liebe Leser,
nachdem die letzte Ausgabe meiner Kolumne etwas theoretischer ausfiel, möchte ich heute die Gelegenheit nutzen, einen mittelfristigen und einen längerfristigen Blick auf den Markt zu werfen. Hierbei werde ich auch eine - aus meiner Sicht - Blase betrachten, welche eine relativ nette Short-Gelegenheit darstellt (bei der ich auch bereits selbst eine erste, kleinere Position aufgebaut habe). Voraussetzung hierfür ist aber, dass Sie über Ihren Broker US-Anleihen shorten können (meist nur bei Profi-Zugängen möglich, dennoch möchte ich Ihnen dies nicht vorenthalten).
Sehen wir uns zunächst einmal das fundamentale Bild im Gesamtmarkt an:
Deleveraging und deflationäre Ansätze
Es ist wohl an den Aktien- und an den Rohstoffmärkten kaum zu übersehen, dass die Kurse die letzten Wochen kräftig Richtung Süden unterwegs waren und es auch nach wie vor in einigen Bereichen noch sind. Es sieht zwar so aus, als ob der Gesamtmarkt aktuell ein wenig zur Ruhe kommt, aber das muss nicht viel bedeuten.
Das fundamentale Bild ist dominiert durch massive geldpolitische Eingriffe (oder auch in anderen Worten: Wildes Gelddrucken) der Zentralbanken und durch eine sich immer weiter abflauende Weltwirtschaftslage.
Aus meiner Sicht sollten Sie hier drei Punkte besonders beachten und gegeneinander abwägen:
1) Die Weltwirtschaft ist wie ein Supertanker: Der Wendekreis ist sehr groß. Wenn die Weltwirtschaft tatsächlich von Wachstum auf Rezession (oder gar Depression) umschaltet, dann dauert dies seine Zeit. Als Anleger können Sie also leicht zu Fehlschlüssen gelangen, wenn Sie nur das sehr kurzfristige Bild sehen und nicht einen groß genugen Zeitrahmen (mindestens mehrere Monate) betrachten. Das beste Beispiel sind die ewigen, Sie verzeihen mir bitte den Ausdruck, Luftpumpen, welche noch bis kürzlich in den Massenmedien vieles optimistisch und schön redeten, obwohl schon, mit ein wenig Hausverstand, seit einigen Monaten klar erkennbar war, wohin die sprichwörtliche Reise geht. Ich hoffe, Sie sind diesem unsäglichen Blödsinn damals nicht auf den Leim gegangen (Natürlich beziehe ich mich hier nicht auf alle Kommentatoren in den Massenmedien. Es gibt durchaus eine Reihe von Leuten, welche bemerkenswert couragiert, gut durchdacht und früh Position bezogen; die Masse der Kommentatoren nur eben, wieder einmal, nicht...)
2) Aktienkurse steigen aufgrund von Gewinnsteigerungen bei Unternehmen oder aufgrund von Aussicht hierauf. Diese dürften in vielen Branchen momentan recht rar sein. Auch sollten Sie bei jedem Geschäftsmodell genau prüfen, in wie weit eine Firma, in die Sie evtl. über die Finanzmärkte investieren möchten, von Krediten abhängig ist (sehr weit verbreitet z.B. im Bereich der alternativen Energien). Die Kreditklemme ist nach wie vor ein sehr ernsthaftes Problem und dürfte sich aus meiner Sicht eher noch verschlimmern als verbessern, denn Banken haben noch einige Wunden zu kitten und das vollständige Ausmaß des Schadens liegt, dank der Politik der meisten Finanzinstitute, noch nicht auf dem Tisch. Was bilanzielle Traumwelten angeht, fallen mir hier einige deutsche Bankhäuser ein, welche noch eine wirklich gehörige Portion potentiellen Sprengstoff in ihren Büchern führen. Ich kann Ihnen daher nur empfehlen, sollten Sie sich eine Bankbilanz im Detail ansehen, einen besonderen Blick auf die sog. "Level 3 Assets" zu werfen, denn hier ist meist sehr viel Kreativität am Werke und es sind nicht wenige Leichen in dieser Kategorie begraben...
3) Der Aktienmarkt ist ein vorauslaufender Indikator, welcher der Wirtschaft vorausläuft. Sobald sich also andeutet, die Wirtschaft könne sich erholen, können Kurse schon beginnen zu steigen (nur um dann bei den nächsten, schlechteren Nachrichten wieder zu fallen; so entsteht letztlich auch die langfristige Bodenbildung in Bärenmärkten, wenn Kurse eben nicht mehr unter ein gewisses Niveau fallen).
Wie lassen sich diese drei Punkte gegeneinander abwägen?
Hier liegt die eigentliche Schwierigkeit. Ich selbst handhabe dies durch eine Kombination aus fundamentalen und technischen Betrachtungen. Aus fundamentaler Sicht sollten Sie natürlich auf jeden Fall besonders auf die Finanzinstitute achten (etwa die Level 3 Quoten in den Bilanzen). Es gibt aber auch eine sehr große Vielzahl an weiteren Indikatoren für die Weltwirtschaft (z.B. den Index der Frühindikatoren der USA, um nur ein Beispiel einer sehr großen Menge zu nennen).
Aus technischer Sicht kann es ganz hilfreich sein, sich ein längerfristiges Marktmodell anzusehen. Dies und mehr lesen Sie im zweiten Artikel der heutigen Ausgabe (siehe unten)...