Ein Kreislauf, der auch Abschwung kennt
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 26. September 2007 07:30 Uhr
ENL5462
Immobilienkrise ... Hypothekenkrise ... Liquiditätskrise. Lange Zeit Begriffe, die die Anleger gelassen als „Problem anderer Leute“ einstuften. Ja, wer nicht genug Geld hat, soll halt kein Haus kaufen. Und wer nicht weiß wohin mit seinem Geld, soll eben nicht ausgerechnet Hypothekenschulden derer im Depot haben, die ihre Schulden nicht bezahlen können. Punkt. Aber ganz so einfach ist das eben nicht.
Das Argument, diese Problematik beträfe nur ein paar Häuserspekulanten, Leute mit zu wenig Ersparnissen und die eine oder andere Bank mit unklugem Risikomanagement geht am Kern der Sache vorbei. Diese drei Elemente Immobilienkrise, Hypothekenkrise und Liquiditätskrise sind nicht nur miteinander verbunden, sie stehen letztlich miteinander in Interaktion und mit den anderen Wirtschaftsbereichen. Das ließ sich so lange wider bessere Erkenntnis verleugnen, bis die negativen Konsequenzen – zuerst in der US-Wirtschaft – unübersehbar waren. Überlegen wir mal:
Die Ursprünge der Immobilienkrise
Der Prozess begann am Immobilienmarkt. In den USA, aber auch in Großbritannien und Spanien begann ein immenser Bauboom. Die Nachfrage nach Eigenheimen war groß, denn die Zinsen waren niedrig. Auch Haushalte mit geringem Einkommen rechneten sich aus, sich zu diesen günstigen Konditionen bequem ein Eigenheim leisten zu können. Zahllose Spekulanten sprangen auf den Zug ... und die Immobilienpreise stiegen zügig an. Doch was zu viele Familien nicht erkannten – weil man es ihnen auch nicht gerade auf die Nase band: Die Zinsbindung war meist nur kurz. Und mit der Neueinstufung ihrer Hypotheken stieg die Höhe der Zinsen und damit die Raten auf einmal an. Bei 20 oder mehr Jahren Laufzeit kann der Anstieg des Hypothekenzinses um ein halbes Prozent reichen, um einen Kleinverdiener in Schwierigkeiten zu bringen.
Gleichzeitig entstand ein Überangebot an Immobilien. Die Spekulanten hatten es übertrieben ... die Preise stiegen zwar noch, aber die Zahl der Kaufwilligen nahm ab. Der Preisanstieg begann dadurch zu stocken. Und gerade in den Gegenden, in denen vorher Phantasiepreise für Häuser bezahlt wurden, fielen die Preise auf einmal. Doch das war nicht nur für die Spekulanten fatal. All diejenigen, die ihre Häuser verkaufen wollten oder mussten, standen plötzlich am Ende einer langen Schlange von Verkaufswilligen auf der Suche nach nicht vorhandenen Käufern.
Die Nebenwirkungen eines Booms
Das Überangebot drückte auf die Preise. Damit fiel die Zahl neu gebauter Häuser deutlich. Das hatte Konsequenzen auf die zahllosen Firmen, die direkt oder indirekt mit dem Baugewerbe zu tun hatten. Die Gewinne fielen schlagartig und erste Firmen mussten Mitarbeiter entlassen.
Damit haben wir an dieser Front nun Baufirmen, Häuserspekulanten und Hausbesitzer in Schwierigkeiten. Doch das war natürlich nicht das Ende der Auswirkungen, wenngleich viele das blauäugig erhofft hatten. Die Folgen begannen sich zu verbreitern.
Immobilienkrise bedingt sinkenden Kreditspielraum
Eines der Hauptprobleme wird momentan immer noch ignoriert: Gerade in den USA ist der Verschuldungsgrad der Privathaushalte sehr hoch. Und als Sicherheit dienen in der Regel die Häuser der Schuldner. Doch der Wert eben dieser Sicherheiten beginnt nun sukzessive zu sinken – die Konsequenz aus den langsam sinkenden Preisen am Immobilienmarkt. Damit sinkt auch der finanzielle Spielraum, was Kredite angeht. So lange der Wert ihrer Häuser stetig zu steigen schien war es leicht, sich einen Kredit nach dem andere zu besorgen. Doch heute ist das plötzlich anders. Denn:
Neben dem langsam sinkenden oder zumindest stagnierenden Wert der „Haupt-Sicherheit“ für Kredite spielt nun eine andere Front eine wichtige, zusätzliche Rolle:
Die Hypothekenkrise ist kein eng eingrenzbares Problem
Da die Blauäugigkeit nicht nur auf die Konsumenten beschränkt war, sind durch notleidende Hypotheken auch diejenigen ins Trudeln geraten, die diese als Investition angesehen hatten. Durch die steigende Zahl geplatzter Hypothekenkredite mussten Banken auf einmal große Summen abschreiben. Schieflagen tauchten auf, die man vorher nicht einmal erahnt hätte und begannen, am Geldmarkt Misstrauen und Unsicherheit zu schüren. Und die Sicherheiten? Die Zahl der Zwangsversteigerungen steigt rapide und lässt so zugleich das Immobilien-Überangebot ansteigen. Die Sicherheiten für die geplatzten Kredite sind zwar da – aber niemand will sie haben, während sie sukzessive an Wert verlieren.
Wem konnte man trauen? Was wurde einem da wohl verkauft? Oft waren die Risiken für die Banken nicht einmal klar erkennbar, weil diese „Subprime“-Kredite so oft und gut verpackt wurden, dass diese faulen Eier aussahen wie Perlen. Nun wusste man, dass es nicht so war ... und wurde nervös. Daraus entstanden Turbulenzen am Geldmarkt die in Liquiditätsengpässe mündeten, die die Notenbanken mit milliardenschweren Kapitalspritzen beheben mussten.
Eine der am schnellsten umgesetzten Konsequenzen war eine Verschärfung der Kreditvergabe-Richtlinien. Wurde einem in den USA das Geld vorher noch nachgeworfen, war es plötzlich schwieriger, neues Geld zu bekommen.
Die Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum
Für diejenigen, die ohnehin bereits Schulden haben, wird es nun schwieriger. Der Wert ihrer Sicherheiten (sprich ihrer Häuser) beginnt zu sinken, sie werden schwerer verkäuflich und die Kreditrestriktionen verschärfen sich. Diese Kombination bedingt zwangsläufig die Notwendigkeit, vorsichtiger mit den Ausgaben zu sein. Und genau hier liegt des Pudels Kern.
Die US-Konjunktur ist zu zwei Dritteln vom Konsum abhängig. Und nicht vom Konsum der relativ wenigen Reichen, sondern von dem der ganz normalen Familien. Hier wirken sich die Konsequenzen der Immobilienkrise aus. Mal stark, mal weniger, oft gar nicht, sicher. Aber schon ein Rückgang des Konsums um 5% würde reichen, um das Wirtschaftswachstum in den USA völlig zum Stillstand zu bringen.
Abschwung ... das Rad beginnt sich zu drehen
Und dann beginnt sich das Rad, das durch die Immobilienkrise in Gang gesetzt wurde, erneut zu drehen. Ein Rückgang im Konsum bedingt Probleme am Arbeitsmarkt, denn der Rückgang bei Umsatz und Gewinn wird bei den Unternehmen zwangsläufig zu Entlassungen führen. Das vergrößert die Zahl derer, die sich weniger leisten können. Damit sinkt die Nachfrage am Immobilienmarkt erneut, dadurch platzen noch mehr Hypotheken, dadurch steigt die Zahl an notleidenden Investments in diesem Bereich ... ein Kreislauf ist in Gang gesetzt, der sich „Abschwung“ nennt.
Diese Phase ist Teil des ganz normalen Auf und Ab der Wirtschaft, wie man es in jedem Volkswirtschaftslehre-Buch finden kann. Doch wie immer nach mehreren Jahren des Wachstums glauben die meisten, diesmal habe man die Regeln gesprengt, der Schwerkraft ein Schnippchen geschlagen und den Jungbrunnen für ewigen Aufschwung gefunden. Und wie immer in solchen Phasen dauert es lange, bis die Verleugnung des Unvermeidlichen der Einsicht weicht.
Wundermittel Zinssenkungen?
Zinssenkungen sollen helfen, die Situation zu entschärfen, indem „billiges Geld“ Unternehmen ebenso wie Privathaushalte trotz schwieriger Zeiten animieren soll, zu investieren und so die stockende Wirtschaft wieder auf die Beine zu bringen. Bislang war dieses Vorgehen, wenn auch nie binnen kurzer Zeit, meistens erfolgreich. Doch diesmal ist der Verschuldungsgrad so hoch wie nie zuvor und die Banken auf einmal ob der unschönen Erfahrungen aus der Liquiditätskrise womöglich weniger bereit als früher, das bei ihnen anbrandende billige Geld in nötigem Umfang an die Konsumenten weiter zu leiten. Denn wer verleiht gerne Geld wenn er zweifeln muss, dass er es je wiedersieht?
Es gibt nicht den geringsten Hinweis darauf, dass der klassische Wirtschaftskreislauf auf einmal nicht mehr existieren würde, im Gegenteil. Selten klammerten sich so viele an blindes Verleugnen der Realität. Die ersten Auswirkungen waren im Sommer 2007 die Immobilienkrise, die Hypothekenkrise, die Liquiditätskrise. Das Rad hat begonnen, sich zu drehen. Und es ist gerade in diesem besonderen Umfeld eines ausgehöhlten, aufgeblasenen Kreditmarkts möglich, dass es sich besonders schnell und weit drehen wird.
Artikel weiterempfehlen