Ein kleiner Bericht vom Wochenende
Alexander Hahn in Investoren Wissen
vom 14. September 2009, 16:00 Uhr
ENL5454
als ich vorgestern (wie immer) meine samstäglichen Einkäufe erledigte, fiel mir im örtlichen Einkaufszentrum ein kleiner Stand auf, der für Finanzdienstleistungen Werbung machte. Eine einsame Seele, etwa in meinem Alter, stand davor und wirkte etwas auf verlorenem Posten, da sich niemand der vorbeigehenden Kunden für ihn zu interessieren schien.
Selbstverständlich bin ich bei solchen Dingen neugierig und sprach den Herrn an, denn mich interessiert stets, was die Finanzindustrie bzw. deren Vertriebsarm gerade treibt. Ich wollte also wissen, was der gute Herr versuchte zu verkaufen. Zu meiner Freude bemühte der besagte Herr sich nicht, mich mit dümmlichen Schaumschläger-Phrasen vermeintlich "einzuwickeln" und so entstand ein Gespräch über alle möglichen Themenpunkte.
Besonders interessant empfand ich hierbei die Berichte, wie die vorbeigehenden Menschen auf den Kontaktversuch seitens des Vertreters reagierten. Offenbar sind zahlreiche Menschen nicht in der Lage, entsprechend zu differenzieren und selbst Angehörige der Finanzindustrie mit einem harmlosen Geschäftsmodell (bei dem besagten Stand ging es lediglich um Kundenwerbung für Banken, wie z.B. Kontovermittlungen) haben einen schweren Stand bzw. sind bei manch einem geistigen Scheuklappenträger gar verhasst.
Schade finde ich hierbei nur, dass wahrscheinlich keiner der wirklich schuldigen, bonusgeilen Pleitebanker sehen wird, welchen Schaden er durch sein größenwahnsinniges und rücksichtslos überhebliches Verhalten für seinen Berufszweig verursacht hat.
Außerdem öffnen Neigungen zu Pauschalverurteilungen eines Berufsstands natürlich auch immer Polemikern und Rattenfängern des politischen Randspektrums die Türen.
Ich mache keinen Hehl daraus: Es gibt in der Finanzindustrie bzw. der Finanzbranche zahlreiche m.E. grenzkriminelle und vollkriminelle Gestalten und Charaktere, für die ich weder Respekt, Sympathie, noch Mitleid habe und für die ich mir empfindliche Strafen wünschen würde (dies betrifft genauso verschiedene Politiker, welche bei der Prävention und beim Management dieser Krise m.E. gnadenlos versagt haben).
Mein Appell ist allerdings, nicht alles über einen Kamm zu scheren, sondern den Einzelfall zu betrachten. Damit wird nicht nur Demagogie und politischem Populismus bereits im Ansatz der Boden entzogen, sondern der Umgang wird auch insgesamt fairer und sachlicher, wenn der Nebel des Zorns sich lichtet und der Zorn sich nur noch auf die richtet, welche wirklich Verantwortung hierfür tragen.
Der erste Schritt zu Fanatismus, Aufhetzung und Hass ist das Gleichsetzen einer Gruppe mit einigen schwarzen Schafen dieser Gruppe, denn nahezu jeder Demagoge und jegliche Demagogie leben von der Verallgemeinerung. Dieses gefährliche Muster zieht sich durch die Geschichte der Propaganda wie ein roter Faden.
Achten Sie einmal im Alltag (oder auch im aktuellen Wahlkampf) darauf, welche Redner in welchen Diskussionen zu diesem Mittel greifen und Sie werden relativ schnell erkennen, welcher tatsächliche Geist in solch einem Redner steckt.
Beste Grüße
Alexander Hahn