Ein Kasten Bier, wenn der Dow auf 11.750 steigt
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 21. Februar 2005 18:00 Uhr
ENL5454
Da die amerikanischen Börsen aufgrund des Präsidents' Day geschlossen sind, haben wir auch im DAX heute einen lauen Tag zu verzeichnen. Der DAX schwächelt so still vor sich hin, eher tot als belebt, hauchdünn im Minus. So bleibt mir ein wenig Zeit und Platz, über die aktuelle mentale Verfassung der Börsen zu schreiben.
Es gilt an den Börsen: Die Szenarien, welche in aller Munde sind, sind selten die Szenarien, die auch wirklich eintreten. Sämtliche Crash-Szenarien sind in allen nur denkbaren Variationen durchgespielt und analysiert. Bis jetzt steigen die Börsen, obwohl das Wissen um US-Staatsverschuldung, US-Doppeldefizit, US-Arbeitslosigkeit, US-Inflation jedem Marktteilnehmer bekannt sein dürfte. Diese Gefahren sind demnach alle bereits in den Kursen eingepreist.
Selbst die Gefahren, die uns aus Nordkorea, Iran und Syrien und Russland drohen, sind als Potentiale eingepreist.
Mit anderen Worten, wenn trotz dem Bewusstsein dieser möglichen Gefahren die Börsen steigen, muss es dafür Gründe geben. Doch welche können das sein? Sind alle Anleger wieder so verrückt, wie in den Jahren 1999 – 2000? Die Bären fragen sich zurzeit mit unverminderter Heftigkeit und oft genug schlagen sie dabei die Hände vor die Stirn: Wie können die Anleger nur derartig blöd sein und jetzt noch kaufen?
Diese Gründe, die aktuelle Käufer in den Markt treiben, müssen hinreichend "logisch" sein, damit eine bestimmte Menge von Anlegern sich davon überzeugt zeigen kann und kauft. Ansonsten würden die Kurse schließlich nicht ansteigen. Wenn jedoch in Deutschland der Pessimismus weit verbreitet ist, dann scheint es doch offensichtlich, dass einige wenige, mit größerem Kapital die Skepsis der vielen anderen "aufkaufen".
Nun stelle ich zwei völlig haltlose und empirisch keineswegs überprüfte Thesen auf:
Erstens vermute ich, dass die Anleger, die große Summen an der Börse bewegen, im Schnitt mehr Ahnung von der Börse haben als die, die mit kleinen Summen an der Börse handeln
Zweitens: Die Masse liegt immer falsch. Und die Masse ist meistens ebenfalls geringer kapitalisiert.
Im Jahre 2000 war es anders, da war der Optimismus sehr weit verbreitet und die Bullen fragten sich, wie man nur so blöd sein konnte KEINE Aktien zu kaufen, auch damals landeten viele Hände an der Stirn. Offenbar haben in den Jahren 1999 und 2000 viele Optimisten den wenigen Pessimisten die Aktien abkauft.
Dieser Unterschied zwischen den Stimmungen macht mich skeptisch. Nein, ich sehe keine Euphorie, ich sehe keine steil steigenden Kurse, ich höre nicht verächtliche Kommentare, wenn ich etwas über "Garantieprodukte" schreibe oder sage. Ich höre immer und immer wieder: Wie lege ich mein Geld SICHER an? Und ich weiß, dass sogar viele meiner Trader-Kollegen einen Großteil ihres Geldes in festverzinslichen Anlagen vor sich hingammeln lassen.
Wie immer an den Börsen gilt: Profit kann man nur machen, wenn man dann kauft, wenn alle skeptisch sind. Und dann sollte man dem Trend folgen.
Reagieren muss man auf NEUE Nachrichten, die können in der Lage sind, der mentalen Verfassung des Marktes eine Wende zu geben. Solange solche Nachrichten nicht kommen, sollte man als Anleger dem Grundtrend Vertrauen schenken. Wenn solche Nachrichten kommen, muss man sein Engagement etwas zurückfahren und abwarten, was der Markt daraus macht. Bei weiter fallenden Kursen fährt man seine Investitionsquote dann immer weiter zurück. Erst wenn deutlich wird, dass die mentale Verfassung der Börse gekippt ist, geht man ins Bärenlager über.
Im Moment ist Warten angesagt. Wenn sich die amerikanischen Indizes jedoch fangen und der Dow die 10.867-Punkte-Marke nachhaltig überwinden kann, dann sehen wir noch die 11.750 Punkte und ich erhalte von einem meiner Leser einen Kasten Bier. Diesen hat er mir ohne Gegenwette versprochen, wenn der Dow auf die 11.750 Punkte ansteigt.