Ein hörbares Zischen
Steve Lord in Traders Daily
vom 22. Mai 2007 12:00 Uhr
ENL5454
Über weite Teile der vergangenen drei Jahre war China die Felssohle der weltweiten wirtschaftlichen Expansion. Die Preise von Fracht-Containern bis hin zu Rohstoffen wie Eisenerz und Kupfer sind durch die Decke geschossen, obwohl Niedrigstlöhne die Inflation unter Kontrolle gehalten haben und ein wirklich erstaunliches weltweites Produktionswachstum zur Folge hatten. Anstelle einer Blase in einem Bereich, wie bei den Technologieaktien am Ende der 1990er Jahre oder bei den Immobilien in jüngerer Zeit, hat der außerordentliche Anstieg in China dazu geführt, dass einige sehr kluge Leute schon von „Blasen allerorten“ sprechen.
Das Problem mit Blasen ist, dass sie ohne Ausnahme und unvermeidlich Luft verlieren. Immer. Und die Folge für Investoren, die erst spät bei der Party auftauchen, ist auch immer die gleiche: Sie verlieren ihr letzte Hemd.
Selbst den Chinesen scheint aufzufallen, dass ihre Wirtschaft überhitzt ist. Ende der vergangenen Woche sind sie dazu übergegangen, anstatt nur Lippenbekenntnisse zu strukturellen Maßnahmen in Richtung einer Nivellierung des wirtschaftlichen Spielfelds abzugeben, tatsächlich redliche Bemühungen einzuleiten, die Sache ein wenig herunter zu schalten. Sie haben über Nacht den Einlagezinssatz und den Lombardsatz heraufgesetzt und sie werden versuchen, das außer Kontrolle geratene Kreditwachstum zu bremsen. Die einjährigen Zinssätze für den chinesischen Yuan sollen um 18 Basispunkte von 6,39% auf 6,57% angehoben werden, während der Einlagezinssatz für ein Jahr von 2,79% auf 3,06% steigen soll.
Zusätzlich sollen auch die Rücklageanforderungen gegenüber chinesischen Banken steigen (das ist der Teil der Anlagewerte einer Bank, die direkt flüssig verfügbar sein müssen) um einen Prozentpunkt angehoben werden. Auch das wird den ungezügelten Anstieg ungesicherter Kredite einschränken.
Und schließlich – aus amerikanischer Sicht am wichtigsten – haben die Chinesen den Bereich erweitert, innerhalb dessen der Yuan im Vergleich zum Dollar fluktuieren kann. Durch eine Erweiterung des Bereichs auf 0,5% auf beiden Seiten der offiziellen „Paritätsrate“, bewegt sich China einen weiteren Schritt näher in die Richtung, in der die Währung tatsächlich genau den wirtschaftlichen Fortschritt wiederspiegelt. Vor allem wird das mehr Kraft bringen, die sich auf die überhitzte Natur der Wirtschaft auswirkt, als alles andere, da Chinas Währung deutlich höher läge, wenn man sie den Kräften des Marktes aussetzte und das würde sehr schnell die Exporte beschneiden.
Ich würde davon ausgehen, dass die Auswirkungen dieser Schritte in den kommenden Wochen zu spüren sein werden. Chinas Aktienmarkt ist bislang in diesem Jahr um 50% gewachsen und hat sich in einer außerordentlich kurzen Zeitspanne verdreifacht. Das KGV der durchschnittlichen chinesischen Aktie ist auf über 50 gestiegen (wenn man dem G trauen kann) und die Wirtschaft wächst mit 11-12% im Jahr. Die Tageshändler vermehren sich wie Bienen den Honig mit durchschnittlich 25.000 neuen Trading-Konten täglich. Und Anfang letzter Woche wurden sogar mehr als 380.000 neue Brokerage Konten eröffnet, um Aktien des Festlands zu traden. Wenn das keine Blase ist, dann weiß ich nicht, was es ist.
Und vergessen Sie nicht, alle Blasen verlieren irgendwann ihre Luft. Die Schritte, die in der vergangenen Woche eingeleitet wurde, um die Luft langsam aus der chinesischen Blase zu lassen, könnten dazu führen, dass sie erfolgreich langsam an Luft verliert. Aber die Geschichte legt auch nahe, dass wenn eine Blase am Umkehrpunkt ist, sie dies während einer langen Zeitspanne nicht tun.
Es könnte ein schwerer Sommer für Anlagewerte werden, die mit China zusammenhängen, und damit auch für die Wertpapiermärkte überall auf der Welt.