Ein gepflegter Weg in den vollkommenen Wahnsinn
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 24. Februar 2006 18:00 Uhr
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Wenn Sie vielleicht auf der Suche nach einer sicheren und gepflegten Möglichkeit sind, komplett dem Wahnsinn zu verfallen, habe ich einen wirklich guten Tipp für Sie: Beschäftigen Sie sich intensiv mit "Geldtheorien".
Eigentlich weiß niemand so genau, was "Geld" eigentlich ist. Denn entgegen der Meinung vieler Bären, ist heutzutage Geld nicht mal mehr eine Papierwährung, es sind kleine Bites und Bytes auf irgendwelchen Festplatten. Vergängliche Stromimpulse, die noch flüchtiger sind, als das Papier, auf dem ansonsten Geld "in den alten Tagen" gedruckt wurde.
Doch ich will nicht abschweifen, sondern zu dem eigentlichen Thema des heutigen Investor's Daily kommen:
Gerade an den Börsen herrscht zum Thema "Geld" ein Wust von noch wüsteren Theorien. Ich habe in den letzten Tagen viele Mails erhalten, im Zusammenhang mit dem Themen Börse und Geldvernichtung, Geldzufluss/abfluss, etc. Sie alle wollten mich auf diverse Fehler in meinen Ausführungen hinweisen. Das soll mir ein willkommener Anlass sein, das Thema einmal aufzugreifen:
1. Behauptung: Geld kann nicht tatsächlich vernichtet/geschaffen werden, weil jeder Kauf auch ein Verkauf ist, und umgekehrt. Das Geld wechselt lediglich den Besitzer.
Diese Aussage ist leider falsch!
Grundlage dieser Idee ist:
Wenn ich eine Aktie zu 100 € verkaufe, dann habe ich 100 € und jemand anderes hat die Aktie im Wert von 100 €. Dieser Jemand hat die 100 € in den Markt gegeben, die ich jetzt besitze. Durch diesen Verkauf hat sich tatsächlich NICHTS an der Geldmenge im Markt geändert. Soweit so gut.
Ein einfaches Beispiel (völlig überspitzt, um es deutlicher zu machen)
Nehmen wir an, es gäbe 1000 Aktien zu einem Wert von 1 Euro. Dann entspräche das einem Gesamtwert von 1000 €.
Wenn nun ein einziger Handel von einer Aktie zu 100 € über die Börse abgeschlossen wird (Misstrade oder was weiß ich), dann steht der Kurs dieser Aktie ab diesem Moment auf 100 €. In diesem Moment gibt es 1000 Aktien die 100 € wert sind. Macht ein Gesamtwert von 100.000 €! Das wiederum sind 99.000 € mehr, als vorher.
Nur, umgesetzt wurde lediglich 100 €. 100 € wechselten den Besitzer und spontan sind aus dem Nichts 99.000 € entstanden. Natürlich ist das nur ein Buchwert, aber alle Aktien, die Sie besitzen, sind nur "Buchwert". Wenn Sie keinen Käufer finden, sind und bleibt jede Aktie wertlos (So gesehen hat auch Geld einen reinen "Buchwert", wenn Ihnen niemand für das Geld etwas gibt, ist es ebenfalls wertlos).
Geld kann also durch die Börse entstehen, einfach so, aus dem Nichts. So kann es also auch passieren, dass in der Hausse ganz viele Menschen Geld verdienen und keiner Geld verlieren muss (theoretisch).
Bei fallenden Kursen wird Geld vernichtet
Umgekehrt geht das auch. Auf die gleiche Art und Weise kann Geld vernichtet werden. Nehmen wir an, die Aktien werden mittlerweile zu einem Kurs von 100 € gehandelt, alle tausend Aktien sind somit 100.000 € wert. Wenn der nächste Kurs (nach einer katastrophalen Nachricht) auf 1 Euro zurückfällt, weil sich kein anderer Käufer findet, werden 99.000 Euro von einer Sekunde zur anderen vernichtet – umgegangen ist aber in diesem Fall sogar nur 1 Euro!
Es bedarf gar nicht so vieler Aktienverkäufe und -käufe, damit der Kurs dramatisch fällt. Niemals werden jedoch alle vorhandenen Aktien umgesetzt.
Dieses Beispiel beweist: Ein Teil des Geldes, das in der Baisse verloren wurde, hat nicht irgendjemand anderes, es wurde tatsächlich vernichtet! Damit ist eins der vielen Börsenmärchen widerlegt.
Ob das Geld jemals wirklich "vorhanden" war, was "vorhanden" eigentlich genau bedeutet, das gehört wieder zu den mystischen Fragen oben angerissener Geldtheorien, die wie gesagt, direkt in den Wahnsinn führen. Da ich Ihnen das nicht antun will, geht es direkt weiter:
Mit anderen Worten, die im Markt befindliche Geldmenge ist alles andere als konstant. Es kann Geld vernichtet, wie erschaffen werden, ohne das dieses Geld ein anderer hat oder nicht!
2. Behauptung: Geld kann NICHT in den Markt fließen oder rausfließen, weil jedem Kauf auch ein Verkauf und umgekehrt zu Grunde liegt. Das stimmt auch nicht:
Nehmen wir an, es gäbe nur drei Leute (A, B, und C), die sich gegenseitig eine Aktie verkaufen. Damit die Aktie steigt muss folgendes passieren:
A verkauft die Aktie an B zu einem Euro. B verkauft die Aktien an C zu 2 Euro. C verkauft die Aktie zu 3 Euro wieder an A.
A hat zwar einen Euro für die Aktie erhalten, muss aber jetzt zusätzliche 2 Euro irgendwo her kriegen, um diese Aktie erneut zu kaufen. Es handelt sich dabei immer noch um die gleiche Aktie. Diese 2 Euro fließen von "außen" in den Markt.
Zwar hat C nun die 3 Euro, er musste aber zuvor einen Euro von außen zuführen. Sowohl B als auch C haben von "außen" Geld hinzugeführt, damit die Aktie steigen kann. Wenn Sie das zusammenrechnen, sind genau 2 Euro von außen zugeführt worden, und genau diese zwei Euro ist die Aktie mehr wert.
(In diesem Beispiel bleibt nun die Geldmenge, die zugeführt wird in einem eindeutigen Verhältnis zu dem Gesamtwert der Aktie, was aber, wie oben bereits dargestellt, im normalen Börsenalltag nicht der Fall ist.)
Damit Märkte steigen können, muss also Geld von außen in den Markt fließen, da nur so immer neue Leute zu höheren Kursen sich gegenseitig die Aktien verkaufen können.
Zwar steigt damit auch der Gesamtwert der Aktie/der Börse, aber in einem völlig anderen Verhältnis und relativ unabhängig davon, wie viel neues Geld an die Börse kommt.
Und umgekehrt
Wenn immer mehr Menschen ihr Geld aus der Börse abziehen, also verkaufen und es auf Festgelder anlegen, ausgeben, für die Steuer brauchen, etc, dann wird die Börse fallen. Es wird sowohl Geld vernichtet, als auch aus der Börse abfließen – beides.
Fazit: Sie müssen diese BEIDEN Beispiel nun zusammenführen, miteinander verzahnen und verweben. Dann erhalten Sie einen ungefähren Eindruck wie das mit dem Geld und der Börse funktioniert.
Und nun alles miteinander verwoben
Ein Beispiel sei mir noch gestattet, um diese Verwobenheit noch etwas deutlicher zu machen.
Wenn Sie eine Aktie haben, von der es 1000 Stück gibt, die bis jetzt 1 Euro wert ist, dann hatte die Aktie eine Marktkapitalisierung von 1.000 €. Sie mussten also 1.000 € aufbringen, um das gesamte Unternehmen zu kaufen.
Sie verkaufen jetzt eine Aktie zu 100 € über die Börse, dann schnellt der Kurs auf 100 €. Es haben dann 100 € den Besitzer gewechselt. Jemand hat Ihre 100 €, hat aber nur 1 € bezahlt – damit 99 € verdient. Gleichzeitig verdienen alle anderen Aktionäre aber auch 99 € / Aktie (sofern sie genug Dumme finden, die ihnen 100 € dafür bezahlen).
Jetzt müsste aber ein Investor nicht mehr 1000 €, sondern schon 100.000 € aufbringen, um alle Aktien und damit das gesamte Unternehmen aufzukaufen, 99.000 € mehr. Jeder neue Investor muss ab jetzt 99 € mehr aufbringen, um eine Aktie zu erwerben. Diese 99 € hat aber nur einer bisher erhalten. Bei jedem anschließenden Kauf, müssen die 99 € von "außen" zufließen.
So weiter die Kurse steigen, desto mehr neues Geld muss in den Markt fließen, um die Kurse weiter steigen zu lassen.
Ausblick und viele Fragen
Wenn Sie nun auf die gesamtwirtschaftliche Sicht umschwenken, oder gar auf die geopolitische Sicht, dann wird es richtig bitter. Bleibt der Wert der Geldmenge vielleicht immer gleich, weil durch eine höhere Geldmenge auch das Geld sofort weniger wert ist? Hängt der Wert des Geldes an dem Vertrauen, das die Bürger in diese Währung haben oder an den Vermögenswerten des jeweiligen Landes, welche die Währung herausbringt? Wodurch ist die Währung gedeckt?
Was ist eigentlich Geld genau? Ein Vertrag? Eine Art Kredit? Eine schriftliche Vertrauenserklärung? Ein Stückchen von Europa (wie bei einer Aktien)? Was wäre, wenn man die heutigen gigantischen Summen, die jede Sekunde einmal um den gesamten Globus gejagt werden, mit Gold absichern müsste? Gäbe es überhaupt so viel Gold, um dass zu tun? Oder würde dann nicht der Goldpreis auf hundertausende Dollar steigen müssen (damit man diese gigantischen Summen vernünftig absichern kann)? Würden dann nicht Computer-Chips und andere elektrische Artikel unbezahlbar werden? (In Chips und anderen elektrischen Geräten ist Gold verarbeitet) – bräche dann die Wirtschaft zusammen? Fragen über Fragen ...
Und glauben Sie mir, das sind noch die einfachsten der Fragen, zu den Fragen des Geldes.
Also entlasse ich Sie mit einem qualmenden Kopf ins Wochenende ...
Nicht jedoch, ohne zuvor noch etwas zum Markt gesagt zu haben:
Der Dow ist mau
Nein, unschön. Es kam nach dem Ausbruch des Dows nach oben zu keiner anschließenden Aufwärtsdynamik, bis jetzt. Okay, wir wissen nicht, ob der Dow lediglich diese wichtige Marke von 11.000 Punkten von oben testen will. Meistens wird er dann kurz unter diese Marke tauchen, um noch ein paar nervöse Anleger aus ihren Aktien zu treiben. Das kann sein. Aber es kann auch der dritte falsche Bruch werden und dann wird es heikel.
Noch ist aber kein wirklich Grund zur Sorge vorhanden. Noch ist der Dow im Bullenmodus. Vielleicht ist es ganz gut, dass noch so viel Zweifel im Markt ist, dass es zu keiner Dynamik kommt.
Aber diese kleine aktuelle Schwächephase gefällt mir nicht. Gut, warum sollte es uns der Markt auch einfach machen, das tut er selten. Gut ist, dass die Techs in den letzten Tagen stärker sind. Aber das ist nur ein kleiner positiver Aspekt, kommen wir zu den Fakten:
Unter 10950 Punkten wird es schon leicht bearisher. Bedenklich wird es unter 10650 Punkten – kritisch wird es aber erst, wenn der Dow nachhaltig unter die 10.000er Marke fallen würde.