Ein fallender Ölpreis als Inflationstreiber?
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 23. Januar 2007 18:00 Uhr
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Wir erleben aktuell eine Konsolidierung, wobei noch nicht sicher ist, ob sich die aktuellen Kursverluste zu einer größeren Konsolidierung auswachsen oder bald wieder Vergangenheit sind. Aber es stimmt natürlich, worauf soll der Markt im Moment auch traden? Sie wissen, ich hatte schon Ende letzten Jahres sehr früh darauf hingewiesen, dass ich glaube, die Fed werde die Zinsen lange Zeit unverändert belassen. Mittlerweile hört man solche Töne auch von den Fed-Mitgliedern. Die US-Wirtschaft zeigt sich, zumindest im Moment, von ihrer robusten Seite. Die Sorgen um eine harte Landung weichen zurück. Schuld daran ist der sinkende Ölpreis, der wie eine Zinssenkung wirkt und die Wirtschaft unterstützt.
Eitel Sonnenschein?
Aber ist nun alles eitel Sonnenschein? Nein, denn die Börsen müssen auf ein Event, auf ein Ereignis spekulieren können. Auf etwas, dass entweder gut oder schlecht ist. Im Moment fehlt aber ein wenig die Phantasie, dazu gleich mehr.
Hinzu kommt vielleicht bald eine ganz perfide Drehung der Ereignisse. Sie erinnern sich, ich hatte bisher immer sehr eindringlich darauf hingewiesen, dass sich ein sinkender Ölpreis dämpfend auf die Inflation auswirkt. Dazu hatte ich Ihnen sogar letztens einen Chart gezeigt, der die enge Korrelation von Inflation und Ölpreis in den USA darstellte. Nun aber werde ich anfangen müssen, mir zu widersprechen! Hier könnte sich nämlich bald etwas ändern.
Sinkender Ölpreis als Inflationstreiber
Sollte nämlich der Ölpreis zu sehr sinken, dann würde das auf der einen Seite den Konsum entsprechend stark anfeuern, auf der anderen Seite vergrößern sich bei niedrigen Energie- und Rohstoffpreisen die Gewinnmargen der Unternehmen. Beides zusammen wird die Wirtschaft anheizen und so die Inflation beschleunigen. Das funktioniert wie folgt:
Aus dem letzten Beige Book ging hervor, dass es langsam auf dem US-Arbeitsmarkt in den USA eng wird (so etwas möchte man zu gerne auch mal in Deutschland hören). Die Unternehmen haben immer mehr Schwierigkeiten, Arbeitnehmer zu finden. Die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe sinken. Die Zahl der neu geschaffenen Stellen steigt. Nun kommt es hier zu dem klassischen Angebot- und Nachfragespielchen. Wenn zu wenig Arbeitskräfte da sind, dann werden die Unternehmen anfangen müssen, über die Löhne die „letzten“ verbliebenen Arbeitskräfte an sich zu binden. Zudem werden andere schon in Lohn und Arbeit befindliche Arbeitskräfte über höhere Löhne abgeworben. Zu guter Letzt können unzufriedene Arbeitnehmer viel leichter kündigen, weil sie auf jeden Fall einen neuen Job kriegen.
Das wird über kurz oder lang die Löhne in den USA steigen lassen, insbesondere dann, wenn ein weiter sinkender Ölpreis den US-Konsum und die US-Wirtschaft noch weiter anheizt. Bisher ist eine Lohninflation in den USA noch nicht in dem Ausmaß zu erkennen. Ich denke hier nur etwas weiter. Nehmen wir aber an, der Ölpreis sinkt weiter, nehmen wir außerdem an, der sinkende Ölpreis stimuliert die US-Wirtschaft, dann wird der Konsum massiv anziehen, was wiederum die Wirtschaft anfeuert. Das würde unweigerlich dazu führen, dass die Löhne bald anfangen stärker zu steigen.
Das normale Inflationsszenario
Steigende Löhne würden dann aber wiederum dafür sorgen, dass der Konsum noch stärker wird und die Unternehmen noch mehr verdienen. Auch hier bestimmt wieder die Nachfrage das Geschäft: Wenn der Konsum anzieht, dann können die Preise auch erhöht werden. Es entstünde also ein Kreislauf, der über steigende Löhne zu steigenden Preisen führen würde, die steigenden Preise wiederum führen zu größeren Gewinnen der Unternehmen, so dass wieder höhere Löhne möglich sind. Das ist die eigentliche und bekannte Inflationsspirale, die bei einer starken Wirtschaft normal und gefürchtet ist.
Fed sieht weit in die Zukunft
Nun sieht die Fed diese Entwicklung natürlich auch und wird bei einem starken Arbeitsmarkt, niedrigen Ölpreisen und anziehender Konjunktur sicherlich alles andere tun, als auch noch die Zinsen zu senken. Im schlechtesten Falle würden dann sogar eher weitere Zinserhöhungen erforderlich, obwohl ich das noch nicht so bald sehe.
Das Fatale an diesen Überlegungen für die Märkte ist: Hatte bisher ein weiter sinkender Ölpreis noch die Märkte unterstützt, dann kann dieser oben beschriebene Effekt bald dazu führen, dass der Markt durch einen weiter fallenden Ölpreis belastet wird. Eben weil ein weiter sinkender Ölpreis über den Umweg der Inflation ein Auslöser für steigende Zinsen ist.
Ich weiß, es ist etwas schizophren. Und natürlich wie immer: Das ist wieder eine sehr, sehr frühe Betrachtung zukünftiger Ereignisse. Noch sind wir nicht so weit! Ich wollte Ihnen das wie immer nur schon einmal sehr früh als mögliche Option erläutern und das gilt, wie gesagt nur, wenn der Ölpreis weiter fallen sollte.
Und worauf spekuliert der Markt?
Bis dahin bleibt die Frage interessant, worauf soll der Markt denn nun spekulieren? Wie ich hier schon geschrieben habe, wird der nächste Schritt sein, dass er eine Weile auf gute Konjunkturnachrichten hoffen wird. Er preist dann die Gefahr einer harten Landung der US-Wirtschaft aus. Weisen die Zahlen sogar auf ein stärkeres Wachstum hin, wird der Markt auch das durch steigende Kurse einpreisen. Schließlich sorgen sich die meisten US-Analysten noch eher um die Gefahr eine Abschwächung der US-Wirtschaft.
Und so ist es nur verständlich, dass die doch eher mäßigen Ausblicke der US-Unternehmen den Markt aktuell belasten. Wenn schon die Unternehmen keine rosige Zukunft erwarten, wo soll da denn die Hoffnung her kommen? Ich wäre mit dieser Interpretation allerdings vorsichtig. Die US-Unternehmensergebnisse einschließlich der Ausblicke sind schon „älter“. Es ist noch nicht so lange her, das sahen die Prognosen der meisten Analysten für die US-Wirtschaft noch wesentlich schlechter aus. Das wird in den Ausblick der Unternehmensmeldungen eingeflossen sein.
Mich interessieren also wesentlich mehr die nächsten US-Konjunkturdaten. Und hier ganz besonders die Indikatoren, die sehr früh Entwicklungen anzeigen. Und genau das wird auch das Thema sein, welches die Märkte in den nächsten Wochen/Monaten beschäftigen wird. Zumindest dann, wenn der Großteil der Berichtssaison vorbei ist.
Noch bleibt es ein Seiltanz
Insgesamt kann man zusammenfassen, dass es jedoch für die Fed ein fragiler Seiltanz zwischen Inflation, Wirtschaftswachstum, Rohstoffpreise und Leitzinsveränderung bleibt.
Ich möchte in diesem Zusammenhang nun doch noch einmal zurück blicken, einfach weil wir alle dazu neigen, zu vergessen. Und gerade an der Börse ist es wichtig, aus Vergangenem zu lernen:
Man muss doch festhalten, dass die Fed eigentlich all die Untergangspropheten und Nörgler der letzten Jahre nach dem Crash Lügen gestraft hat. Alle, die Alan Greenspan und anschließend Ben Bernanke der Ahnungslosigkeit bezichtigt haben, müssen einsehen, dass die Politik der Fed bisher wesentlich besser funktioniert hat, als allgemein angenommen wurde. Der Dollar ist noch nicht in sich zusammengebrochen, die Inflation hat noch nicht Überhand genommen, von Deflation ist zurzeit nicht viel zu sehen. Die Wirtschaft zeigt sich erstaunlich stabil, der Arbeitsmarkt boomt, beides trotz gestiegener Zinsen. Selbst der Immobilienmarkt zeigt deutlichere Erholungstendenzen. Und wieder einmal war in vielen Bereichen zu viel Panik im Markt, die Börse reagiert einfach in solchen Dingen oft zu hysterisch.
Mir hat vor Jahren ein guter Freund, ein doch recht erfolgreicher, älterer Trader, gesagt: „Höre immer genau der Fed zu. Das was sie sagt, trifft in den allermeisten Fällen ein. Es gibt niemanden, der einen umfassenderen Einblick in den Markt und die US-Wirtschaft hat, als die Fed! Und die Fed lügt nicht, sie handelt nur manchmal etwas strategisch.“
Auch wenn ich ihm anfangs nicht so ganz glauben wollte, es hat sich in all den Jahren als eine sehr gewinnbringende Weisheit erwiesen.
Der Euro: Wichtige Unterstützung hat gehalten
Die wichtige Unterstützung, die blaue Linie, die ich Ihnen vor einigen Tagen hier vorgestellt habe, hat tatsächlich erst einmal gehalten. Punktgenau, muss man sagen. Der Euro wurde heute durch gute Konjunkturnachrichten aus dem Euroraum unterstützt. So hatte sich die Auftragseingänge um 1,4 % statt wie erwartet um 1,0 % verbessert, aber auch der private Verbrauch in Frankreich konnte um 1,3 % statt wie prognostiziert um 0,3 % zulegen. Beide Zahlen verstärken die Sorge vor weiter steigende Zinsen im Euroraum. Eine sinkende Zinsdifferenz zwischen der EU und den USA belastet natürlich den Dollar.
Der fallende Dollar führte zu einem weiter steigenden Goldpreis, der nun doch wieder an seinem Widerstand zwischen 640 und 650 Dollar nagt, aber auch der Ölpreis kann zulegen.
