Ein eigentlich gerechtes System
Bill Bonner in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 31. Januar 2007 07:30 Uhr
ENL5454
Hinter jedem großen Vermögen steht ein Verbrechen.
-Balzac
Man kann einen Leopard an seinen Flecken erkennen, aber kann man einen Boom auch an seinen fettesten Katzen erkennen?
Vielleicht.
Doch die erste Frage ist, wie werden Katzen fett?
Es ist nicht der gute Wille des Bäckers, der das Brot auf den Tisch der Leute bringt. Gott sei Dank ist es nicht so. Andernfalls würden wir alle hungern. Und auch der Kellner bedient uns nicht zum Wohle der Menschheit. Stattdessen schleppt und rackert und müht sich jeder nur aus seinen eigenen Gründen ab.
Diese Einsicht – dass Leute ihre eigenen Interessen verfolgen und dabei das Los eines jeden verbessern – ist die zentrale Einsicht der modernen Wirtschaftler, zumindest derer, die keine Idioten sind. Die Theorie ist ganz einfach. Ein Mann backt das Brot nicht, weil er es den anderen Leute auf den Tisch legen will, sondern um es auf dem eigenen Tisch zu haben. Dass auch andere Brot haben, das sie essen können, ist bloß die glückliche Fügung eines vortrefflichen Systems. Genauso repariert der Elektriker die Leitungen nicht, weil er so gerne Funken fliegen sieht. Auch er muss seinen Unterhalt verdienen, und das tut er, indem er anderen etwas Sinnvolles anbietet.
Die Symmetrie ist elegant. Die Moral ist ansprechend. Tut eurem Nächsten Gutes, und es wird euch geschehen. Und je mehr man für seinen Nächsten tut, desto mehr darf man für sich selbst erwarten. Und das ist der Grund, warum eine gut funktionierende Wirtschaft etwas leistet, was ganz nah an Gerechtigkeit herankommt. Henry Ford brachte die Vorzüge des mobilen Transports zu den Massen. Er verdiente es, eine Menge Geld zu verdienen. Andrew Carnegie versorgte die Nation mit Stahl. John D. Rockfeller rollte seine Ärmel hoch und rationalisierte einen frühen Ölmarkt. Wer könnte sagen, dass diese Tycoons vergangener Jahre nicht verdient hätten, was sie bekamen?
Sehen Sie sich einfach die “Gold Coast” von Conneticut an. Im frühen 20. Jahrhundert konnte man hier Anwesen finden, die von den Königen der Industrie und des Handels in dieser Zeit gebaut wurden. Greenwich war die Heimat der Familie Simmons, die ihr Vermögen mit Matratzen machte ... der Phelps Stokes Familie, die ihr Geld mit Kupferprodukten machte ... und die Milbanks von Borden Kondensmilch ... und vom „Zuckerkönig“ Henry O. Havemeyer. Ihre großen Anwesen waren Zeugnisse ihres großen Beitrags. Sie waren Leute, die den Wohlstand Amerikas aufgebaut haben.
Die Reichen kamen damals noch ehrlich zu ihrem Geld ... oder zumindest zu einem großen Teil davon. Sie schrieben ihre Familiennamen auf die Produkte und gaben ihr Geld großzügig aus. Seidenhemden, Hüte, Gamaschen, große Limousinen mit Chauffeur, große Bälle mit Orchester und Angestellte in schicker Arbeitskleidung.
Doch was passiert heute? Eine neue Gruppe von Königen hat sich in Greenwich angesiedelt. Gekleidet in bügelfreien Khakihosen mit blauen Hemden und offenem Kragen. Sie sind reicher und umtriebiger als irgendeine Gruppe von Bienen, die diese Bienenkorb-Gesellschaft je hervorgebracht hat. Aber machen Sie sich nicht die Mühe, ihre Namen auf Ihrem Kühlschrank zu suchen ... oder auf Ihrem Sofa ... oder auch nur auf Ihren Likörflaschen.
Paul Tudor Jones, der in einem Anwesen in Greenwich lebt, das dem Wohnhaus in “Vom Winde verweht“ gleicht, ist ein reicher Mann. Aber was hat er für sein Geld geleistet? Er ist kein König der Industrie. Er bringt der Masse keine Milch, er liefert auch keine Kupferrohre für das Wassersystem oder Matratzen, dass die Massen ihre müden Knochen ausruhen können. Mr. Jones ist ein Blasenkönig, der einen Hedgefonds über 15 Milliarden Dollar verwaltet.
In einer anderen kleinen Stadt, die von den Klassen des neuen Geldes geschätzt wird, in Norwalk, steht das Granitdomizil des Dampfschiff-Magnaten und Vorsitzenden von U.S.-Steel, James Augustus Farrell. Es ist in die Hände eines anderen Blasenkönigs geraten – Graham Capital Management, ein Hedgefonds mit 5 Miliarden in Vermögenswerten und nur 150 Angestellten.
Grahams oberster Finanzbeamte lebt auf der anderen Seite des Long Island Sound und es heißt, dass er mit dem Boot zur Arbeit pendelt. Ich frage mich warum. Zu diesem Zeitpunkt des Kreditzyklus bin ich überzeugt davon, dass ein überzeugter Blasenkönig auch übers Wasser laufen könnte.
Ich gehe davon aus, dass der gegenwärtige Boom ein “Betrug” ist. Diese Woche sehe ich mir diejenigen an, die den großzügigsten Gewinn aus dem Betrug schöpfen. Wenn sie so reich bezahlt werden, sagt eine Theorie des modernen Kapitalismus, dann müssen sie auch viel anzubieten haben. Aber was?
Nehmen wir Lloyd Blankfein. Der Mann von Goldman Sachs übernahm in der Firma das Ruder, nachdem Hank Paulsen im Finanzministerium größeren Ruhm anstrebte. In den sechs Monaten, seit er den Job übernommen hatte - bis zum Ende des Jahres - soll er 53,4 Millionen Dollar verdient haben. Nun, das sind ungefähr 9 Millionen Dollar im Monat ... oder fast 2 Millionen in der Woche ...und ungefähr 400.000 an jedem Arbeitstag.
Und an diesem Punkt wandern meine Augen verwundert Richtung Himmel. Was hat dieser Mann getan? Das ist der Moment, in dem die Theorie der leistungsorientierten Märkte anfängt, den einfachen Mann so sehr zu kneifen wie ein gestärktes Hemd bei einer Hochzeit im Sommer. Er ist sicher, dass er es tragen möchte, aber er fängt an, sich darin unwohl zu fühlen. Es gibt kein besseres System als den freien und unmanipulierten Kapitalismus, sagt er sich. Er ist dem Gedanken des Mobs an Mr. Blanfeins Tür gegenüber abgeneigt ... und denkt er ist klug genug, den Wichtigtuern zu entgehen, die dem, was ein Mann verdienen kann, eine Grenze setzen wollen. Und doch hat er das Gefühl, dass da irgendetwas nicht ganz stimmt.
Wie kann es sein – in einem System des freien Marktes, wo die Leute danach entlohnt werden sollen, was sie anderen zu bieten haben – dass die größten Verdiener heute so wenig zu bieten haben? Mr. Jenkins und Mr. Blankfein tragen in keinem benennbaren Maße zum Wohlstand der Welt bei. Sie bewegen den Wohlstand nur – von der Mittel- und Unterschicht der Steuerzahler zu den Superreichen … von den Haushalten zu den Spekulanten … und, indem sie die Welt mit Schulden befrachten, auch von der Zukunft in die Gegenwart.
Die Antwort liegt in einem Detail der modernen Finanzen.
Seit 1995 ist die Geldmenge der USA um ungefähr 10% im Jahr angestiegen. Die weltweite Menge von Gold ist jedoch jedes Jahr um nur 2% gestiegen. Und die Menge an Gütern und Dienstleistungen um ungefähr 3%. Ein freier Markt geht davon aus, dass das Geld selbst ein ehrliches Maß ist. Andernfalls ist die gesamte „Information“, die freie Preise liefern, verdreht und nicht vertrauenswürdig.
“Die Einführung einer Kontrollinstanz des Geldes in das Finanzsystem, die nicht vorm Markt getrieben wird, verletzt die Grundgegebenheiten, auf denen die wirtschaftliche Theorie basiert“, schreibt Martin Hutchinson. „1929-1932, wie Milton Friedman und Anna Schwarz in ihrer ‚Monetary History of the United States’ zeigen, hielt das Reservebanksystem des Bundes das Geld zu knapp und führte eine Depression herbei, die in Dauer und Schwere im Rahmen der klassischen Theorie unmöglich gewesen wäre.“
Die Zentralen Autoritäten haben das Geld zu locker gehalten, haben eine ganze Generation getäuscht und mehr Reichtum als je zuvor im Laufe der Geschichte umverteilt. Wie ein Schönheitschirurg, der das Fett verlagert, haben sie die Finanzwelt so klumpig und schief gestaltet, dass selbst die eigene Mutter sie nicht mehr erkennen würde.
Hutchinson fügt hinzu:
“Laxe Geldpolitik hat weit länger angedauert, als es normalerweise möglich wäre. Eine Phase von ganzen 12 Jahren monetärer Leichtigkeit und geringer Zinssätze ist vollständig ohne jedes Beispiel. Mehr als ein Jahrzehnt lang sind die Preissignale schon verzerrt und die Ressourcen sind in künstliche Richtungen geflossen.“
“Die Globalisierung und die größere Leichtigkeit des Outsourcing haben die Löhne in den USA und in Europa am unteren Ende der Skala gehalten. Ein Effekt, den eine außerordentlich lockere Immigrationspolitik noch verstärkt hat. Doch diejenigen am oberen Ende der Skala, die in der Lage sind, von den öffentlichen Erstemissionen zu profitieren, diejenigen mit den außerordentlich großen Anwesen, die Manager der Hedgefonds und der Private Equity Fonds und noch darüber die Informationsregulatoren wie Goldman Sachs, die den Zugang zu einer atemberaubenden Flut von Liquidität kontrollieren, haben alle deutlich mehr profitiert, als sie es im Falle eines gut funktionierenden Wirtshaftsystems je gekonnt hätten.
“Die USA und das weltweite Wirtschaftsystem sind zu Gunsten dieser Leute seit mehr als einem Jahrzehnt verzerrt, zum außerordentlichen Nutzen ihres Reinerlöses. Sie kamen seit 12 Jahren in den Genuss eines aufgeblasenen Bullenmarktes und der Wohlstand der Welt wurde künstlich in ihre Taschen geschleust. Sie rechnen heute mit diesen Einkünften. Die Beteiligung von Goldman Sachs an öffentlichen Erstemissionen der Industrial and Commercial Bank of China, in der die Firma und ihre Partner – und überwiegend die letzteren jeder für sich – allein aufgrund von Insiderpositionen in den weltweiten Finanzmärkten, Gewinne von 6 Milliarden Dollar machen konnten, hätte sie in einem strengeren Umfeld aufgrund von Insidertrading ins Gefängnis bringen können, aber dieser Markt hat sie nur noch weiter über dem Pool der Prämien gemästet.“
Weder Zentralbanker noch Bankräuber schaffen Wohlstand. Sie verteilen ihn lediglich neu.
Die Massen haben die Bankräuber oft zu Idolen gemacht; aber dann haben sie sie auch oft gelyncht. Was sie mit den Zentralbankern und ihren Komplizen in der Finanzindustrie vorhaben, werden wir wohl irgendwann herausfinden.