Ein dunkler Wochenbeginn
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 27. Oktober 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Heute legten sich weltpolitische Schatten über den Wochenstart an den Börsen. Zunächst gerät die Situation im Irak immer mehr außer Kontrolle. Der Anschlag auf Wolfowitz war nur ein scheinbarer Höhepunkt. Mit Beginn des Fastenmonats Ramadan startete heute eine Anschlagsserie von bisher acht Sprengstoffanschlägen, der mittlerweile 33 Menschen zum Opfer gefallen sind. 200 Menschen sollen dabei verletzt worden sein. Besonders brisant ist, dass auch das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (ICRC) Opfer eines Anschlages wurden. Internationale Abkommen werden offensichtlich nicht beachtet. Es wird ein schmutziger Krieg und es wird ein langer Krieg.
Ich hatte schon einmal darauf hingewiesen, dass es auch heute noch nahezu unmöglich ist, ein so großes Land besetzt zu halten, wenn größere Teile der Bevölkerung die Besatzung massiv ablehnen. Das gilt ganz besonders dann, wenn die Bevölkerung nicht einmal mehr den eigenen Tod fürchtet. Die heutigen Anschläge verdeutlichen ein weiteres Mal, dass sich im Irak mittlerweile erste gut organisierte Guerilla-Strukturen gebildet haben. Wie lange werden die USA noch die Moral der eigenen Truppe und der eigenen Bevölkerung aufrecht erhalten können?
Und was wird geschehen, wenn die USA unverrichteter Dinge abziehen müssen? Für die Börsen wäre es ein Schock. Schließlich haben die Börsen sozusagen die gesamten Ölverkommen des Iraks in die Wirtschaftskraft der USA "eingerechnet", oder wie ist sonst diese fulminante Nachkriegsrallye zu erklären? Ein bitterer Scherz ...
Ich kann mir im Moment nicht vorstellen, dass die Amerikaner aus dem Irak abziehen werden. So wird es vielleicht sogar noch Jahre dauern. Jahre, in denen wir mit solchen Nachrichten wahrscheinlich immer wieder und viel zu häufig konfrontiert werden.
Das zweite Thema an den Märkten ist natürlich die Festnahme des Vorstandsvorsitzenden des Yukos-Konzerns, Michail Chodorkowski, am Samstag. Diese Festnahme hatte heute mehrere Folgen:
Zum einen brach natürlich der Kurs der Yukos-Aktie dramatisch ein. Nach einem Kursverlust von 20 % wurde der Handel vorrübergehend eingestellt. Der wichtigste Index Russlands, der RTS-Index, verlor bis zum Mittag 9,3 %.
Zum anderen wird vermutet, dass Geld aus dem Rubel abgezogen und in den Dollar umgeschichtet wurde. Die leichte Stärke des Dollars heute morgen könnte meiner Meinung nach jedoch einfach auch mit den besseren US-Futures zu tun haben.
Interessantes war von der Ratingagentur Standard und Poor's zu hören: Die Ratingagentur verzichtete darauf, ihr Rating für Yukos zu verändern. Es sei bekannt, dass in Russland die politischen und juristischen Strukturen undurchschaubar und unvorhersehbar seien. Dieses "Risiko" sei in die Wertung eingeflossen. Es bestehe demnach kein Handlungsbedarf. Vielleicht sollte man hinzufügen, dass es bei Yukos ein einzigartiges Verwaltungsschema gibt. Danach soll die Verwaltung des Unternehmens in einem solchen Fall an Ausländer übergeben werden, die in Russland nicht strafrechtlich verfolgt werden können. Am Sonnabend wurde die Sonderverwaltung des Konzerns an den US-Bürger und ersten Vizepreäsidenten Steven Michael Teady übergeben.
Und genau hierauf bezieht sich auch eine der größten Sorgen der Anleger: Sollte jetzt der Yukos-Konzern wieder unter staatliche Kontrolle gestellt werden, würde das zu einer massiven Kapitalflucht aus Russland führen. Es wäre ein massiver Eingriff in die Wirtschaftsfreiheit Russlands. Diese Kapitalflucht hätte natürlich empfindliche Kursverluste an den russischen Börsen zur Folge, die sich zusätzlich belastend auf die russische Wirtschaft auswirken würden.
Putin hat derweil ein Treffen mit der Führung des Russischen Verbandes der Industriellen und Unternehmer und einiger Politiker zurückgewiesen. Putin verwies darauf, dass es kein Treffen und keinerlei Verhandlungen bezüglich der Tätigkeit der Rechschutzorgane geben werde.
Offenbar will er damit den Vermutungen, diese Festnahme hätte offensichtlich politische Hintergründe, entgegentreten. Zum zweiten beinhaltet dieses Aussage aber auch eine andere Botschaft: "Offiziell" wird sich die Politik nicht einmischen. Mit anderen Worten, es ist im Moment nicht davon auszugehen, dass der Yuko-Konzern unter staatliche Aufsicht gestellt wird. So warnte auch Putin davor, aus Angst vor einer Wiederverstaatlichung in Hysterie zu verfallen.
Ich vermute, dass sich die Lage wahrscheinlich schneller beruhigen wird, als die Anleger im Moment annehmen. Putin wird nicht zulassen, dass die Arbeit der letzten Jahre, das wachsende Vertrauen internationaler Anleger, durch diesen Vorfall zunichte gemacht wird. Sollten Sie also in Russland investiert sein, empfiehlt sich vorsichtige Gelassenheit. Natürlich bleibt die Situation in Russland für Außenstehende nach wie vor kaum zu beurteilen. Auf jeden Fall haben die positiven Nachrichten aus Russland, die in den letzen Monaten ein gewisses Maß an Sorglosigkeit verursachtet haben, einen schalen Beigeschmack erhalten. Und wieder wird deutlich, dass Russland immer noch einen weiten Weg hin zur Demokratie und einer freien Wirtschaft vor sich hat.
Die Deutschen Börsen, besonders der Dax, zeigen sich indes unbeeindruckt von den weltpolitischen Nachrichten. Sie reagieren freundlich auf eine kleine Short-Squeeze, die am Freitag im späten Handel die US-Märkte steil nach oben getrieben hatte.
Dabei handelte es sich dabei lediglich um ein "chartechnisches" Phänomen. Die Amerikaner leiden unter einer Art "Gapschluss-Fanatismus" (Ein Gap (Kurslücke) im Tageschart entsteht, wenn das Hoch des letzten Handelstag deutlich tiefer liegt, als das Tief des folgenden Tages).
Es gibt eine Regel, die besagt, die meisten Gaps werden geschlossen. In Amerika gibt es viele Anleger, die diese Gaps traden, also am Freitag short waren. Als das Gap dann geschlossen war, nahmen die ersten ihre Gewinne mit, und kauften ihre Shortpositionen zurück. Als die Kurse daraufhin stiegen, mussten auch die anderen ihre Shorts zurückkaufen, um noch im Gewinn zu bleiben. Trader sprangen auf und positionierten sich für das Wochenende. Das löste diese Shortsqueeze aus.