Ein Bombardement gegen iranische Raffinerien?
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 13. April 2006 18:00 Uhr
ENL5454
Ich habe in letzter Zeit gelesen, dass der Iran deswegen solche Angst vor Sanktionen der UN habe, weil er über keine (!) Raffineriekapazitäten verfüge. Das stimmt natürlich so nicht, wie so oft im Internet wird hier ein wenig übertrieben. Das Thema ist insgesamt etwas komplexer:
Verrückte Welt
Nach meine Information besitzt der Iran neun Raffinerien, die etwa zwei Drittel des iranischen Bedarfs (sinkend) abdecken. Ein Drittel wird tatsächlich importiert. Ein Umstand der ziemlich verrückt ist: Einer der größten Erdölexporteure muss Benzin importieren, um den eigenen Bedarf zu decken. Tatsächlich verschlingen die Benzin-Importe einen beachtlichen Teil der Einnahmen der Erdölexporte.
Der Iran plant den Ausbau der Kapazitäten
Im Moment sind fünf weitere Raffinerien geplant, welche die Raffineriekapazitäten des Irans bis 2010 auf 2,5 Mio. Barrel je Tag ausweiten sollen. Das Vorhaben hat ein Volumen von etwa 14 Mrd. US$. Das ist dringend notwendig, um das sich immer weiter ausweitende Missverhältnis zwischen Produktion und Importen nicht noch mehr ansteigen zu lassen. Verantwortlich für den Ausbau der Kapazitäten ist der vor kurzem neu ernannte Präsident der staatlichen iranischen Raffineriegesellschaft, Nematzadeh. Natürlich steht gleichzeitig auch die Modernisierung und Erweiterung der bestehenden Raffinerien ganz oben auf der Agenda.
... ist dabei aber abhängig von Importen
Und nun wird es interessant. Die Technologie hierzu und die Anlagen müssen überwiegend importiert werden. Dazu sind umfangreiche Einfuhren aus dem Ausland notwendig. Und hier liegt die eigentliche Crux an dieser Sache.
Sollte der UN-Sicherheitsrat umfangreiche Sanktionen beschließen (die dann auch noch eingehalten würden) dann hätte der Iran ein Problem. Erstens fällt dann ein Drittel der Benzinversorgung aus, daneben werden alle weitere Projekte zur Ausweitung der Raffineriekapazität mit einer UN-Sanktion auf Eis gelegt.
Wer hat den längeren Atem?
Bei diesem ganzen Atomspiel geht es also auch darum, wer hat den längeren Atem: Die Welt ohne das Öl des Irans, oder der Iran ohne importiertes Benzin? Wenn man sich anschaut, wie lange einige Länder eine Sanktionierung überlebt haben, habe ich so meine Zweifel. Trotzdem wird eine Sanktionierung den Iran empfindlich treffen können, zumindest der Unmut in der Bevölkerung könnte dadurch empfindlich erhöht werden. Inwieweit der Präsident Mahmud Ahmadinedschad zurzeit Unterstützung in der Bevölkerung und unter den verschiedenen einflussreichen Gruppen des Landes erfährt, gehört zu den sehr kontrovers diskutierten Themen. Offensichtlich weiß aber kaum jemand etwas Genaueres darüber.
Ein Drittel kann man einsparen!
Ein weiterer Hinweis: Wenn man sich den Benzinverbrauch je Auto pro Tag ansieht, dann verbraucht der Iran 10,75 Liter, Mexiko 7,8 Liter, Deutschland 2,5 Liter und Frankreich 1,9 Liter! (Dass der Verbrauch je Auto im Iran derart hoch ist, liegt unter anderem daran, dass hier der Ölpreis massiv subventioniert wird.) Offenbar ist hier genug Potential vorhanden "ein Drittel" einzusparen. Wobei natürlich auch die benutzten PKWs in Qualität und Alter zwischen diesen genannten Ländern sehr unterschiedlich sind, aber auch die restliche Infrastruktur der Länder hat auf diesen Wert einen Einfluss.
Trotzdem würde aller Wahrscheinlichkeit nach, allein schon eine Verteuerung des stark subventionierten Benzinpreises im Iran, welche bei Sanktionen sicherlich eintreten würde, zu einer drastischen Einschränkung des Benzinverbrauchs führen.
Insgesamt ist also gar nicht so sicher, dass Sanktionen den Iran wirklich auf dramatische Art und Weise treffen. Das Benzinproblem könnte aber zumindest kurzfristig zu Schwierigkeiten führen.
Das macht folgendes Szenario denkbar:
Würde die USA nicht nur die atomaren Anlagen, sondern auch die neun Raffinerien bombardieren, dann sähe die Situation schnell ganz anders aus. Im Prinzip müsste also die USA lediglich darauf hoffen, dass die Sanktionen im UN-Sicherheitsrat beschlossen werden und dann etwas später ein gezieltes Bombardement gegen die atomaren Anlagen beginnen. Und dabei, wie zufällig die gesamte Raffinerie-Kapazität des Irans lahm legen. Begründet könnte das Bombardement mit dem vermeintlichen Bau einer Atombombe seitens des Irans werden. Der Großteil der Weltgemeinschaft würde das wahrscheinlich sogar tolerieren, Angst genug ist vorhanden. Wenn die Raffinerien zerstört wären, dann hätte der Iran schnell ziemliche Probleme.
Ob das die Pläne der USA sind? Für die USA hätte dieses Prozedere aus strategischer Sicht Vorteile: Die USA würde sich kaum die Finger schmutzig machen und gleichzeitig den Iran in eine ziemlich Zwickmühle bringen. Wollen wir aber hoffen, dass eine militärische Auseinandersetzung ausbleibt. Schließlich werden meistens "unschuldige" Menschen Opfer solcher eigentlich unnötiger Machtkämpfe. Selten hingegen die eigentlichen Akteure.
Zum Markt
Alles schwächlich, gefällt mir alles immer weniger. Zudem meine ich im Dax langsam erste klare Anzeichen von massiveren Mittelabflüssen zu erkennen, mit denen ich schließlich vor der WM auch gerechnet habe.
Aber ein nun zwischenzeitlich sinkender Ölpreis könnte etwas Beruhigung verschaffen. Der Ölpreis hat nach dem Anstieg der letzten Wochen ein gewisses Potenzial zu fallen, eine normale technische Gegenreaktion. Über Ostern wird wahrscheinlich nicht viel passieren, vielleicht werden einige ihre Positionen glatt stellen, es könnte aber ebenfalls sein, dass das smartere Money sich schon auf die nächste Woche positioniert. Wahrscheinlich wird es also zu einer Art Patt-Situation. Mal schauen, was gleich die US-Konjunkturdaten bringen.
Ich wünsche Ihnen auf jeden Fall:
Ein friedliches Osterfest und viel Glück beim Finden ...
Ihr
Jochen Steffens