Dynamische Markttheorie
J. Christoph Amberger in Investors Daily
vom 17. Oktober 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Die Frage ist: Wie lange wird die amerikanische Zentralbank durch ihre Politik des leichten Geldes noch den Kursanstieg an den US-Börsen unterstützen? Ich denke, die Antwort ist einfach –2.000 und 10.000 ... damit meine ich einen Nasdaq von 2.000 und einen Dow Jones von 10.000. Das sind große, runde Zahlen, die zum amerikanischen Volk schreien werden "Die Wirtschaft ist OK!"
Aber ist sie wirklich OK? Oder beruht diese Rally auf einer falschen Idee?
Die traditionellen Bewertungsmaßstäbe für die Investoren haben alle etwas mit aktuellen oder potenziellen Unternehmensergebnissen zu tun. Was produziert ein Unternehmen? Wie hoch sind seine Produktionskosten? Was ist seine Marktstellung? Und die Wettbewerbsposition? Was ist das zukünftige Gewinnpotenzial?
Seltsam genug, dass heutzutage nur noch wenige Investoren "Value"-orientiert, also wertorientiert, sind. 1999 waren sie das auch nicht (als sie alle einen Businessplan wollten, der irgendetwas mit dem Internet zu tun hatte). Und solange die Gewinne und Umsätze nur steigen, sind den Investoren die weiteren Fundamentals egal. Und vielleicht muss man sich wirklich nicht um "Value" kümmern, um Geld zu verdienen. Fakt ist: Laut unseren (Taipan-Börsenbrief) Untersuchungen zur dynamischen Markttheorie sind die traditionellen Ansichten über "Value" alle falsch. Ich werde sofort zur dynamischen Markttheorie kommen, aber lassen Sie mich zuerst unsere Einschätzung von "Value" erklären.
Wir glauben, dass die meisten Markttheorien alle mit dem "intrinsischen" Wert von Aktien oder anderen Wertgegenständen zu tun haben. Mit anderen Worten: Der "Value" einer Aktie lässt sich demnach von der Aktie selbst ableiten. Eine Aktie hat selbst einen Wert, ohne die Verbindungen mit anderen Dingen.
Aber wir glauben, dass für die Investoren der einzige wichtige Wert der Wert ist, den jemand anderes dieser Aktie zu jedem beliebigen Zeitpunkt gibt. Wenn man dieser Idee folgt, dann gibt es nicht so etwas wie eine "Spekulationsblase". Wenn der Preis einer Aktie oder einer Immobilie aufgrund der Nachfrage auf einen bestimmten Wert steigt ... dann ist das der wahre Wert zu diesem Zeitpunkt.
Sie sehen, eine "Spekulationsblase" ist eine Bezeichnung über einen intrinsischen Wert – und diese Bezeichnung wird meist im Nachhinein getroffen, nachdem eine bestimmte Investmentidee gescheitert ist.
Nehmen Sie zum Beispiel den Aktienmarkt zu Beginn des Jahres 2000, als ein Topp erreicht war. Es wurde gesagt, dass der US-Aktienmarkt eine Marktkapitalisierung von 17 Billionen Dollar hatte. Bis Oktober 2000 fiel dieser Wert auf 8,5 Billionen Dollar. Und jetzt liegt dieser Wert bei rund 10 Billionen Dollar. Aber diese Zahlen sind doch nur Wertangaben, die darauf basieren, für was ein kleiner Prozentsatz der Aktien tatsächlich gehandelt wird.
Nur ein kleiner Teil der Aktien irgendeines Unternehmens wird zu einem bestimmten Zeitpunkt gehandelt. Nehmen Sie zum Beispiel Microsoft. Es gibt fast 11 Milliarden Microsoft-Aktien, aber an einem Handelstag wechseln nur 25 oder 30 Millionen Aktien den Besitzer. Wenn man alle 11 Milliarden Aktien an einem Tag auf den Markt werfen würde, dann würde der Aktienkurs wegen dieses monströsen Angebots einbrechen – egal, wie es der Gesellschaft oder dem Aktienmarkt insgesamt sonst gehen würde. Deshalb ist der "Value", der normalerweise einer Aktie gegeben wird, nur ein willkürlicher Wert, kein realer. Selbst dann nicht, wenn dieser Wert auf den jüngsten Verkäufen von ein paar Aktien dieser Gesellschaft beruht.
Diejenigen, die zum Bärenlager gehören, sagen gerne, dass 8,5 Billionen Dollar Marktkapitalisierung "zerstört" worden sind. Aber weil die Bewertungen ohnehin willkürlich sind, können sie auch nicht zerstört werden. Sie steigen, sie fallen. Aber sie lösen sich niemals in Luft auf. Und die 8,5 Billionen Dollar wurden nicht "geschaffen", sondern sie wurden dadurch generiert, dass Ersparnisse in den Aktienmarkt flossen, was die Aktienkurse nach oben schießen ließ und deshalb zu einer höheren "Bewertung" führte.
Und hier ein weiterer interessanter Fakt: 1982, zu Beginn des letzten großen Bullenmarktes, gab es an der New Yorker Börse nur 1.500 Gesellschaften, mit rund 40 Milliarden Aktien. Die Marktkapitalisierung lag bei etwa 1,3 Billionen Dollar.
Aber im Jahr 2000 – zu Ende des Bullenmarktes – gab es über 3.000 gelistete Aktien ... mit über 349 Milliarden verfügbaren Aktien. Ok, es gab viele neu gegründete Unternehmen, aber es ist offensichtlich, dass ein großer Teil dieses "Reichtums", der "neu geschaffen wurde", in Wirklichkeit von existierenden privaten Gesellschaften kam, die an die Börse gingen und von aus den steigenden Kursen ihren Vorteil ziehen wollten, indem sie den Börsengang wagten.
Diese Gesellschaften existierten bereits, mit dynamischem Wert. Es ist nur so, dass ihr Wert jetzt plötzlich als Teil des Aktienmarktes gezählt wurde. Deshalb wurde in diesen Fällen kein Reichtum geschaffen – sondern er wechselte nur die Hände, von ein paar privaten Besitzern in die Hände von Millionen Aktionären. Realistischerweise ist der Geldbetrag, der in Aktien investiert wurde, mit fallenden Bewertungen auch gefallen. Ein großer Teil dieses Geldes wurde einfach in andere Vermögensanlagen investiert ... wie Immobilien, Anleihen und Gold.
Wollen Sie wissen, wohin der S&P 500 und der Nasdaq laufen werden? Sie könnten auf die Bullen oder auf die Bären oder auf die Aktienanalysten hören. Sie könnten die Daten zum Arbeitsmarkt untersuchen, die Ergebnistrends verfolgen und Marktgurus und der Finanzpresse zuhören. Aber wenn Sie wirklich wissen wollen, was Sache ist, dann sollten Sie den Bericht "Commitment of Traders" lesen, der jeden Freitag von der Commodity Futures Trading Commission veröffentlicht wird. Dieser Bericht ist wertvoller, als jede bekannte fundamentale oder technische Analyse.
Denn dieser Bericht wird Ihnen sagen, was das "große Geld", das den Markt bewegt, macht. Und dann werden Sie verstehen, was wirklich von der "Value"-Analyse zu halten ist ... und warum wir die Realitäten der dynamischen Markttheorie bevorzugen.
In 99 von 100 Fällen werden Sie sehen, dass das große Geld genau das Gegenteil von dem tut, was die "Herde" tut. Die Investoren, die nach stetigem Wachstum und einem niedrigen KGV suchen, haben keine Idee, gegen wen sie antreten. Das große Geld, die Leute mit Milliarden Dollar Kauf- und Verkaufkraft, WERDEN ihren Weg finden. Und wenn das für sie bedeutet, dass eine Aktie mit einem niedrigen KGV noch tiefer fallen muss, dann wird das der Fall sein.
Zum Beispiel: EBAY hat derzeit ein KGV von über 100 und ein Kurs-Umsatz-Verhältnis von 22. Man könnte zumindest sagen, dass diese Aktie hoch bewertet ist. 8 Millionen Aktien sind leer verkauft. Jede Menge Leute setzen darauf, dass diese Aktie überbewertet ist ... und sie rechnen damit, dass diese Aktie fallen wird.
Es ist nicht so, dass sie Unrecht haben. Es ist nur so, dass sie einfach die falsche Frage stellen.
Die wichtigste Frage, die man stellen sollte, ist nicht, ob eine Aktie überbewertet ist, sondern ... wer wird Geld verdienen? Wenn Sie die Antwort auf diese Frage wissen, dann können Sie ein Vermögen verdienen. So haben die reichsten Leute der Welt ihr Geld verdient.
Das meine ich: Die größten drei institutionellen Investoren von EBAY haben ungefähr 3,5 Milliarden Dollar in diese Aktie investiert. Wenn man noch die drei nächst größeren Institutionellen hinzunimmt, dann sprechen wir von 6 Milliarden Dollar. Also – werden die Investoren, die für ungefähr 800 Millionen Dollar die Aktie leer verkauft haben, jemals damit einen Gewinn machen?
Wahrscheinlich nicht. Die großen Jungs, also die Topp-Institutionellen, werden die Aktienkurs hoch halten, bis die Leerverkäufer aufgeben. Oder sie werden den Preis hochtreiben, um den Leerverkäufern Verluste zu bescheren. Und die Situation ist noch schlimmer für die, die Put-Optionsscheine auf EBAY haben.
Deshalb ist es manchmal gut, seinen Kopf aus den Quartalsberichten zu erheben und zu sehen, was um einen herum passiert. Wenn man sich von Leuten umzingelt sieht, die genau mit der gleichen Einschätzung wie man selbst Geld verdienen wollen ... nun, dann liegt man wahrscheinlich falsch.
Der Aktienmarkt ist ein Spiel, pur und simpel. Und es gibt nur eine Regel: Das Geld gewinnt immer.
Aber wenn Sie der dynamischen Markttheorie folgen, dann sind Sie deutlich besser positioniert, um Gewinne einzufahren ... egal, was mit dem Aktienmarkt passiert. Das ist eine neue und andere Art, zu investieren, die die volatilen Aktienmarktbedingungen und die vielen Faktoren, die gegen den individuellen Investor sprechen, berücksichtigt.
Viele Aktien zeigen ein bestimmtes Verhalten, bevor sie eine große Bewegung machen ... das heißt, bevor das große Geld hinein- oder hinausgeht. Im Zeitablauf bekommen immer mehr Leute dieses bestimmte Verhalten mit, und jeder sucht nach diesen Anzeichen. Dann ändert sich dieses bestimmte Verhalten wieder in etwas anderes.
Um davon zu profitieren, muss man ein individuelles System haben, mit dem man die dynamischen Aktionen untersucht, dann kann man die Entwicklungen der Aktien ... in jedem Markt ... voraussagen, indem man sich die verschiedenen Indikatoren ansieht.
Was offensichtlich geworden ist, ist die Tatsache, dass die statischen Theorien oder die traditionellen Ansichten über Märkte langfristig nicht funktionieren können. Denn es gibt keinen Ansatz – wie den "Value"-Ansatz – der immer funktioniert. Da der Markt dynamisch ist und sich laufend ändert, ist man zum Scheitern verurteilt, wenn man nur einem Investmentprinzip folgt. Das mag für einen kurzen Zeitraum funktionieren, aber sobald sich die Faktoren des Marktes ändern, muss man auch seine Investmentphilosophie ändern.