Durchhalteparolen
Henrik Voigt in DAX Daily
vom 16. August 2011, 08:30 Uhr
ENL5454
die vor allem an Privatanleger adressierten Durchhalteparolen mehren sich in diesen Tagen wieder, kaum dass sich der DAX ein wenig von seinen drastischen Tiefstständen erholt hat. Vor allem natürlich von jenen Analysten, die das Gewitter nicht kommen sahen und die eigene Positionierung jetzt rechtfertigen müssen. Offenbar haben auch die großen Fonds noch Bestände, die sie gern auf einem besseren Niveau loswerden möchten. Was jedoch noch weniger für einen dauerhaften Boden beim DAX spricht, ist die Tatsache, dass offenbar viele Anleger die vermeintlich günstigen Kurse zum Nachkaufen genutzt haben, wie mir diverse Gespräche am Wochenende zeigten. An einem belastbaren Boden hingegen hätten wir eine ganz andere Stimmung. Da wird kapituliert und der Schwur geleistet, nie wieder eine Aktie anzurühren. Stattdessen wurde diesmal fröhlich bis zur Halskrause gekauft und in Gedanken bereits der nächste Hauskauf davon finanziert. Das geht aber selten gut.
In weiten Teilen (vor allem der unerfahreneren) Anlegerschaft scheinen Dinge wie langfristige Trendbrüche und mehrmonatige Umkehrformationen nicht im Mindesten in ihrer Tragweite bekannt zu sein. Und selbst auf fundamentale Fragen, woher denn zusätzliches Wachstum in einer überschuldeten, zwangssparenden Situation kommen soll, erfolgt nur ein Abwinken. Aber genau dieses Wachstum wäre absolut nötig, um die Märkte wieder zurück in den Bullenmarkt zu hieven und alles nur einen bösen Albtraum gewesen sein zu lassen. Oder was ist mit der anderen Gretchenfrage: Wenn doch aufgrund des niedrigen Zinsniveaus der Anlagenotstand so gravierend ist, warum sind viele Aktien in den letzten Wochen teilweise um 50 Prozent gefallen? Wo waren die angeblich händeringend nach Aktien suchenden Käufer? Hat sich der Markt mit seiner Trendwechselentscheidung etwa nur „geirrt"?
Für mich als Charttechniker sind die Parallelen mit dem Start des Bärenmarktes 2008 aktuell besonders auffällig. Und zwar, sowohl was die Chartverläufe von Indizes als auch von Einzeltiteln anbelangt, als auch gemessen an dem Grad der Realitätsverweigerung vieler Anleger. Da ich bereits zwei Bärenmärkte mitgemacht habe, ist mir dieses Geschehen schon irgendwie vertraut, auch wenn ich überhaupt kein Fan von dessen realwirtschaftlichen Folgen bin. Auch anfangs sehr rasante Zwischenerholungen werden mich nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Hauptrichtung der Kurse in den nächsten Monaten, vielleicht auch Jahren, abwärts gerichtet sein wird. Diese Erkenntnis wird zentraler Teil unserer Anlagestrategie in meinem Börsendienst DAX Profits sein. Solange, bis schließlich wieder ein Boden durch die Überwindung zentraler Widerstände gefunden sein wird. Denn danach kommt mit Sicherheit auch wieder die nächste Rally - irgendwann, irgendwo.
Freilich wäre es ziemlich töricht, in die aktuell immer noch überverkaufte Situation große oder langfristige Shortpositionen aufzubauen. Aber auch das dürfte sich bereits in den nächsten Tagen und Wochen deutlich ändern, wenn wieder die vertrauten Chart-Formationen erscheinen. Die ersten Aktien haben es bis zu markanten Widerständen nicht mehr weit, wo sich dann ein schrittweiser Einstieg in die Abwärtsrichtung lohnen dürfte. Ein solcher Schritt ist übrigens keine Sache des Mögens oder Nicht-Mögens - Sie können die Marktrichtung eh nicht mit Ihrer Positionierung ändern. Es handelt sich vielmehr um eine absolute Notwendigkeit, wenn Sie im Bärenmarkt ein erfolgreiches Depot führen wollen. Letztlich hat jeder selbst die Wahl, ob er einem Trend, der (teilweise recht wirren) Meinung eines Aktien-Gurus oder der eigenen, festgefahrenen Meinung folgen möchte. Nach meiner Erfahrung sind Eigenschaften wie Flexibilität, Geduld und Disziplin an der Börse erfolgsentscheidend. Zu viele Anleger lassen sich dagegen unfreiwillig von Angst, Gier und Hoffnung leiten.
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