Dümmliche Ideen aus der Finanzindustrie
Alexander Hahn in Investoren Wissen
vom 18. März 2009, 16:00 Uhr
ENL5454
Liebe Leser,
stellen Sie sich folgende Situation vor: Ein guter Freund, den Sie jahrelang nicht mehr gesehen haben, läuft Ihnen plötzlich beim Einkaufen in der Stadt über den Weg.
Sie erinnern sich noch gut: Vor ein paar Jahren ging es ihm finanziell nicht schlecht und er schien stets optimistisch und auf dem aufstrebenden Ast zu sein. Wenn Sie ehrlich mit sich selbst sind, so müssen Sie sogar zugeben, dass Sie ihn ein wenig bewundert haben.
Doch was ist geschehen? Er steht vor Ihnen und sieht irgendwie überhaupt nicht mehr so aus wie früher. Die letzte Rasur scheint auch schon ein paar Monate her zu sein... Es vergeht auch nur ein kurzer Moment und dann erfahren Sie bereits im Gespräch, was geschehen ist:
"Vor ein paar Jahren ging es mir noch so gut, doch dann hab ich aufgrund dieser seltsamen, nächtlichen Visionen angefangen, mich für Gott zu halten, größenwahnsinnig im Casino zu zocken und völlig meinen Verstand zu verlieren. Jetzt hab ich alles verloren - Haus und Hof und Familie -, habe exorbitante Schulden, bin bankrott und das Einzige, was mir bleibt, sind meine alten Turnschuhe. Aber DIE sind sehr wertvoll. Vielleicht schaffe ich es sogar, mit diesen meine Schulden zu tilgen!"
Sie sind verwirrt und zweifeln am Zustand der geistigen Gesundheit Ihres alten Freundes, denn seine Schuhe sind abgelaufen, durchlöchert, extrem ungepflegt, riechen alles andere als appetitlich und Sie glauben, sich dunkel daran erinnern zu können, dass Ihr Nachbar ein 100% identisches Paar gerade vor einer Woche mit gerümpfter Nase in die Schuhsammlung für Bedürftige gegeben hat. Das werden doch nicht genau diese... - Ihre Gedanken werden unterbrochen und Ihr alter Freund erklärt weiter:
"Nein, ich bin nicht verrückt. Das ist alles ganz einfach. Ich habe ein marktwirtschaftliches Berechnungsmodell wissenschaftlich entwickelt, mit dem ich ermittelt habe, dass diese Turnschuhe 10 Billionen Euro wert sind. Bei HEUTIGEM Währungsstand - also nicht in einer Hyperinflation! Das Problem ist nur, dass der Markt, auf dem ich sie verkaufen will, diesen Wert noch nicht erkennt und ich auch bei der Angabe meines Vermögens immer nur diesen künstlich niedrigen Preis ansetzen muss, den der Markt bietet. Was eine Zumutung! Ich habe mich daher entschlossen, einen alten Bekannten, der mir noch ein paar Gefallen schuldet, da ich seinen letzten Wahlkampf entscheidend mitfinanziert habe, anzurufen, und darum zu bitten, dass er ein entsprechendes Gesetz erlässt, was es mir gestattet, meine Turnschuhe mit dem wahren Wert auszuweisen, den mein Modell hergibt. Dieser künstlich niedrige Preis ist einfach nicht zumutbar. Ich habe etwas besseres verdient! Daher werde ich zu dem niedrigen Preis auch nicht verkaufen, auch wenn es viele Käufer gibt. Für mich ist der wahre Markt einfach ausgetrocknet!"
Liebe Leser, Sie denken, nun habe ich den Verstand verloren? Keineswegs.
Denn vom Sinn her sind genau diese dümmlichen Ideen aus Kreisen der Finanzindustrie und all den Wall Street Apologeten und Systemlobbyisten zu vernehmen.
Im Finanzjargon spricht man hier von der "Mark to Market"-Regel. Für Banken bedeutet dies, dass ein Großteil (denn verschiedene Schlupflöcher wurden schon geschaffen um Pleiten "abzuwenden") ihrer Vermögenspositionen am Marktwert ausgerichtet zu bilanzieren ist.
Dies ist natürlich all den gescheiterten institutionellen Zockern, die in ihrer blinden Gier und grenzenlosen Großmannsucht ihre Bank tief in die roten Zahlen getrieben und die ihnen anvertrauten Ersparnisse zerstört haben, ein Dorn im Auge. Statt aber das einzusehen, was ein Großteil vieler halbreifer Jugendlicher heutzutage nach seinem ersten Besäufnis bereits lernt (nämlich dass jede Party irgendwann vorbei ist und es dann Zeit ist, die Folgen des Extrem-Rausches zu ertragen anstatt noch mehr Alkohol zuzuführen und mit Alkoholvergiftung gar tödlich zu enden) hat man hier großteils auf Realitätsverweigerung umgestellt und behauptet, das Bankensystem wäre wieder wunderbar und problemfrei, wenn man nur die eigenen Positionen mit dem "wahren" Wert (also der Phantasiezahl, welche durch die eigenen mathematischen Modelle ermittelt wird - vgl. der Turnschuh im oberen Beispiel) ausweisen könne. Mich erinnert dies - um bei dem Bild des Besäufnisses zu bleiben - an einen betrunkenen, von der Polizei gestoppten Autofahrer - der dem Beamten scheinbar seriös und ernst erklärt, er sei nüchtern, wenn der Beamte doch nur definieren würde, dass 3.0 Promille der Normalzustand seien und es kein Problem darstelle, auf diese Weise Auto zu fahren.
Es ist also völlig irrelevant, dass von den in ihrem Wahn teils selbsternannten "Herren des Universums" exzessive Risiken eingegangen wurden, dümmliche Übernahmen finanziert wurden, Kredite an Leute vergeben wurden, die niemals hätten welche erhalten dürfen ... (Sie kennen die Liste). Nein! Es ist alles nur ein Problem der Wertausweisung. "Rettung" kann so einfach sein!
Um so befremdlicher mutet es an, wer sich alles zum Cheerleader solch einer Forderung macht. Angefangen von Kolumnisten wie etwa Steve Forbes vom Wall Street Journal über Politiker bis hin zu den üblichen Wall Street Lobbyisten.
Wenig überrascht mich, vor dem Hintergrund, was die FED ja in der Realität ist, dass Ben Bernanke nun auch seine Position auf diese Forderung hin ausgerichtet hat.
Letzte Woche hielt er eine Rede beim Council on Foreign Relations (Wenn Sie nicht wissen sollten, was das für eine "wunderbare" Institution ist, rate ich Ihnen dringend einmal, Ihre Suchmaschine zu bemühen. Ein wenig Recherche ist stets interessant. Für die Ergebnisse übernehme ich jedoch keine Verantwortung!) in der Bernanke seinen Standpunkt ziemlich klar machte.
Ich kann die Versuche etwas verstehen
Auch wenn ich den o.g. Vorschlag, die Bilanzierungsregeln einfach zu ändern, für ziemlich wirkungslos halte, so kann ich doch verstehen, woher die Motivation für solche Gedanken kommt. Zu viele Menschen haben wohl einfach Angst vor Masseninsolvenzen und den damit verbundenen Entlassungen und manch ein Politiker bzw. Banker mag hier seine Chance sehen, seine eigene Haut bzw. sein Amt zu retten. Dabei ist genau das nötig: Wir brauchen eine Bereinigung der Exzesse. Diese wurde immer wieder durch die FED-Politik unterdrückt und so die Blase aufgepumpt. Je weiter die Sache aufgeschoben wird, desto schlimmer wird es!
Die Geschichte zeigt jedoch, dass solche Vorstöße wie vom Wall Street Lobbyisten-Camp - u.a. dank der ihnen zugrundeliegenden fehlerhaften Logik und Marktfeindlichkeit - nicht funktionieren.
Weder die Savings&Loans Krise in den 1980ern konnte auf diese Art behoben werden, noch die Situation in Japan in den 1990ern.
Wer ernsthaft glaubt, die Probleme würden durch ein paar müde Papiertricks verschwinden, glaubt wahrscheinlich auch an den Weihnachtsmann. Wann wird die kollektive Realitätsverweigerung dieser gefallenen "Eliten" zu Lasten der steuerzahlenden Massen aufhören?
Solange Misswirtschaft (und m.E. die massive Veruntreuung von Steuergeldern) in Form von "Bailouts" und "Rettungsaktionen" weiter läuft, wird ein nachhaltiger wirtschaftlicher Neuanfang nicht möglich sein. Viel mehr wird man dadurch die Staatsfinanzen wohl letztlich völlig ruinieren. Die Konsequenzen hiervon wird man Ihnen, mir und dem Rest der Steuerzahler aufdrücken, mit dem netten Hinweis, man hätte es nicht anders machen können.
Dass dies völliger Unsinn und gelogen ist, dass sich die sprichwörtlichen Balken biegen, muss ich an dieser Stelle wohl nicht mehr erwähnen.
Beste Grüße
Alexander Hahn