Drohungen, Alterspyramide und eine wichtige Marke ...
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 25. März 2004 18:00 Uhr
ENL5454
Zum Abschluss der dreitägigen Trauerfeier für den von israelischen Streitkräften getöteten Scheich Ahmed Jassin schworen maskierte Hamas-Kämpfer vor über 10.000 Anhängern Rache. "Erwartet ein Erdbeben, wie ihr es noch nie gesehen habt, das Erdbeben Vergeltung", so die Botschaft an Israel. Es brodelt in der Region. Derweil versuchen palästinensische Politiker und Intellektuelle zu beruhigen und haben die Extremistengruppen in einer Zeitungsanzeige dazu aufgerufen, sich vom bewaffneten Kampf abzuwenden.
Die Amerikaner werden es hingegen beruhigend finden, dass der neue Hamas-Führer Abdel Asis Rantisi die Drohung zurücknahm, dass auch die USA Teil der Vergeltungsmaßnahmen werden könnte. Rantisi sagte, dass der Widerstand lediglich in den Grenzen Palästinas fortgesetzt werden solle (wobei er das israelische Territorium als Teil Palästinas betrachtet). Wie gesagt, das mag die Amerikaner etwas beruhigen und könnte sich somit stabilisierend auf die US-Börsen auswirken.
Währendessen wurde hier in Deutschland von Bundeskanzler Gerhard Schröder die Notwendigkeit von weiteren Reformen bekräftigt. Er begründete diese Notwendigkeit mit der Globalisierung und der Demographie.
Immer wenn ich daran denke, dass unsere Alterpyramide so langsam Kopf steht, wird mir ein wenig flau. Denn das ist ein Problem, wo mir nicht einmal ansatzweise eine wirklich geeignete Lösung einfällt. Ich habe Ihnen einmal die Adresse einer Internetseite des Statistischen Bundesamt beigefügt, auf der unsere aktuelle Alterspyramide dargestellt ist, und die Entwicklung bis ins Jahr 2050.
http://www.destatis.de/basis/d/bevoe/bevoegra2.htm
Besonders imposant ist der Vergleich mit dem Jahr 1950. Damals gab es trotz des Weltkrieges noch eine wirkliche Alterpyramide. Wenige Menschen über 60 werden durch eine "Masse" von Menschen im "arbeitsfähigen" Alter gestützt. 2050 wird es genau anders herum aussehen.
Aus der standsicheren Alterspyramide wird ein "Altersbaum", dessen Stamm immer dünner wird und zu knicken droht.
Ich bin der Überzeugung, dass hier noch vieles schöngeredet wird und damit die Wirklichkeit der Rentenproblematik und der mit der Überalterung verbundenen Gesundheits-/Pflegeproblematik, der breiten Masse einfach "vorenthalten" wird. Trotzdem merken viele Menschen, dass etwas nicht stimmt. Immer mehr begreifen, dass dringend etwas getan werden muss. Aber auch immer mehr Menschen haben Angst um Ihre Zukunft. Dazu habe ich Ihnen eine Mail eines Lesers angefügt, die diese Sorgen und eventuelle Auswirkungen treffend darstellt und die sicherlich einigen von Ihnen aus der Seele spricht (s.u.).
Die Börsen spiegeln die Zukunft wieder. Allein das demographische Problem wird einen nachhaltig negativen Einfluss auf unsere Wirtschaft entwickeln. Solange sich hier keine Lösungen zeigen, werden die Börsen keine "fundierte" Rallye starten können. Die Zeiten vor 2000 sind vorbei. Damals dachte man noch, die unbegrenzt scheinenden Möglichkeiten der Hochtechnologie würden solche "belanglosen" Probleme heben können. Heute hat die Realität Einzug gehalten. Vielleicht sollte die Politik zum Wohle Aller mal zur Abwechslung versuchen etwas mehr zusammenzuarbeiten.
Wenn es nur das einzige Problem wäre, das uns erwartet. Angesichts drohender klimatischer Veränderungen, Terrorismus, Rohstoffverknappung, können sich zeitweise schon sehr düstere Gedanken breit machen.
Wie schrieb einmal eine bekannter Psychologe, der selbst schwer an einer Depression erkrankte? Depression ist vielleicht nur das Unvermögen zur Verdrängung. Vielleicht ist eine wirtschaftliche Depression auch nur das Unvermögen zur Verdrängung der wirtschaftlichen Realität.
Zur Börse:
Der Dow hat gestern gleich zweimal einen Angriff auf die 10.000er Marke gestartet und ist daran gescheitert. Die Charts generierten daraufhin einige leichte Umkehrsignale. Ich frage mich, ob das lediglich mit dieser Marke zu tun hat oder wirkliche Umkehrsignale sind. Ich bin ein wenig unsicher, ob der Dow nicht doch noch einmal unter diese Marke, zumindest ganz kurz, fallen will.
Hinweis in eigener Sache: Da ich morgen unterwegs bin, kommen morgen nur die Texte von den amerikanischen Korrespondenten. Am Montag bin ich dann wieder für Sie da.