Droht neuer Terror auf amerikanischen Boden?
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 16. Mai 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Der letzte Tag in der Provence. Es ist heiß, sonnig und wir haben uns nach den vielen Besichtigungstouren und den langen Wanderungen entschieden, heute etwas zu faulenzen. Morgen geht es zurück. Am meisten freue ich mich in Köln auf meine schnelle Internetverbindung und den Luxus, mehrere Monitore zu haben, doch zu den Börsen:
Der Dax macht heute zunächst wie erwartet den Hüpfer über die 3000 Punkte. Das entspricht der rechten Schulter einer Schulter-Kopf-Schulter-Formation (SKS). Vollendet der Dax diese Topformation, dann wird es zu schnell fallenden Kursen kommen. Um diese Topformation zu vollenden, muss er nun unter die 2886 Punkte fallen. Wobei ich immer noch lieber den Bruch der 2800 abwarten würde, um Short zu gehen. Nach oben hat der Dax Platz bis zum letzten Hoch bei 3068 Punkten. Sollte er sich jedoch nachhaltig darüber aufhalten, dann muss mit weiteren Kurssteigerung gerechnet werden.
Während unsere amerikanischen Korrespondenten über Deflation oder Inflation diskutieren, weswegen ich dazu nicht auch noch etwas schreiben möchte (trotz Zahlen zu den Verbraucherpreisen s.u.), erstaunt mich zurzeit, wie kühl die Börse auf die erneut deutlich gewachsene Anschlagsgefahr reagiert. Ich befürchte aber, das wird sich schnell ändern, sobald der nächste Anschlag auf amerikanischen Boden ausgeführt wird. Die Amerikaner zeigen sich aufgrund des gewonnenen Irak-Krieges und der langen Phase ohne Anschläge meines Erachtens etwas hochmütig. Doch wie sagt man: Hochmut kommt vor dem Fall.
Der Anschlag in Saudi-Arabien hat gezeigt, dass sich eine neue Struktur gebildet hat. Natürlich mussten sich die Terrornetzwerke nach der Zerschlagung der Zentrale der El-Kaida in Afghanistan neu organisieren, so dass kaum mit Anschlägen zu rechnen war. Selbst die Vorbereitungen auf den Anschlag auf das World-Tradecenter hat länger als ein Jahr gedauert und das, obwohl die notwendigen Strukturen bereits existierten. Im Moment sind offenbar die Geheimdienste ebenfalls der Ansicht, dass nach diesem Anschlag in Saudi Arabien weitere folgen werden. So wird aktuell besonders vor Anschlägen in Kenia gewarnt. In der Nacht zum Freitag stellten die britischen Luftfahrtgesellschaften alle Flüge von und nach Kenia ein. Im Moment begrenzen die Geheimdienste ihre Warnungen zwar noch auf bestimmte Länder, doch sollten Sie zwischen den Zeilen lesen. Dann wird klar, dass die Geheimdienste weltweit verstärkte Aktivitäten erkennen, ohne diese jedoch genauer einordnen zu können ...
Vielleicht erinnern Sie sich nicht mehr an die (angebliche) Aussage von Osama Bin Laden, der erneut große Anschläge auf amerikanischen Boden angekündigt hatte. Soweit ich weiß, noch in diesem Jahr. Spätestens seit den Anschlägen in Saudi Arabien ist klar: Die Terrororganisationen sind aufs Beste organisiert und verfügen über ausreichend Terroristen, die keine Sekunde zögern ihr eigenes Leben zu opfern.
Die Führung der Terrororganisationen brauchen Rekruten, sie brauchen Menschen, die willens sind, sich selbst zu opfern. Solche Menschen wollen "Taten" sehen, wollen wie die Attentäter des 11. Septembers in die Geschichte der moslemischen Welt als Helden eingehen. Der 11. September war sicherlich eine überaus wirksame Werbung für neue Rekruten. Die Anschläge in den arabischen Ländern beeindrucken die westliche Welt kaum und schaden zudem eher den eigenen Landsleuten. Ich vermute sogar, sie dienen eher zur "Übung" und dazu, die Stimmung zu halten, während größere Aktionen geplant sind. Vielleicht könnte man ansonsten auf die Idee kommen, die Amerikaner hätten ihre Ziele erreicht. Die Anschläge in Saudi Arabien verdeutlichen jedoch: sie haben es keineswegs. Und ich bezweifle, dass sich die Führungen der Terrororganisationen mit so "kleinen" Anschlägen begnügen werden.
Nein, sie wollen die Amerikaner da treffen, wo sie am empfindlichsten sind: auf eigenem Boden. Dass die Führung der Terrororganisationen die Theorien des dezentralen Terrorismus beherrscht, haben sie nun oft genug bewiesen, gerade auch wieder bei den Anschlägen in Saudi Arabien. Ein großer Anschlag braucht Zeit. Zeit, um Menschen in die USA einzuschleusen oder innerhalb der USA zu rekrutieren, die lange Zeit unauffällig, ohne den geringsten Anschein von terroristischer Aktivität zu zeigen, dort leben. Zeit, um in Amerika immer wieder neue dezentrale kleine Strukturen aufzubauen, so dass die Geheimdienste bei Fahndungserfolgen nur diese kleinen Gruppen erwischen können. Wie lange es also dauern wird, bis ein neuer Anschlag folgt, kann keiner vorhersehen. Doch eins scheint mir seit Mittwoch sicher: Es wird zu neuen Anschläge auf amerikanischen Boden kommen und ich befürchte, es wird ein großer Anschlag.