Dreifacher Hexensabbat
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 20. Dezember 2002 18:00 Uhr
ENL5454
Das war ein etwas seltsamer Hexensabbat heute. Zunächst war es einer der ruhigsten Verfallstage, die ich miterleben durfte. Kurz vor 12.00 Uhr wurden die Märkte über die Futures leicht nach oben gezogen, denn um 12.00 Uhr verfielen die Dezember Futures der Stoxx Familie. Um 13.00 Uhr dann endeten die Dax- Future und Optionen, um 13.10 Uhr folgten dei Nemax- Future und Optionen. Der Dax stand um 12.00 Uhr bei 2957.51 Pkt. Ich hätte zu diesem Zeitpunkt auf einen Kurse um die 3000 Pkt getippt. Wie gesagt, viel passierte nicht. Ein kleiner Rücksetzer, das war alles.
An den Börsen herrscht eigentlich übereinstimmende Einigkeit darüber, dass ein Irakkrieg unvermeidlich ist. Auch die heutigen Nachrichten sind eigentlich nur eine Bestätigung dieser Einschätzung.
Der britische Premier Blair hat heute die britische Armee aufgefordert, sich auf einen möglichen Krieg gegen den Irak vorzubereiten. Doch das war nicht alles: Die USA haben zudem Deutschland gebeten, 2.000 Bundeswehrsoldaten zur Sicherung von US-Einrichtungen bereitzustellen. Wenn Sie wissen wollen, wann der Krieg beginnt, müssen Sie sich nur anschauen, ab wann die deutschen Soldaten bereitstehen sollen: Ende Januar. Wenn Sie sich dann noch erinnern, dass britische, mit Kriegsgerät beladene Frachtschiffe Anfang Februar in der Golfregion eintreffen sollen, dann unterstreicht das diese Vermutung noch.
Ende Januar, beziehungsweise Anfang Februar wird es also losgehen. Mittlerweile scheint auch die UN wieder deutlicher hinter den Amerikanern zu stehen. Selbst Russland und Frankreich halten sich mittlerweile mit ihrer Kritik zurück, auch eine Art der Zustimmung.
Wenn Sie sich nun wundern sollten, warum die Börsen jetzt nicht völlig wegbrechen: Es wird noch gewartet. Es ist zu früh. Ich rechne damit, dass ca. 2 Wochen vorher die Börsen unter Druck geraten. Bis dahin wird es wahrscheinlich zu einem langsamen Rückgang kommen, währenddessen sich die Börse immer mal wieder aufbäumen wird. Genaueres wird man erst Anfang Januar dazu sagen können. Prognosen über die Feiertage möchte ich nicht abgeben. Bei den dünnen Umsätzen wird es zu keinen aussagekräftigen Bewegungen kommen. Erst wenn im neuen Jahr die Institutionellen wieder mitspielen, kann man klarere Aussagen treffen.
Unterdessen zeigt sich Chefinspektor Blix unzufrieden mit dem Vorgehen der USA und den Briten. Es sagte, dass die Inspekteure nicht die notwendige Unterstützung bei ihrer Mission erhalten. Wenn die USA und die Briten Beweise für irakische Massenvernichtungswaffen haben, dann sollten sie doch in der Lage sein, den Inspekteuren zu sagen, wo diese sich befinden. Deswegen hat Blix nun beide Länder aufgefordert, ihm die nötigen Geheimdienstinformationen zur Verfügung zu stellen.
Die USA selbst hatten gestern mit dem deutlichen Vorwurf, Irak habe sich mit diesem Waffenbericht eines schwerwiegenden Verstoßes gegen die UN-Sicherheitsratsresolution schuldig gemacht, ihre Entschlossenheit verdeutlicht, einen Krieg gegen den Irak führen zu wollen. Noch haben sich jedoch keine UN-Mitglieder diesem Vorwurf in dieser Deutlichkeit angeschlossen.
Natürlich verwundert es nicht, dass der Irak diese Vorwürfe als unbegründet zurückgewiesen hat. Der stellvertretende irakische UN-Botschafter Mohammed Salmane betonte, dass der irakische Waffenbericht vollständig sei und durch die Waffeninspekteure jederzeit vor Ort überprüft werden könne.
Für etwas Aufwind an den Börsen sorgte gestern Notenbankchef Alan Greenspan. In einer Rede vor dem New Yorker Wirtschaftsclub sagte Greenspan, es gäbe einige Anzeichen dafür, dass die US-Wirtschaft dabei ist, aus der Talsohle herauszukommen. Er betonte jedoch auch, dass die geopolitische Lage die Wirtschaft und die Aktienmärkte bremse. Sollten diese Risiken nachlassen, könne das eine wichtige Rolle bei der Belebung der Wirtschaft spielen.
Es ist das alte Spiel. Vor einem Krieg wird auf den Krieg selbst spekuliert, die Börsen fallen. Beginnt der Krieg, fangen die ersten an, auf ein schnelles Ende zu spekulieren, die Börsen ziehen an.
Wenn Sie sich überlegen, was alles an einem Erfolg der Amerikaner hängt, können Sie sich vorstellen, mit welcher Entschlossenheit dieser Krieg geführt werden wird. Sollten die Amerikaner diesen Krieg schnell gewinnen, haben sie sich damit auch die Kontrolle über eines der größten Erdölvorkommen in der Region gesichert.
Allein dieser Faktor dürfte angesichts immer knapper werdender Ressourcen einen sehr belebenden Einfluss auf die amerikanische Wirtschaft habe. Zudem wäre damit auch die Macht der Opec beziehungsweise die Abhängigkeit der westlichen Welt von der Opec weiter verringert. Sollten Sie also in Ölwerten oder Öl selbst investiert sein, denken Sie daran: Ein Sieg im Irak dürfte den Ölpreis ziemlich heftig unter Druck bringen.
Deutlich machte Alan Greenspan erneut, dass eine Deflation gefährlicher als eine Inflation wäre. Jedoch befände sich Amerika noch nicht in der Nähe einer Deflation, zudem gäbe es in diesem Fall die Möglichkeit, darauf mit einer aggressiven Finanzpolitik zu reagieren.
Um 14.30 Uhr wurde dann das "endgültige" US-Bruttoinlandsprodukt vom dritten Quartal 2002 veröffentlicht. Das BIP ist um erwartungsgemäß um 4,0 % gestiegen. Diese Zahl war jedoch schon bereits als Schätzung veröffentlicht worden, so dass die Börse nicht reagierte.