Drei Denker: Newton, Keynes und Friedman
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 07. Juni 2004 18:00 Uhr
ENL5454
Vor Keynes und Friedman wurde das Weltbild der Ökonomen durch Newton geprägt. Einem Boom folgte demnach eine Gegenreaktion zur Wiederherstellung des Gleichgewichts. Je stärker die Aufwärtsbewegung ausfiel – je mehr Geld die Menschen sich ausliehen und sinnlos verpulverten –, desto stärker hätten sie im notwendigerweise folgenden Abschwung zu leiden. Da waren sich Ökonomen und Moralphilosophen völlig einig. Die Weltwirtschaftskrise wurde vor dem Hintergrund dieser Überzeugung als unvermeidliche Reaktion auf den Boom der 1920er gesehen, und sie war durch staatliche Eingriffe in die Korrekturmechanismen des Marktes noch verschlimmert worden.
Aber dann schrieben Milton Friedman und Anna Jacobson Schwartz in Ihrem Buch "A Monetary History of the United States" die Geschichte der Weltwirtschaftskrise neu. Damit machten sie Politikern und Investoren Hoffnung auf Wiederauferstehung ohne Kreuzigung, Ostern ohne Fastenzeit, Völlerei ohne Fett, Aufschwung ohne Abschwung.
"Die Weltwirtschaftskrise war keineswegs eine unvermeidliche Folge des vorangegangenen Booms", so Friedman & Schwartz. "Sie war das Ergebnis der politischen Fehlentscheidungen, die während dieser Jahre getroffen wurden. Geldpolitische Alternativen, die dem monetären Debakel ein Ende hätten bereiten können, gab es jederzeit. Obwohl nämlich die Fed vorgab, eine lockere Geldpolitik zu praktizieren, war ihre Geldpolitik in Wahrheit viel zu restriktiv. Die Geldbehörde hätte das Zusammenschmelzen der Geldbestände verhindern können und hätte sogar im Gegenteil jede gewünschte Zunahme der Geldbestände erzeugen können."
Alan Greenspan war fest entschlossen, die alten Fehler nicht zu wiederholen. Er würde Friedmans Ratschlag beherzigen und das Geldangebot so lange vergrößern, bis selbst die letzten Dämpfer der Wirtschaft beseitigt waren. Aber was würde passieren, wenn Friedman doch nicht Recht behielt? Was wäre, wenn die Politik doch nicht jeden gewünschten Effekt erzeugen könnte? Wenn der Crash und die Weltwirtschaftskrise nicht nur geldpolitische Phänomene, sondern realwirtschaftliche (und menschliche!) Ereignisse gewesen waren? Was, wenn nicht die Bankenkrise all die Kursverluste verursacht hätte, sondern umgekehrt?
Eine niedrigere Fed Funds Rate (das ist der Zinssatz, den die Fed ihren Mitgliedsbanken als Schuldnern in Rechnung stellt) erlaubt es diesen Banken wiederum, billiger Geld auszuleihen. So weit, so gut. In einem deflationären Abschwung verlieren Menschen ihre Arbeit, die Aktienkurse fallen und auch andere Vermögenswerte verlieren an Wert. Umsätze und Gewinne gehen zurück, die Schuldenberge bleiben. Eine Verbilligung des Geldes bringt in einer solchen Situation sicher etwas – aber nicht unbedingt den gewünschten Effekt.
Ach wäre es schön, wenn Alan Greenspan in so einer Situation eine Art Zaubermaschine zur Verfügung haben würde! Ein Knopfdruck hier ... ein umgelegter Hebel da ... und alles wäre wieder im Lot. Leider hatte in der Wirklichkeit ein solcher Knopfdruck eine unerwartete Wirkung. Große Marktbewegungen funktionieren ähnlich wie Bestseller – also mit einer Handlung, die ein oder zwei überraschende oder ironische Wendungen bereithält. So kann man sich keinen Bestseller vorstellen, in dem die Hauptperson genau das bekommt, was sie ursprünglich wollte. (Stellen Sie sich bei "Vom Winde verweht" vor, Scarlett hätte Ashley Wilkes geheiratet und dann glücklich und zufrieden mit ihm zusammengelebt. Margret Mitchell hätte mit solch einer Handlung vielleicht ein paar Kopien ihres Manuskripts an ihre Freunde und Verwandten verkauft – das wäre es dann aber auch schon gewesen.) In solch einer Welt wollten wir doch auch gar nicht leben. Das wäre so langweilig und wohlmeinend wie ein Gedicht von Maya Angelou. Also: Wie ein tragischer Held bekam auch Greenspan nicht das, was er erwartet hatte ... oder zumindest nicht das, was er vorgegeben hatte, zu erwarten.