Dow Jones testet Allzeithoch - und niemand jubelt!?
Axel Retz in DAX Daily
vom 28. September 2006 08:30 Uhr
ENL5462
Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,
In der vergangenen Woche hatte ich den Lesern meiner Börsendienste DAX PROFITS und EurXProfits eine „Sondermeldung" zugesandt, in der ich 13 wirklich brisante Charts zu Rohstoffen, Zinsen und Zinsstruktur, US-Arbeits- und Immobilienmarkt, geschönten Inflationszahlen, Sorglosigkeit der Anleger etc. erörtert habe.
Gestern abend erhielt ich dazu eine E-Mail eines Lesers, der sich „total verunsichert" fühlte, da doch allenthalben von den phantastischen Perspektiven der Aktienmärkte gesprochen wird.
Dann ist es ja gut, kann ich nur sagen: Verunsicherung ist das Mindeste, was ich mit diesen Charts bewirken wollte. Denn sie bildeten einfach nur die 1 : 1 die Wirklichkeit ab. Und nicht das verzerrte Bild, das in den Köpfen der meisten Analysten herumspukt und viel Platz für „Überraschungen" bietet. Dazu:
Circa eine Woche vor Weihnachten pflegten meine Eltern die Wohnzimmertüre abzuschließen. Damit konnten wir drei Jungs (in bin ein Drilling) noch relativ locker umgehen. Als weniger lustig empfanden wir es, dass „das Christkind" das Schlüsselloch von innen mit einem Tuch verhängte. Was die Spannung hinsichtlich der kommenden Überraschung fast ins Unerträgliche steigerte.
Eine ganz ähnliche Stimmung hätte ich in den letzten Handelstagen auch an der Wall Street erwartet: Das legendäre Allzeithoch des Dow Jones – wird es nun übersprungen oder nicht?
Aber von Vorfreude oder gar Euphorie ist wenig zu spüren. Vermutlich deswegen, weil die Minderheit der Börsianer dem Braten nicht recht traut, während die überwiegende Mehrheit der Anleger das neue Hoch und nachfolgende weitere Kursgewinne schon als so selbstverständlich betrachtet, dass sie sich einen Kursrückgang überhaupt nicht mehr vorstellen kann.
Bei Licht besehen, ist das Verwunderliche aber nicht die Möglichkeit einer Gegenbewegung nach unten; das Verwunderliche ist, dass der Dow Jones überhaupt wieder so hoch steigen konnte.
Denken Sie daran, wo „Katrina" und Konsorten zuschlugen, welches Land Unsummen für die militärischen Ambitionen seines Präsidenten aufzuwenden hatte, wo die Anschläge des 11. September stattfanden. Und vor allem – in welch geradezu schwindelerregendem Tempo sich die staatliche und private Verschuldung in den USA nach oben bewegt haben, während das so genannte Zwillingsdefizit senkrecht durch die Decke ging.
Am Allzeithoch des Dow Jones von Anfang 2001, dem sich der Index gestern bis auf der Punkte genähert hatte, lag der Leitzins bei 5,50 Prozent, heute bei 5,25. Kein sonderlicher Unterschied.
Anders sieht das bei den Rohstoffpreisen aus: Der CRB-Index lag damals bei 202, heute notiert er mit 301 praktisch um 50 Prozent höher.
Vergleichbar sind die aufgezehrten Barreserven der Investmentfonds, die Anfang 2001 bei 5,0 Prozent lagen, heute noch etwas darunter, nämlich bei 4,10 Prozent.
Bleibt der heute viel zitierte „Entlastungsfaktor Rohöl", auf den ich ja bereits gestern eingegangen bin. Der Ölpreis notierte damals bei 25,39 Euro, gestern lag er bei 58,25 Euro. Der Immobilienboom steckte in den Kinderschuhen, jetzt ist er geplatzt.
Die Daten zur Verschuldungsexplosion beleuchte ich in der kommenden Woche einmal. Sie haben es „verdient", gesondert betrachtet zu werden.
Alles in allem: Die Anleger sollten nicht allzu unglücklich darüber sein, nicht durch das Schlüsselloch auf die kommenden Ereignisse sehen zu können. Denn der hinter der Türe erwartete Bulle mit seinen saftigen Steaks könnte sich durchaus auch als Bär entpuppen, der aus Ihnen saftige Steaks zu machen gedenkt.
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