Dow auf 12.000???

Jochen Steffens in Investors Daily
vom


von Jochen Steffens

Endlich! Heute morgen habe ich es endlich gehört – im Fernsehen. Und Sie wissen, Dinge die im Fernsehen gesagt werden stimmen. Heute morgen habe ich einen Analysten gehört, der ernsthaft prognostizierte, dass der Dow auf 12.000 Punkte steigen wird. Wow! Damit wäre das bisherige Allzeithoch bei mageren 11750,82 Punkten vom 14.01.2000 Geschichte.


Vergessen wir, dass vor dem Jahr 2000 eine langjährige Hausse den Markt getrieben hatte. Vergessen wir, dass in der Endphase Anleger selbst ihre Großeltern zum Aktienkauf überredeten. Vergessen wir weiterhin, dass damals Amerika weniger Schulden und wesentlich mehr Arbeitsplätze hatte. Vergessen wir auch, dass damals ein starker Dollar den Markt beherrscht und die Geldmenge bei weitem nicht so hoch war wie heute. Vergessen wir die Firmenpleiten und die Kostensenkungsprogramme. Ganz besonders sollten wir die große Abwanderungsbewegung der Produktionsstätten in die Wachstumsmärkte und Billiglohnländer a la China, Indien und vielleicht bald auch Russland vergessen und vergessen wir natürlich, die sich zuspitzende weltpolitische Situation im Irak, im Nahen Osten, Nordkorea, Indien/Pakistan etc.

Wenn wir all das vergessen, dann – und nur dann kann man davon ausgehen, dass der Dow sein bisheriges Allzeithoch überwinden wird. Oh, jetzt habe ICH etwas vergessen: Die Anleger ... Ich weiß, Börse hat wirklich nichts mit Verstand zu tun, sondern mit massenpsychologischen Phänomenen. Gier treibt die Märkte.

Weiß man es? Vielleicht treibt die Gier die Märkte tatsächlich auf solche Marken. Aber blinde Gier hat bisher immer zum Untergang geführt, denn sie ist nie vom Verstand begleitet. Vielleicht erinnern Sie sich, ich habe davon geschrieben, dass so steiler und "verrückter" dieser Anstieg sein wird, er um so schmerzhafter endet. Im Moment kann ich das auch ganz einfach begründen: Wenn es nun zu einem heftigeren Rückschlag kommt und die gesamten kreditfinanzierten Aktienbestände der Kleinanleger (die mittlerweile über dem Höchstniveau von 2000 liegen) weich werden, dann kann eine Spirale losgetreten werden, aus der die Börse nicht mehr heraus kommt ... Selbst wenn dann sogar die Fundamentals stimmen sollten.

Ich bin ja ganz beruhigt, dass noch keiner schrie: Ich sehe den Dax bei 8000 Punkten. Bis zur 12.000 Punkte Marke muss der Dow nur 21 % machen. Der Dax muss sich bis zu 8000er Marke mehr als verdoppeln. Aber der Dax hat ja auch etwas Zeit, er erreichte sein Allzeithoch schließlich erst zwei Monate später, am 07.03.2000 bei 8136 Punkten.

Geht es uns in Deutschland so viel schlechter als den Amerikanern? Gut die Firmenpleiten nehmen nach neusten Zahlen weiter zu, die Baubranche sieht 40.000 Jobs gefährdet. Eine Fluglinie macht pleite, aber das war ja vorauszusehen. Doch die Situation in Amerika ist nicht sonderlich anders.

Geht es denn uns aber um 40 % schlechter als den Amerikanern? Und wie kann ich dann so vermessen sein, zu behaupten, dass in 5–10 Jahren Deutschland besser dastehen wird?

Eine Erkenntnis aus meiner Börsenerfahrung ist, dass die guten Dinge sich langsam entwickeln – dass gute langfristige Trends sich langsam aufbauen und, dass sie von sich verbessernden Fundamental-Daten begleitet werden. Die schnellen, steilen Trends brechen meistens genauso schnell wieder ein. Bestes Beispiel aus der jüngsten Geschichte: Schwarz Pharma. Rasanter übertriebener Anstieg, gefolgt von schmerzhaften Kursrückschlägen, viele Anleger stecken noch in dieser Aktie, aber jetzt mit Verlusten, die umso schmerzhafte sein dürften, da es einmal große Gewinne waren.

Dagegen ein anderes Beispiel: Vielleicht erinnern sich einige unter Ihnen noch, dass ich im Oktober 2002 Vossloh entdeckt habe und dann am 10.12.03 im Investor's Daily, Vossloh beim Bruch des damaligen Jahreshoch von 27,10 Euro empfahl. Weiter Hinweise auf die Aktie bis sie 30 Euro erreicht hatte. Ein konservativer und fundamental sicherer Wert, der dann auch einfach weiter gestiegen ist – in den schlechten Zeiten vor dem Krieg und auch in den guten Zeiten nach dem Krieg, "kaum" vom Markt beeinflusst. Mich würde übrigens mal interessieren, ob jemand von Ihnen diesen Wert damals gekauft hat und vielleicht noch immer besitzt. Schreiben Sie mir.

Bei solchen Empfehlungen geht es eben nicht darum, im Vergleich die beste Performance zu erreichen, sondern Vermögen langfristig aufzubauen. Vossloh war damals einer der wenigen Aktien, denen ich eine reelle Chance in diesen schlechten Zeiten Ende 2002 eingeräumt hatte. Ein grundsolider Wert mit einer guten Geschichte, einer guten Zukunft. Und genau so sollten auch "Bullenmärkte" aussehen. Vossloh konnte deswegen sogar zulegen, als die Börsen vor dem Irakkrieg wegbrachen und steht heute auf vertretbaren 38–40 Euro, nicht überbewertet aber auch nicht unbedingt mehr Kaufniveau.

Dies verdeutlicht mein Problem mit der amerikanischen Wirtschaft. Dort stimmen diese Fundamentals nicht, egal wie hoch der Markt steigt. Selbst wenn der Dow wirklich auf 12000 Punkte steigen sollte, war ab Juni/Juli (Nach der Nachkriegsrallye, die wir hier auch rechtzeitig angekündigt hatten) der Dow zu keinem Zeitpunkt mehr ein Markt, in den man langfristig orientiert sein dürfte. Das Chance/Risiko Verhältnis war und ist einfach zu hoch.

Langfristig sollten sie also auf die "wirklichen" Bullenmärkte setzen, z.B.: Gold, Rohstoffe und den Euro. Hier sind die Fundamentals in Ordnung. Auch wenn Sie dort erst einmal scheinbar "weniger" Rendite erzielen. Wie schnell kann sich das Blatt wenden und die Rallye an den Aktienmärkten in sich zusammenbrechen. Wer wird von den vielen Anlegern rechtzeitig aus dem Markt springen? Und wie viele werden, wie im Jahr 2000 halten, weil sie daran glauben, dass es weiter geht? Wie viele werden letzten Endes Verlust machen. Ich weiß es nicht.

Wenn sie kurzfristig traden, können Sie natürlich auch noch mit den überbewertesten Klitschen Geld verdienen. Und so kürzer sie traden, desto gleichgültiger wird Ihnen dabei die Marktrichtung sein. Am schwersten hatten es in den letzten drei Jahren die Trades auf Sicht von 3–6 Monate. Die besten Erfolge erzielten Trader mit einem Anlagehorizont von durchschnittlich einer Woche!


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