Dollarabwertung positiv?
unserem Korrespondenten Eric Fry an der Wall Street in Investors Daily
vom 28. Mai 2003 18:00 Uhr
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Letzten Montag blieben die US-Börsen wegen eines Feiertags geschlossen. Die New Yorker feierten diesen Tag – den Memorial Day – wie die meisten Amerikaner mit einem Grillabend, trotz der dunklen Wolken am Himmel. Aber irgendwann wird das Wetter richtig sonnig werden. Und irgendwann wird auch die US-Volkswirtschaft wieder die warme Ausstrahlung eines ordentlichen Wirtschaftswachstums fühlen können. Aber vorerst bleibt es weiter kühl.
Glücklicherweise liefert der Aktienmarkt den Kleinanlegern weiterhin etwas Wärme und Unterhaltung. Solange die Aktienkurse steigen, können sich die Kleinanleger auch anderen Illusionen hingeben – so zum Beispiel der Ansicht, dass der schwache Dollar gut für die US-Wirtschaft sei.
Es stimmt natürlich, dass eine gewisse Dollarabwertung – wie ein bisschen Kokain – durchaus positiv sind. Aber genauso sicher ist, dass eine Überdosis destruktiv ist. Die "geplante" Abwertung des Dollar wird außer Kontrolle geraten. Dollarverkäufe ziehen eine weitere Dollarschwäche nach sich, was zu weiteren Dollarverkäufen führt, was den Dollarkurs weiter absacken lassen wird – und so weiter. Das ist kein schönes Bild.
"Da Amerika derzeit so stark wie nie zuvor in den letzten 50 Jahren vom ausländischen Kapital abhängig ist, ist jede Unterbrechung dieses Angebots ein Grund zur Besorgnis", so die Financial Times. "In diesem Jahr könnten sowohl das US-Leistungsbilanzdefizit als auch das US-Haushaltsdefizit eine Größenordnung von jeweils 5 % des US-Bruttoinlandsproduktes erreichen ( ...). Bis jetzt war es die Bereitschaft der ausländischen Investoren, auch zu Renditen von weniger als 4 % Geld in den USA anzulegen, die verhindert hat, dass die USA in eine tiefe Rezession fallen." Aber wie lange kann man noch damit rechnen, dass die ausländischen Kreditgeber Anleihen kaufen, die mit weniger als 4 % verzinst werden, wenn die Währung, in der diese Anleihen notiert werden, 20 % verliert?
Jim Grant hat in einer aktuellen Kolumne im Forbes-Magazin Folgendes beobachtet: "Auch das Ausland hat Einfluss, wenn es um die Bestimmung der Dollar-Zinssätze geht. Weil die USA mehr verbrauchen, als sie produzieren, und deshalb dem Ausland immer mehr Geld schulden, fließen riesige Dollarbeträge in das weltweite Finanzsystem. Und die Besitzer dieser Dollar haben auch einen Zugang zu verlässlichen Informationsquellen, und sie könnten aufwachen und ihre US-Anleihen verkaufen. Wer könnte ihnen das vorwerfen?" – Obwohl wir Amerikaner seit einem Jahrzehnt schon ein Leistungsbilanzdefizit haben, scheint es nie an willigen Kreditgebern zu fehlen.
"Aber es gibt Anzeichen dafür, dass das Defizit diesmal härter zu finanzieren sein könnte", so die Financial Times. "Zunächst einmal haben sich die Investitionschancen in den USA geändert. Vor drei Jahren floss das ausländische Kapital in Strömen an den US-Aktienmarkt, der durch ein technologiegeführtes Produktivitätswunder charakterisiert war. Jetzt brauchen die USA schon doppelt soviel ausländisches Kapital, um auch das Defizit der öffentlichen Haushalte zu finanzieren, das ein Ergebnis der Steuersenkungen von George W. Bush und des Kriegs gegen den Terrorismus ist. Zumindest könnten die ausländischen Investoren verstärkt ihre Aufmerksamkeit auf die Konditionen legen, zu denen sie Amerika mit Kapital versorgen."
Mit anderen Worten – die US-Zinssätze könnten steigen, um das erhöhte Risiko einer weiteren Dollarabwertung zu kompensieren. Und es ist möglich, dass steigende Zinssätze – die durch einen fallenden Dollar verursacht werden – einen negativen Einfluss auf die Aktienkurse haben könnten.