Dollar Apokalypse
Dr. Kurt Richebächer in Investors Daily
vom 12. Februar 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Das Schicksal des Dollar ist in diesem Jahr wohl die wichtigste Frage für die Weltwirtschaft und die Investoren weltweit. Nach einem langsamen Start hat sich der Kursverfall des Dollar beschleunigt. Wo wird dieser Kursverfall enden? Könnten sich die Kursverluste des Dollar vom letzten Jahr in einen Crash ausweiten, mit katastrophalen Auswirkungen auf die amerikanischen Finanzmärkte oder sogar auf das weltweite Finanzsystem?
Am 31.12.2002 stand der Euro bei 1,05 Dollar, zu Jahresbeginn 2002 hatte er bei 0,8915 notiert. Ein Gewinn von 17,8 %. Im Jahresverlauf war der Euro zunächst noch bis auf 0,86 Dollar zurückgekommen, gegenüber diesem Tiefststand verlor der Dollar 22 %. Für diese europäischen Investoren, die US-Aktien im Depot haben, bedeutet das, dass sich die Verluste, die sie mit den US-Aktien hinnehmen mussten, durch den Währungseffekt noch vergrößern.
Vor ungefähr einem Jahr hatte der Dollar einen temporären Höchststand erreicht. Seitdem hat sich sein Kursverfall ständig beschleunigt. Angesichts des hohen amerikanischen Handelsbilanzdefizits und der sich verschlechternden wirtschaftlichen Situation ist es Zeit, sich über weitere Kursverluste des Dollar und die Auswirkungen dieser Entwicklung Gedanken zu machen. Was könnte den Verfall des Dollar stoppen? Und was könnte an den Finanzmärkten passieren, wenn sich der Verfall des Dollar nicht stoppen lassen sollte?
Zur ersten Frage: Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Handelsbilanz nur sehr langsam auf Wechselkursänderungen reagiert – wenn überhaupt. Von 1985–87 explodierte das amerikanische Handelsbilanzdefizit, obwohl der Dollarkurs fast kollabierte. Ein solches Handelsbilanzdefizit bedeutet naturgemäß, dass die heimischen Konsumausgaben die heimische Produktion übertreffen. Aber eine Währungsabwertung alleine beeinflusst noch keinen dieser beiden Punkte. Um das Handelsbilanzdefizit zu reduzieren, müssten die USA ihre Konsumausgaben senken. Aber genau das wollen die Regierung und die US-Zentralbank verhindert, weil das eine Rezession und steigende Arbeitslosigkeit mit sich bringen würde.
Ein geringeres amerikanisches Wirtschaftswachstum im laufenden Jahr würde das Handelsbilanzdefizit wahrscheinlich moderat verringern – aber die Abschwächung beim Wirtschaftswachstum würde die ausländischen Investoren noch mehr als jetzt schon abschrecken. Ich gehe davon aus, dass die Illusion über die Stärke der US-Wirtschaft und die Illusion über den Dollar zusammenbrechen werden, wenn sich die US-Wirtschaft und der amerikanische Aktienmarkt dieses Jahr unerwartet schlecht entwickeln sollten.
Und wenn die Bereitschaft der Ausländer zu Investitionen in den USA sinkt, dann wird weniger Kapital importiert – und das drückt effektiv auf den Dollarkurs. Das sollte man im Hinterkopf behalten, was zu der zweiten Frage überleitet: Was passiert, wenn der Dollar seinen Kursverfall fortsetzen wird?
Bis jetzt hat sich der Dollarkurs "geordnet zurückgezogen", aus einem offensichtlichen Grund: Die europäische Wirtschaft hat ein schlechtes Image, die amerikanische Wirtschaft wird hingegen als dynamisch eingeschätzt. Deshalb ist die vorherrschende Meinung an den Devisenmärkten immer noch die, dass die Rally des Euro gegenüber dem Dollar limitiert ist – und eine Erholung des Dollar sei nur eine Frage der Zeit.
Dennoch muss dieses Vertrauen in eine baldige Dollar-Erholung schwinden. Der Verfall des Dollarkurses beschleunigt sich. Die normale Erklärung dafür ist der bevorstehende Irakkrieg. Allerdings war der Dollar in der Vergangenheit eigentlich ein "sicherer Hafen". Es gibt andere, wirkliche Gründe für den Verfall des Dollar, und nicht wenige. Die meisten dieser Gründe sind nicht neu. Was neu ist, sind die News, die darauf hindeuten, dass die erwartete Erholung der amerikanischen Wirtschaft in Frage gestellt werden muss. Kurz gesagt: Das Vertrauen in die Wachstumsaussichten der US-Wirtschaft schwindet.
Könnte der "geordnete Rückzug" des Dollar zu einem chaotischen Kurseinbruch werden, der sich auf die Finanzmärkte signifikant auswirkt? Schauen wir ins Jahr 1987 zurück, dem Jahr, in dem die Amerikaner und die ausländischen Investoren ihre Geduld mit dem fallenden Dollar verloren. Mehrere Monate lang war dieser Vertrauensverluste für die US-Aktien und amerikanischen Anleihen katastrophal. Dennoch gab es nur einen kurzen Crash, der mit einer sanften Landung für den Dollar und die Märkte endete. Das schien also eine relativ komfortable Erfahrung zu sein.
Heute ist es aber anders. Die heutige Wirtschaftslage ist schlechter als 1987–89. Das Wirtschaftswachstum ist erheblich geringer, das Handelsbilanzdefizit deutlich höher und das Zinsniveau erheblich niedriger.
Aber es gibt noch einen anderen Faktor, der einen großen Unterschied macht: Diesmal hängt sehr viel von der Dollarkursentwicklung ab. Sowohl für die Ausländer, die Dollar-Anlagen haben, als auch für die Amerikaner, die Euro-Anlagen haben, steht viel auf dem Spiel. Beide Gruppen haben sich gegen die Währungsrisiken kaum abgesichert. Sie erwarteten schließlich, durch die Wechselkursentwicklung noch zu gewinnen.
Es wird weithin angenommen, dass es einen "normalen" oder fairen Dollarkurs gegenüber den anderen Währungen gibt, und dass der Dollarkurs von diesem fairen Kurs nicht zu weit oder zu lange abweichen wird.
Aber es gibt keinen solchen "fairen" Kurs. Der Dollar ist effektiv außer Kontrolle. Es ist nicht möglich, vorauszusagen, auf welchem Niveau er den Boden erreichen wird. Man kann nur die volkswirtschaftlichen Kosten messen, die ein externes Ungleichgewicht, das über Jahre besteht, verursacht. Das Schicksal des Dollar liegt nicht mehr in den Händen der Zentralbanker und der privaten Banken, sondern in den Händen von Millionen von nervösen privaten Investoren.