Doch mal wieder Kostolany
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 14. Juli 2003 18:00 Uhr
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Am Samstag habe ich das schöne Wetter genutzt, um mal wieder durch die Kölner Innenstadt zu bummeln. Plötzlich traf ich eine alte Freundin, die ich über ein Jahr nicht mehr gesehen hatte. Sie hatte sich damals nach schmerzhaften Verlusten endgültig von der Börse verabschiedet. Endgültig? Es vergingen nur wenige Minuten und sie nahm mich etwas beiseite und erzählte, sie hätte nun wieder, nach eineinhalb Jahren, Aktien gekauft. Infineon! Was ich denn davon hielte? Dabei sah sie mich mit hoffnungsvollen Augen an.
Vielleicht werden Sie verstehen, dass ich mich ein wenig unwohl fühlte und rumdruckste. Ich fragte sie erst einmal, wie sie denn gerade jetzt auf diese Idee gekommen sei? Sie antwortete, dass sie in der Baisse schließlich viel Geld verloren habe und deswegen lange nichts mehr von Börse hätte hören wollen. So hätte sie seit über einem Jahr nicht mal mehr in ihr Portfolio geschaut. Nun laufe es doch alles wieder gut an den Börsen. Man höre doch überall, dass die Baisse vorbei sei. Dann wurden ihre Augen etwas trüber. Sie sei allerdings gerade wieder im Minus bei Infineon. Was solle Sie tun? Ich wusste, was sie hören wollte und ich wusste, dass ich nicht derjenige war, der ihr das auch sagen würde.
Sie kennen natürlich meine Meinung. Ich erklärte ihr, dass gerade sie für mich ein weiteres Zeichen sei, dass wir uns in der letzten Phase dieser Rallye befinden. Ich erklärte ihr auch warum. Fast immer, wenn auch der letzte und frustrierteste Anleger kauft, ist das Ende zumindest nah. Ich riet ihr einen Stopp unter Infineon zu setzten und zu hoffen, dass es noch etwas weiter geht. Aber auf jeden Fall sollte sie diese Position nicht wieder, wie damals, zu tief in den Verlust laufen zu lassen. Ich riet ihr auch den Stopp "real" zu setzten und legte ihr nahe, den Stop auf einen Monat festzulegen.
Sie wird mich heute morgen, angesichts der Stärke der Infineonaktie, Infineon liegt gerade mit 5,81 % vorne, für nicht ganz dicht halten. Sie wird sich bestätigt fühlen und glauben, dass alle anderen Recht haben. Und ich befürchte, sie wird deswegen auch keinen Stop setzen. Die ersteren beiden Punkte mögen ja richtig sein. Aber der letztere ... den sollte sie trotzdem beachten.
Etwas später entdeckte ich in einer Buchhandlung zwei drastisch reduzierte Bücher von unserem Altmeister: Kostolany. "Kostolanys Börsenseminar" und "Die Kunst über Geld nachzudenken". Ich hatte schon länger nichts mehr von Kostolany gelesen, so konnte ich nicht nein sagen und griff zu. Anschließend habe ich beide Bücher komplett gelesen, was mich eine schlaflose Nacht gekostet hat, aber gut, es war zu interessant.
Auch wenn ich viele Thesen ja bereits kannte, es tat gut, sie noch einmal so geballt zu lesen. Nach dieser Nacht war ich nicht nur besonders müde – den ganzen Sonntag über, sondern mir war auch völlig klar, was Kostolany jetzt gerade tun würde.
Doch zuvor ein paar kleine Zitate aus diesen Büchern dazu: "Man muss misstrauisch, zynisch und auch ein wenig eingebildet sein, um sich sagen zu können: Ihr seid alle Dummköpfe, nur ich weiß etwas, oder auf jeden Fall weiß ich es besser. Ein harter Spekulant darf nicht einmal seinem eigenen Vater trauen, geschweige denn Banken, der Presse, den Medien, den Maklern und allen anderen Schlawinern."
"Man muss immer damit rechnen, dass die dritte Phase der Aufwärtsbewegung explosiv sein kann. Für viele Spekulanten besteht die große Gefahr darin, zu glauben, mit dem Verkauf (oder short gehen) einen Irrtum begangen zu haben. Ihr Schmerz ist groß, denn sie rechnen jeden Tag dem versäumten Gewinn nach.
"Macht die Börse süchtig? Ich glaube, ja!"
Wir befinden uns allem Anschein nach in der dritten Phase einer Aufwärtsbewegung. Trotzdem kann ich Ihnen nicht sagen, wie hoch die Börsen noch getrieben werden. Ich werde Ihnen jedoch sagen können, wann die Börse ihren Todesstoß erhalten hat. Bis dahin können im "schlechtesten Fall" sogar noch mehrere Monate vergehen. Auch das wurde mir nach dieser Nacht klar.
Nach der Lektüre dieser beiden Bücher, bilde ich mir jedoch ein zu wissen, was Kostolany gerade machen würde: Er würde den Euro kaufen, Aktien verkaufen und auf deutliche Umkehrsignale warten, um short zu gehen. Zu Anleihen hätte er wohl die gleiche Meinung, die gerade Bill Bonner heute vertritt (s.u.). Kostolany benannte zudem einen wichtigen Faktor für seine Anlageentscheidungen. Ein Hoch sei erreicht, wenn die meisten in seinem Umfeld (Menschen, die seit Jahren keine Aktien mehr angefasst haben), ihn fragen würden, ob diese oder jene Aktie nicht doch noch weiter laufen könnte.
Eins noch zum Schluss: Vergleichen Sie mal die Entwicklung im Dax-Chart von Anfang 2001 bis jetzt. Sie werden viele der "roundings" erkennen, von denen ich Freitag schrieb. Schauen Sie sich dazu besonders die Entwicklung seit dem 11. September 2001 an. Dann vergleichen Sie diese Kursbewegung mit der Kursbewegungen, die aktuell zu erkennen ist. Sie werden erkennen, dass es jederzeit wegbrechen und dass es genauso noch eine zeitlang weiter hoch gehen kann. Ich mag diese "roundings" nicht, denn sie lassen keine klaren Analysen zu.
Mir ist ein Gerücht zu Ohren gekommen: Einige Institutionelle wollten den Markt bis 3400 Punkte treiben und auf dem Niveau ihre Verkäufe platzieren. Die 3400 ist erreicht. Ich bin gespannt was nun passiert. Charttechnisch hat der Dax jedoch auch noch Platz bis 3500 Punkte.