Diese Korrektur ist Tagesgeschäft - auf die Charttechnik achten!
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 16. Mai 2006 07:30 Uhr
ENL5462
Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
gestern Abend fluchte ich mehrfach wie ein Rohrspatz. Ich habe zwar eine gute Erziehung genossen, aber manchmal könnte ich gewisse – dauernd unerreichbare –Leute erwürgen. Die Unerreichbarkeit resultiert daraus, dass sich diese Personen meist hinter der Glaswand eines Fernsehapparates verkriechen. Sie und ich, verehrte Leser, werden von denjenigen Herrschaften mit geschmacklosen Krawatten, denen ich bereits in der Vorwoche einige warme Worte zugedacht hatte, permanent mit dummem Gerede zugepflastert. Und eben diese Leute bilden sich ein, dass es keiner merkt. Weil Sie und ich, liebe Leser, offenbar zu dumm sind sich daran zu erinnern, was diese Leute noch gestern als ultimative Wahrheit verkauft haben! Das ist empörend! Stimmen Sie mit den Füßen ab – und schalten Sie dergleichen Geplapper einfach aus!
Ich habe gestern gleich von zwei voneinander unabhängigen Schlaumeiern „erfahren“, dass die aktuelle Marktkorrektur nur die logische Konsequenz der zuletzt schwächeren Konjunkturdaten sei, welche auf eine Abschwächung der Gewinndynamik bei den unternehmen hindeute. Ach so. Nun ja, das hat eine in sich korrekte Logik, diese mögliche Argumentation hatte ich ihnen in den letzten Tagen ja mehrfach aufgezeigt. Aber so etwas kann man doch nicht ohne zu Erröten verbreiten, wenn man in den Wochen zuvor erklärt hat, dass die Kurse zuletzt gefallen wären, weil die Konjunkturdaten zu stark ausgefallen seien und verkauft würde, weil deshalb weitere Zinserhöhungen zu befürchten sind!
Heute Hü und morgen Hott – lassen Sie sich nicht veralbern!
Wir fassen also zusammen: Starke Konjunkturdaten sind schlecht für den Aktienmarkt. Wegen der Zinserhöhungen. Schwache Konjunkturdaten sind auch schlecht für den Aktienmarkt. Wegen der rückläufigen Unternehmensgewinne. Da muss man was tun! Am besten die Konjunkturdaten verbieten, was meinen Sie?
Es ist mal wieder das alte Spiel namens „ich verkaufe euch für dumm und keiner merkt’s“, das wir bereits im Anschluss an die letzten US-Arbeitsmarktdaten erlebt haben. Wenn ich keine Ahnung habe was los ist und wie es weiter geht, rede ich einfach schlau daher und man wird es mir glauben. So nicht: Ich glaube nichts! Schon lange nicht mehr! Und ich fordere Sie auf, werte Leser, ebenfalls in Zukunft zumindest zu hinterfragen, was man Ihnen an angeblichen Analysen auftischt!
Ist die Wahrheit vielleicht zu banal, um sie als Analyse ausgeben zu können? Muss man deshalb tiefgründige volkswirtschaftliche Zusammenhänge bemühen? Denn hinter den letzten, schwächeren Handelstagen stecken keinerlei nachhaltige Veränderungen der Lage und erst recht keine Trendwende. Sicher, es könnte eine werden. Aber das weiß man erst, wenn sie vollzogen ist. Und dazu bedarf es mehr als drei schwarzer Krähen. Die sind nämlich an allem schuld.
Drei schwarze Krähen gegen Bullen-Träume
Ja, letztlich ist es die Charttechnik gewesen, die in den letzten Tagen den Taktstock der Korrektur schwang. Speziell die japanische Candles-Analyse. Und ich gehe davon aus, dass wir auch in den kommenden Tagen auf die Charts und weniger auf die Konjunktur zu blicken haben um zu erfahren, wie sich die Kurse weiter entwickeln werden. Und zwar vor allem müssen wir hierbei auf den S & P 500 schauen:
Die laufende Korrektur hatte ihren Ursprung unmittelbar nach den US-Arbeitsmarktdaten, die am 5. Mai herauskamen. An diesem Tag steigen die Kurse deutlich an und schlossen nahezu auf Tageshoch. Daraus entstand eine lange, weiße Kerze, die im wichtigsten der US-Indizes, dem Standard & Poors 500 (S&P) die Widerstandszone bei 1.310/1.314 Punkten nach oben durchbrechen konnte. Ein sehr bullishes Signal! Dann aber kam das modrige Krähenvolk ins Spiel:
In den drei darauf folgenden Handelstagen traten die Kurse unter minimalen Schwankungen fast auf der Stelle. Dabei bildeten sich im oberen Bereich der weißen Kerze vom Freitag, sprich im Bereich der Freitags-Höchstkurse, drei kleine so genannte „Dojis“ aus, welche die am Freitag erreichten Hochs nie überbieten konnten. Dabei lagen alle drei in sich jeweils tiefer als am Vortag. Die Charttechniker nennen dieses Phänomen „three black crows“, drei schwarze Krähen. Es handelt sich um ein negatives Indiz, das auf eine Korrektur hindeutet. Der Hintergrund: Trotz positiver Entwicklungen zuvor kommen keine Anschlusskäufe, die neue Höchststände bewirken. Es wird erkennbar, dass dem Markt die Käufer ausgehen – und das macht die Bullen nervös, die Bären hoffnungsvoll.
(Kurzer Hinweis: Ab der nächsten Woche können wir seitens der technischen Möglichkeiten auch Charts abbilden, dann werden die Erläuterungen für Sie natürlich weit anschaulicher!)
Am Tag nach den „three black crows“ (Donnerstag) kam, dem negativen Signal folgend, deutlicher Verkaufsdruck auf. Dabei wurde die charttechnisch wichtige Zone 1.30/1.314 im Index unterschritten, die ja gerade erst zu einer Unterstützung geworden war. Die Bullen waren in eine Falle gelaufen! Viele, die auf diese Kaufsignale hin neu eingestiegen waren, stellten ihre Positionen schnell wieder glatt und erhöhten damit den Verkaufsdruck noch. Der erneute schwache Handelstag am Freitag war dadurch nur eine logische Konsequenz. Sie sehen: Hier lief alles nach typischen charttechnischen Spielregeln ab. Und das hätte allemal ganz genauso ablaufen können, wenn keine relevanten Konjunkturdaten in diesen Tagen auf den Tisch gekommen wären.
Die nächsten Unterstützungslinien werden entscheidend!
Verstehen Sie mich richtig, ich meine damit nicht, dass diese Daten für den Aktienmarkt keine Rolle spielen. Keineswegs! Doch speziell für diese, aktuell laufende Korrektur waren sie nicht entscheidend. Und das zu erkennen ist für Sie als Investor wichtig, denn Sie müssen wissen, wohin sie zu schauen haben, wenn es darum geht, wie sich die Aktienmärkte nun weiter entwickeln. Und da wird es aktuell schon wieder spannend:
Der S&P ist gestern im Tagestief in eine Unterstützungszone eingetaucht, die als kanalförmiger Aufwärtstrend von den Jahrestiefs im Januar entspringt. Diese Aufwärtstrendzone liegt momentan zwischen 1.278 und 1.287 Punkten und steigt pro Woche um ca. drei Punkte an. Würde der Index diese Auffangzone unterschreiten, ist zumindest mit einem schnellen, weiteren Rücksetzer bis 1.245/1.250 Punkte zu rechnen. Aber soweit ist es noch nicht, denn:
Gestern zogen die Kurse zum Handelsschluss wieder an und schlossen mit 1.294,50 fast genau auf Tageshoch und wieder oberhalb des vorgenannten Aufwärtstrend-Kanals. Dadurch bildete sich ein kleiner, so genannter „Hammer“ aus, der zumindest kurzfristig positiv zu werten ist. Dabei ist nicht unbedingt damit zu rechnen, dass es jetzt einfach wieder aufwärts geht, als wäre nichts gewesen. Ich gehe davon aus, dass sich die Kurse in den kommenden zwei bis drei Tagen in diesem Bereich zwischen 1.278 und bestenfalls 1.310 Punkten unter markanten Schwankungen aufhalten, bevor dann die Trendentscheidung fallen wird. Ob dann Konjunkturdaten oder die reine Charttechnik den Auslöser geben werden, sei dahingestellt. Aktuell dominiert aber definitiv die Charttechnik. Dabei gilt für unseren DAX ein ähnliches, aber leicht brisanteres Bild wie für den S&P:
Brisanteres Bild im Dax
Nach dem Break über 6.100 stagnierten die Kurse und bildeten auch hier drei kleine „Dojis“ aus. Die schwachen US-Börsen zogen den danach DAX sofort in die Tiefe. Ebenso wie in den USA entstand gestern dann nach zwei sehr schwachen Börsentagen ein „Hammer“, der allerdings nicht so positiv zu werten ist, weil der Index dennoch unterhalb der Tageshochs schloss. Der Haken ist hier: Der DAX hat Anfang März einen kurzfristigen Aufwärtstrendkanal gebildet. Und diesen hat er gestern unterschritten – und trotz der Erholung zum Handelsschluss nicht wieder erreicht. Zuvor wurde am Freitag bereits ein im Oktober ausgebildeter Aufwärtstrend gebrochen. Diese beiden Elemente waren vor allem dafür verantwortlich, dass der DAX überproportional zu anderen Indizes abgab – kurzfristige Trader zogen daraufhin die Reißleine. Hier gilt für diese Woche:
Der Index muss zügig wieder über den vorherigen Unterstützungen 5.860 bis 5.900 schließen. Wenn das in dieser Woche noch gelingt, ist nichts angebrannt. Wenn diese Aufwärtsbewegung aber nicht kommen sollte, wird sich die Korrektur mit hoher Wahrscheinlichkeit in den Bereich 5.550/5.650 fortsetzen. Kurzfristig orientierte Trader dürften ja bereits nach dem Unterschreiten der ersten Unterstützungen ausgestiegen sein. Wenn Sie mittel- bis langfristig in deutschen Aktien investiert sind, haben Sie aber noch keinen Grund, in hektische Betriebsamkeit zu verfallen. Mittelfristige Investoren sollten die Zone um 5.550/5.650 im Auge behalten, langfristige Anleger orientieren sich am entsprechend langfristigen Trend, und der – begonnen im Frühjahr 2003 – liegt bei 5.100 und damit in beruhigender Entfernung zur aktuell – ich will es noch einmal betonen – kurzfristigen Korrektur.
Beste Grüße und bis morgen!
Ronald Gehrt
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