Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Weitere Börsenthemen
vom
Guten Morgen, sehr geehrte Leserinnen und Leser!
Ich hätte es mir ja denken können: So leicht geben sich US-Statistiker nicht geschlagen, wenn dunkle Wolken am Horizont stehen. Die am Freitag veröffentlichten Arbeitsmarktdaten waren angetan, auch den routiniertesten Grüblern die Gehirnwindungen quietschen zu lassen. Und wenn man dann endlich mit allen gelieferten Informationen durch ist bekommt man das Gefühl, dass man doch – wie in alter Väter Sitte – mit den Statistiken am besten bedient ist, die man höchstselbst gefälscht hat.
Die wundersamen Entwicklungen am Arbeitsmarkt
Ich will, um all das mal aufzudrudeln, mit dem beginnen, was im Vorfeld als Prognose da stand: Die Prognose für Oktober lautete auf (Vormonat in Klammern) 125.000 – 135.000 neu geschaffene Arbeitsstellen (51.000), eine Arbeitslosenrate von 4,7% (4,6%) und einen Anstieg der durchschnittlichen Stundenlöhne um 0,3 bis 0,4% (0,2%).
Auf den Tisch des Hauses flatterten am Freitag um 14:30 Uhr dann folgende Zahlen: Neu geschaffene Arbeitsstellen 91.000 (Prognose 125 – 135.000). Das ist klar schlechter als erwartet. Aber: Revision der neu geschaffenen Arbeitsstellen im Vormonat September: 148.000 statt vor einem Monat gemeldeten 51.000 - das ist klar eine positive Überraschung. Arbeitslosenrate 4,4% - also ein Minus von 0,2% statt des erwarteten Anstiegs um 0,1%. Steigerung der durchschnittlichen Stundenlöhne um 0,4% und damit am oberen Ende der Erwartungen (Vormonat +0,2%).
Jobs aus heiterem Himmel
Ich setze mich nun also hin und überlege: Auf einmal liegt die Zahl neuer Jobs im September dreimal (!) so hoch wie zuvor. Na, man kann sich ja mal verrechnen ... oder nicht? Die Argumentation lautet, dass man die Berechnungsmethoden wieder mal geändert habe. Das macht man gerne, wenn die Daten zu schlecht werden, siehe Warenkorb bei der Inflationsberechnung. Tja, und bei der Gelegenheit habe man da so ein paar Hunderttausend Jobs entdeckt, die bislang nicht in der Berechnung drin waren. Insgesamt waren es 800.000. Sie kennen das, da rutscht Ihnen mal ein Blatt vom Schreibtisch und schwupp .... ist es monatelang verschwunden. Übrigens wurden in diesem Zusammenhang auch noch die August-Jobs nach oben revidiert – von 188.000 vorher auf nun 230.000.
Nun könnten böse Geister argwöhnen, dass derartige Erfolgsmeldungen ja gerade rechtzeitig zu den morgigen Zwischenwahlen über die Nachrichtensender gehen. So ein Glück für die Regierung, nicht wahr?
Wenn man sich den Verlauf der existenten Arbeitsplätze und deren Gesamtzahl von 136 Millionen ansieht wird klar, dass es so kein Wunder ist, dass die Arbeitslosenrate wundersam auf 4,4% gesunken ist.
Bemerkenswerterweise kam selbst auf Nachfrage eines CNBC-Reporters beim zuständigen Staatsminister nicht so klar rüber, woher denn genau diese Jobs kamen. Unterirdisch arbeitende Leute, die man deswegen nie sehen konnte? Wer weiß? Oder hat man diverse Jobs aus dem landwirtschaftlichen Bereich, der ja in den Daten immer herausgerechnet wird, jetzt dem „Non-Farm“-Bereich zugeordnet? Möglich. Aber offen gesagt – es ist auch egal. Denn wenn man nur lange genug an Statistiken herumschraubt, bekommt man das Ergebnis, das man haben will!
Dass die Steigerung der durchschnittlichen Stundenlöhne mit +0,4% ein wenig zu hoch ausgefallen waren, um das erneut aus der Versenkung gesprungene Inflationsgespenst wieder in selbiger zu versenken, wurde von den im Plus eröffnenden Märkten zunächst nicht zur Kenntnis genommen. Vor allem nicht von den deutschen Akteuren. Nachdem man gestern den Dax zu Boden warf, weil nicht unsere, sondern die US-Produktivitätssteigerung bei Null angelangt war, ging es heute in die Gegenrichtung. Nach den Daten hüpfte der Dax wie Kai aus der Kiste senkrecht nach oben ... zunächst.
ISM: Gesamtwert topp, Einzelkomponenten mau
Um 16:00 Uhr folgte dann noch der Einkaufsmanager-Index für den Dienstleistungssektor für Oktober (ISM Services-Index). Hier hatte der September einen relativ schwachen Wert von 52,9 gebracht, das war der tiefste Stand seit April 2003. Die Erwartungen zielten auf eine Erholung in den Bereich zwischen 54,5 und 55 ab (Werte über 50 bedeuten Wachstum). Die tatsächliche Zahl lag weit darüber, nämlich bei 57,1! Das Lustige:
Wie auch immer die Schöpfer dieser Indizes rechnen, es wird auch gleich immer dazu gesagt, dass es sich hier nicht um eine gewichtete Summe der Einzelindizes handelt. Daher darf es nicht zu sehr verwundern, dass alle Subindizes, der auf den ersten Blick positiven Zahl zum Trotz, gefallen sind: Der Auftragseingang fiel von 57,2 auf 56,5. Die Beschäftigungskomponente fiel von 53,6 auf 51,0. Positiv nur, weil inflationsdämpfend, der Preisindex mit seinem Fall auf 51,9 von 56,7.
Nachdenken macht Knie weich
Als der Börsenhandel erst einmal lief, schienen sich dann aber einige Akteure doch so ihre Gedanken zu machen. Wenn, so die folgerichtige Überlegung, die Daten der letzten zwei Monate so deutlich durch JUH (Jobs unbekannter Herkunft) aufgeblasen wurden, dann doch auch für den Oktober. Wenn man nun aber die Revisionen von über 40.000 Stellen im August und fast 100.000 im September mal nur als grobe Richtlinie nimmt ... was wäre dann im Oktober auf den Tisch gekommen, wenn man diese ominösen übersehenen Arbeitsstellen nicht rechtzeitig entdeckt hätte?
Man mochte sich wohl auch gefragt haben, ob 0,4% Lohnsteigerungen im September gut für die Inflation sind und die Einzelkomponenten des ISM Services-Index nicht eher schlecht. Wer sich all diese Fragen gestellt hat, kam natürlich zu dem Schluss, dass der schöne Schein getrogen hat und die Daten vom Freitag eigentlich genauso mies waren wie all die anderen Zahlen der Woche.
Dow Jones: Angezählt, aber nicht ausgeknockt
Dass sich die Marktteilnehmer mehrheitlich dessen bewusst worden sein dürften, zeigt der Kursverlauf der US-Börsen, die eine Stunde nach Handelsbeginn ins Minus drehten und letztlich auch dort blieben.
Dass sich die Abschläge auch diesmal wieder in Grenzen hielten, sollte man nicht zu positiv bewerten. Ich hatte ja zuletzt öfter angesprochen, dass es seine Zeit dauert, bis sich eine veränderte Gesamtlage in den Kursen nachhaltig niederschlägt und ebenso, dass es meist am Ende nicht die unmittelbaren schlechten Nachrichten sind sondern eine eher unbedeutende Kleinigkeit, die dann das Fass zum Überlaufen bringt.
Aus chart- und markttechnischer Sicht ist aber trotzdem Alarmstufe „dunkelgelb“ unverändert angemessen. Im Tageschart sehen Sie, dass der Dow Jones nun seinen 20 Tage-Durchschnitt unterschritten hat und sich der unteren Begrenzung des die Kurse seit August begleitenden Aufwärtstrendkanals nähert. Ich denke jedoch, dass ein Unterschreiten dieses ohnehin mehr skizzenhaft gültigen Trends noch nicht das eigentliche Signal zur Wende sein wird.
Denn weitaus markanter ist die (im nachstehenden Wochenchart besser erkennbare) Zone zwischen dem ursprünglichen Allzeithoch aus dem Jahr 2000 und den im Mai markierten Topps zwischen 11.640 und 11.750. Denn würde diese Auffangzone unterboten, würde neben den ohnehin schon auf Verkauf gedrehten Indikatoren auf Tagesbasis auch der Wochen-MACD auf rot schalten und sofort den Anlauf an die Unterstützungen bei 11.200/11.250 und danach mittelfristig auf 10.700 freigeben. Und wenngleich das nach viel klingt: Bis 10.700 sind es gerade einmal etwas mehr als 10% - ein normales Maß für eine Korrektur.
Ich gehe davon aus, dass die nun begonnene Woche eine erste Entscheidung bringen wird, ob, wie schnell und eventuell sogar wie weit jetzt Potenzial nach unten besteht. Besonderes Augenmerk wird dabei natürlich auf den Zwischenwahlen in den USA liegen ... mit denen ich mich natürlich ebenfalls beschäftigen werde.
Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag – bis morgen!
Ronald Gehrt


