Die Worte des Greenspan
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 12. August 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Alan Greenspan steht heute wieder im Mittelpunkt des Marktgeschehens. Dabei rechnet wohl kaum jemand mit einer Zinssenkung. Vielmehr geht es darum, was genau Greenspan sagen wird. Wird er auf die laufende Konjunkturerholung eingehen? Wird er die Hoffnung der investierten Amerikanern erfüllen und blühende Landschaften prognostizieren?
Erst einmal werden die Zinsen unverändert bleiben. Alles andere würde die Märkte schocken. Ein unveränderter Zins bedeutet, die wirtschaftliche Erholung ist noch nicht stabil genug, um eine Zinserhöhung zu verkraften, dabei wiederum nicht schwach genug, um eine weitere Zinssenkung zu rechtfertigen. Das gibt genau die Situation wieder, die die US-Konjunkturdaten und die Unternehmensnachrichten erkennen lassen. Hier sind sich scheinbar alle einig.
Und trotzdem werden die Analysten wie eh und je an den Lippen von Old Greeny hängen. Er wiederum wird sich in langen Sätzen verlieren, die er derart geschickt verschlüsselt, dass jeder alles versteht und keiner Bescheid weiß. Kein Wunder, dass das Lager der Gegner von Greenspan mit jedem Tag größer und größer wird. Der Magier der Märkte degradiert sich zum Prügelknaben der Baisse.
Die europäischen Märkte sehen der heutigen Entscheidung offenbar mit Freude entgegen. Die Hoffnung auf positive Kommentare lässt den Dax gerade um 1,37 % im Plus notieren. So verbleibt in diesen heißen Sommertagen an den umsatzschwachen Urlaubs-Börsen zumindest ein wenig Spannung, denn wer weiß, was old Greeny wirklich denkt, sieht, macht, machen muss.
Vielleicht denkt Greenspan ja auch: "Die Zeiten der New Economy sind zum Glück vorbei", Greenspan mochte sie schließlich nie. Die alten Standardwerte der amerikanischen Wirtschaft haben wieder das Sagen. Einige erobern durch das Hintertürchen ihre alte Vormachtstellung zurück. Irgendwie passt es da sehr gut, dass AOL Tim Warner nun das "AOL" verlieren soll. Nichts wird mehr daran erinnern, dass einst ein Highflyer aus der New Economy, dieses alte traditionsreiche Unternehmen übernommen hatte. Alles wieder so wie früher in Amerika? Zumindest fast ... Das Ziel der amerikanischen Notenbank erreicht? Eine sehr böse und sicherlich nicht ganz wahre Unterstellung ...
Aber verlassen wir den Bereich wilder Spekulationen. Kommen wir zum aktuellen Wettrennen zwischen der Fed und einer langjährigen Rezession. Im Moment punktet die Fed. Den Börsen reichen diese Punktgewinne noch nicht, sie stehen wartend (Seitwärtsbewegung) und schauen sich um, wo denn die US-Konjunktur bleibt. Diese schleppt sich hinterher, stöhnend unter der Last der Verschuldung und der Arbeitslosigkeit u.a ... Die Bullen hoffen, Alan wird es schon richten, wird die richtigen Worte finden. Nur die Amerikaner zeigen sich gerade (nach ihrer Eröffnung) nervös und können sich nicht so recht von den Schlusskursen des Vortages entfernen.
Sollten die Worte des Greenspan positiv interpretiert werden und es trotzdem zu weiteren Kursverlusten kommen, können Sie getrost Puts kaufen. Im Moment rechne ich jedoch in diesem Fall mit zunächst steigenden Kursen.
Interessant, dass die aktuelle Seitwärtsbewegung sowohl von Bullen, wie Bären als gutes Zeichen interpretiert wird.
Die Bullen sagen: "Die aktuelle Konsolidierung verläuft derart moderat (Seitwärtsbewegung), dass bald wieder mit Kursteigerungen zu rechnen ist. Offenbar will keiner seine Aktien verkaufen, warum sollte er auch. Nach den letzten US-Konjunkturdaten ist ein deutlicher Konjunkturaufschwung mehr als wahrscheinlich."
Die Bären sagen: Die Seitwärtsbewegung beweist, dass den Bullen die Luft ausgeht. Trotz (scheinbar) guter Nachrichten, können die Bullen die letzten Hochs nicht mehr überwinden. Eine Konsolidierung verläuft grundsätzlich gegen die letzte Bewegung unter fallendem Umsatz (das wäre in diesem Fall "steil" abwärts). Diese Seitwärtsbewegung ist ein deutliches Zeichen für die Ausbildung eines Tops, langfristige Kursverluste sind die Folge."
Sie dürfen sich nun eine Argumentation heraussuchen. Die Charttechnik hingegen fasst oben genanntes pragmatisch zusammen: Bei einer Seitwärtsbewegung kommt es darauf an, in welche Richtung diese gebrochen wird. Mit anderen Worten: Werden die Hochs nachhaltig übertroffen, geht es weiter nach oben; wird die untere Begrenzung gebrochen, weiter nach unten.