Die Wirtschaft braucht Fieber ...
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 17. November 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Der Nikkei fiel heute Nacht um 3,74 % unter die 10.000er Marke. Auch der Dax geriet mit fast 2,5 % Minus unter die Räder. Die Medien geben vor, die Anschläge in Istanbul und die Terrorwarnungen hätten die Märkte gedrückt. Natürlich ist das nicht ganz falsch. Aber es ist nur ein Teil der Wahrheit. Wenn es so wäre: Politische Börsen sind kurze Börsen. Mit anderen Worten, der Effekt würde schnell verpuffen.
Ich für meinen Teil bin eher der Ansicht, dass der gestiegene Erzeugerpreisindex ein wesentlich wichtigeres und besonders nachhaltigeres Signal darstellt. Man konnte es am Freitag zum Schluss hin erkennen. Ich hatte bereits mehrfach geschrieben, dass die Amerikaner dazu neigen, erst einmal "nachzurechnen". Offensichtlich brauchen die Tradingfloors der Institutionellen Zeit, um sich auf Zahlen außerhalb der Erwartungen einzustellen. Ich stelle mir es so vor: Nach überraschenden Konjunkturdaten wird eine Notsitzung anberaumt, auf der das weitere Vorgehen beraten wird. Folgend werden dann Aktien-Positionen gefühlvoll gekauft oder in den Markt gedrückt. Die deutlichen Kursabgaben zum Ende des Freitagshandels scheinen zu bestätigen, dass die Zahlen nicht gefallen haben.
Der Erzeugerpreisindex ist ein durchaus sehr ernstzunehmender Index. Er stellt ein Frühindikator für Inflation dar, dem der Konsumentenpreisindex (logischerweise) hinterherläuft. Ein derart starker Anstieg um 0,8 % sollte eigentlich kein Einmaleffekt sein, zumal die fundamentalen Umstände eine steigenden Inflationsrate fast zwingend erfordern. Zum Beispiel stiegen in letzter Zeit die Rohstoffpreise, sicherlich auch ein Effekt des schwachen Dollars. Die amerikanischen Firmen müssen demnach teurer einkaufen. Natürlich werden die Erzeuger versuchen, diese gestiegenen Preise an die Konsumenten weiterzugeben. Sollte das jedoch aufgrund des starken Konkurrenzkampfes nicht gelingen, beeinträchtigt das die Gewinnspannen der Firmen. Denn eins hat die letzte Berichtsaison gezeigt, die Umsätze sind nicht dramatisch gestiegen.
Das bringt mich einmal mehr zu dem entscheidenden Punkt: Nach diese gigantischen Hausse bis 2000 hat einfach eine längere Rezession gefehlt. Es ist wie bei einer Krankheit. Wir denken zu "symptomorientiert". Das Fieber wird als Krankheit empfunden, dabei ist das Fieber eigentlich ein "Gesundwerden". Ähnlich ist es bei einer Rezession. Die Rezession ist nicht die Krankheit. Die Krankheit geschah vorher, während der Endphase der Hausse. Man könnte sie auch als Blindheit/Gier/Hysterie bezeichnen. Die Rezession ist wie das Fieber, sie versucht die Produktionsüberschüsse zu beseitigen – in den Firmen wird das Schlechte, Unnötige und wenig Produktive beseitigt. Firmen die sich nicht behaupten können, gehen unter. Dadurch sinkt der Konkurrenzdruck und die produzierten Stückzahlen. Das alles ist eigentlich ein Prozess der Genesung.
Natürlich ist es dem Menschen schwer zu vermitteln, dass eine Rezession das eigentlich Gesunde ist, während die Hausse zum Ende das Kranke war. Denn genauso wie bei einer Krankheit spüren Sie die Ansteckung kaum, auch die Inkubationszeit vergeht meistens harmlos, die ersten Anzeichen werden gerne übersehen. Erst wenn das Fieber kommt, erkennen Sie: da ist etwas nicht richtig. Und erst wenn das Fieber weg ist, haben Sie das Gefühl "gesund" zu sein.
Die Fed hat nun versucht, die Symptome zu bekämpfen, nicht jedoch die Ursachen. Und wie so oft, wenn lediglich das Symptom bekämpft wird, bricht die Krankheit an anderer Stelle wieder auf.
Der Erzeugerpreisanstieg ist ein erstes Anzeichen dieser Symptomverschiebung in eine Inflation. Deswegen nehme ich an, dass am Freitag dieser überraschende Anstieg ernsthafte Sorgenfalten auf die Stirn vieler institutioneller Anleger geworfen hat.
Man muss sich nur überlegen wie die Fed reagieren wird. Sollte es tatsächlich zu einer "ausufernden" Inflation kommen, dann müsste die Fed die Zinsen in mehreren Schritten drastisch wieder anheben. Das würde natürlich die Märkte elendig abwürgen. Ganz zu schweigen von dem Effekt auf die Hypothekenblase. Diese würde zerplatzen wie eine Seifenblase an der Zimmerdecke. Dabei ist im Moment kaum absehbar, welche Folgen das wiederum auf die Märkte haben könnte.
Doch dies alles tritt natürlich nur dann ein, und ich bitte das zu beachten, wenn die Inflationsrate in den USA wirklich deutlich und nachhaltig steigen sollte. Bis dahin sind oben genannte Gedanken noch reine Spekulation. Sie kennen mich und ich warne immer davor einzelne Daten überzubewerten. Im Moment kann man also noch ruhig abwarten. Denn wenn dieser Effekt eintreten sollte, bleibt noch viel Zeit, um in Puts einzusteigen. Faszinierend bei diesem Szenario wäre, dass wiedereinmal die Charts diese Entwicklung mit ihren Broadening Tops frühzeitig angekündigt hätten.
Andererseits würde es mich schon wundern, wenn nicht noch einmal ein Run auf die 10.000 Punkte im Dow versucht würde. So ein letztes Aufbäumen. Ich kenne die Märkte und weiß, leicht machen sie es den Anlegern nicht. Deswegen seien Sie vorsichtig. Lassen Sie sich nicht von den offenbar eindeutigen Fundamentaldaten hinreißen und steigen Sie nicht zu schnell mit zu großen Summen in den Markt. Hier empfiehlt es sich vielleicht (wirklich) kleine Positionen aufzubauen, und diese dann nach und nach auszubauen. Wie gesagt, sollte die USA in die Inflation abrutschen bleibt für ein solches Vorgehen viel Zeit.
Denn es gibt auch positivere Nachrichten. Das US Verbrauchervertrauen der Uni Michigan ist angesprungen. Auch darüber habe ich nachgedacht. Natürlich hat sich hier die Beruhigung auf dem Arbeitsmarkt ausgewirkt. Die optimistischen Amerikaner gehen davon aus, dass das scheinbar gigantische Wirtschaftswachstum neue Arbeitsplätze schaffen wird. Nachdem sich die Arbeitsmarktdaten in den letzten Wochen verbesserten, war eigentlich logisch, dass dieser Bereich des Verbrauchervertrauens sich verbessern musste. Das hat unter anderem diesen deutlichen Anstieg bewirkt. Nur, wenn diese Arbeitsmarkteffekt saisonal bedingt sein sollte ...
...
Heute kann ich Ihnen keinen Firmennachrichten und Konjunkturdaten liefern, denn am späten Nachmittag findet in Bonn das "Gipfeltreffen" der Chefredakteure der verschiedenen Börsenmedien unseres Verlages statt. Auf diesem Treffen werden die einzelnen Chefredakteure ihrem "Ausblick auf die Märkte 2004" vorstellen und kontrovers diskutieren. Es geht dabei um Fragen wie: Wo wird sich die Weltwirtschaft im Jahr 2004 befinden; wie werden sich dabei die verschiedene Wirtschaftsräume (Asien, Europa, Amerika) entwickeln und nicht zuletzt: Wohin werden die Rohstoffpreise (Gold,Öl) und die Devisen (Dollar,Euro,Yen) tendieren. Die Ergebnisse dieser Debatte werden zusammengefasst und natürlich an unsere Kunden weitergegeben.
Da ich weiß, dass die Chefredakteure zum Teil sehr differierende Meinungen vertreten, hoffe ich auf einen hoch interessanten und insbesondere konstruktiven Nachmittag.