Die Wiederauferstehung Russlands
Eric Kraus in Investors Daily zum Thema Global Anlegen
vom 22. Oktober 2002 18:00 Uhr
ENL5454
Russland war im 20. Jahrhundert die Plattform für großflächige Experimente mit Ideologien. Man sollte aber nicht vergessen, dass der sowjetische Kommunismus nicht nur ein System der Repressionen und der Angst war – obwohl das nicht vergessen werden sollte –, sondern auch ein System der Planung, des Vertrauens und der sozialen Kontrolle.
Das sowjetische System basierte theoretisch auf der marxistisch-leninistischen Theorie, zu der alle Lippenbekenntnisse abgaben, aber viele glaubten auch ehrlich an diese Theorie. Die Wirtschaft war durch extreme Zentralisierung der Kontrolle und der fast totalen Abwesenheit von Privateigentum gekennzeichnet. Geld übernahm keine regulierende Rolle (über die Preise), denn die Preise waren fix. Die Rubel waren eigentlich nur Verrechnungseinheiten, sie beeinflussten die Produktion. Die Güter wurden staatlich verteilt, mit Privilegien für einige, was zu den unermesslichen Schlangen vor den Geschäften führte. Besonders die ganz Jungen und die Alten haben einen bedeutenden Teil ihres Lebens wartend in solchen Schlangen verbracht.
Der Kollaps der Sowjetunion hat zu der größten Privatisierungswelle der Geschichte geführt, und gleichzeitig zum Zusammenbruch der Sowjet-Bürokratie, die die Wirtschaft zuvor gemanaged hatte. Die alten Institutionen brachen weg, bevor neue richtig entstanden waren – die Gesellschaft wurde in eine Art Vakuum gestoßen.
Der Nachteil dieses bemerkenswert friedlichen Prozesses war, dass die Sowjetunion nicht den Prozess der Entsowjetisierung durchmachte (wie die meisten anderen osteuropäischen Staaten). In Russland wechselten die alten Funktionäre einfach die Seiten und wurden plötzlich enthusiastische Kapitalisten. Deshalb ist es nicht besonders überraschend, dass die Privatisierung der Rosinen der Wirtschaft – Ölgesellschaften z.B. – außerordentliche Gewinne für die alten Apparatschiks brachte. Eine neu Generation von jungen Yuppies und alte "Rote Direktoren" arbeiteten Hand in Hand.
Die russische Geschichte ging lange um den Wechsel zwischen guten und schlechten Zaren. Ich gehe davon aus, dass Putins Wahl eines der besten Dinge war, die Russland im letzten Jahrhundert passieren konnten. Unter seiner Präsidentschaft ist der turbulente Prozess der kreativen Destruktion, der 1991 mit dem Zerfall der Sowjetunion begann, gestoppt wurden. Stattdessen scheint es jetzt eine Periode nachhaltigen Wachstums zu geben. Völlig missinterpretiert von der westlichen Presse hat sich Putin sehr schnell als Reformer profiliert, der zudem ein überraschend brillanter Politiker ist, ein begabter Diplomat, und besonders wichtig, ein entschlusskräftiger Administrator. Es fällt auf, dass der Westen Russland mittlerweile – und besonders seit dem 11. September 2001 – anders sieht. Es geht nicht mehr um "Russische Spionage", sondern um "Russische Reformen". Die New York Times und The Economist loben die russischen Reformen.
Die ausländischen Investitionen in Russland werden die nächste Phase einläuten. Die Liste der Reformen, die Putin eingeleitet hat, wird zugegeben langsam unübersichtlich. (Aber ich möchte daran erinnern, dass in der letzten Dekade unter Jelzin keine dieser Reformen auf den Weg gebracht wurde.)
Ich nenne Ihnen einmal ein paar der Änderungen, die für ausländische Investoren wichtig sind, beginnend mit den wichtigsten: Die erste große Reform von Putin war ein Experiment mit der sogenannten Laffer-Kurve (Volkswirte wissen, wovon ich spreche). Die russische Einkommenssteuer wurde auf 13 % fixiert, und auch die Unternehmenssteuern wurden vereinfacht und gesenkt. Das Ergebnis: Statt einem chronischen Budgetdefizit erzielt Russland jetzt einen Überschuss in Höhe von 1,4 % des Bruttoinlandsproduktes. Und obwohl es immer noch Skandale im Unternehmenssektor gibt, reichen diese nicht mehr an die Exzesse der Vergangenheit heran. Besonders bei den Öl-Multis wurden erfolgreiche Gegenmaßnahmen eingeleitet. Die Transparenz der besten russischen Gesellschaften ist jetzt nicht schlechter als die der US-Firmen, die sich im niedrigsten Viertel der Transparenz befinden. Sie ist deutlich besser als die von einigen dubiosen amerikanischen Firmen!
Die Bankenreform nach 1998 war allerdings ein Fehler – der Ex-Chef der russischen Zentralbank, Victor Geraschenko, bezeichnete sie als den vielleicht größten Fehler der russischen Reformen. Das hätte er nicht öffentlich sagen sollen. Letzten Frühling wurde er entlassen, nachdem er versucht hatte, die Bankenreform im Parlament zu blockieren.
Er wurde durch den Technokraten Ignatyew und den fähigen Ökonom Vyugin ersetzt. Die Bankenreform wird jetzt bald in Kraft treten.
Was bedeuten diese Reformen für potenzielle ausländische Investoren? Neben dem Haushaltsüberschuss erzielt Russland auch einen Überschuss in der Handelsbilanz. Die Devisenreserven sind extrem gestiegen, stehen jetzt bei fast 45 Milliarden Dollar – das ist mehr als der gegenwärtige Kurswert von allen ausstehenden russischen Eurobonds!
Die Kapitalflucht nimmt weiter ab, die Rohstoff-Exporte weiter zu, weshalb die Devisenreserven derzeit zwischen 300 und 500 Millionen Dollar pro Woche zunehmen.
Das Parlament hat einem Plan des Finanzministeriums zugestimmt: Der Rückkauf sämtlicher russischen externen Schulden. Vor diesem Hintergrund sieht der russische Schuldenberg sehr bescheiden aus: Ende 2003 soll er bei 40 % des Bruttoinlandproduktes liegen – weniger als in den meisten anderen G7 Staaten.
Der Schuldendienst hängst sowohl von der Zahlungsbereitschaft als auch von der Zahlungsfähigkeit des Landes ab. Die Zahlungsbereitschaft der Putin-Administration wurde beim jüngsten Treffen der Gläubiger (Pariser Club) von Putin klar demonstriert. Die Zahlungsfähigkeit wird durch steigende Ölexporte, Wachstum, fiskalische Disziplin und den Handelsbilanzüberschuss weiter gestützt. Die Situation auf den globalen Märkten scheint derzeit jedoch bedrohlicher zu sein als je zuvor in den letzten 4 Jahren. Aber die russischen Bonds korrelieren nicht mehr mit denen der anderen Emerging Markets, dank der exzellenten wirtschaftlichen Performance Russlands und der politischen Stabilität.
Auf der anderen Seite sind die russischen Aktien von "extrem unterbewertet" auf "relativ billig" gestiegen – damit haben sie sich in gewisser Form der internationalen Bewertung angenähert, was man als Korrelation bezeichnen könnte.
Angesichts der günstigen Bewertung vieler russischer Aktien und der Abwesenheit größerer Risiken – was nicht bedeutet, dass globale finanzielle Turbulenzen die Volatilität nicht kurzfristig erhöhen können – gehe ich fest davon aus, dass die russischen Aktien mittelfristig ihre massive Outperformance der letzten Jahre fortsetzen können.
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